1. Startseite
  2. Sport
  3. Mehr Sport

Gefangener der Sucht nach Ruhm

Erstellt: Aktualisiert:

Kommentare

- Esch-sur-Alzette - Als David Millar im Jahr 2000 sein Tour-Debüt gab, tat er dies auf besonders aufsehenerregende Art. Der Schotte gewann als 23-jähriger Debütant den Prolog. Andere träumen vom Gelben Trikot ein Radfahrer-Leben lang vergebens, Millar eroberte es innerhalb von 19:03 Minuten. Vor der Siegerehrung präsentierte er sich mit einem Hemd, auf dem der leicht abgeänderte Slogan einer Bierfirma stand: "It's Millar time." Es ist Millar-Zeit. Und man war sich sicher, dass für diesen 1,91 m großen Hünen mit Herzensbrecher-Lächeln noch größere Zeiten anbrechen würden. Doch es sollte anders kommen. Millar wurde des Epo-Konsums überführt und zwei Jahre gesperrt. "Ich bin zur Hölle abgestiegen." Doch während andere in diesen Tagen von der Tour ausgeschlossen wurden, kehrte Millar als geläuterter Dopingsünder zurück. Er sagt nun: "Ich bin hundert Prozent sauber. Ich will eine positive Botschaft liefern für den Sport und für die Jugend."

Millar, ein in Malta geborener und in Hongkong aufgewachsene Sohn eines Piloten, machte nach seinem Blitzstart alsbald auch schmerzhaft Bekanntschaft mit den Stahlbädern des Velosports. In einem Dokumentarfilm über den Tour-Auftritt 2001 seines Teams Cofidis ist Millar nach dem Rennen auf der Massagebank zu sehen: Er schreit und weint und verflucht einen Teamgefährten, weil ihm dieser versprochen hatte, diese Etappe werde leichter als die vorangegangene. Millar gab bei der Tour 2001 nach zehn Tagen auf. Er verdiente zu diesem Zeitpunkt schon eine Menge Geld, 250 000 Euro im Jahr. Als die Erfolge ausblieben, ließ er sich von seinem Teamgefährten Massimiliano Lelli dazu überreden, eine Epo-Einkaufstour in Italien zu unternehmen. "Ich habe mich gedopt, weil es mein Job war, mit einer guten Platzierung anzukommen. Ich wollte nicht kritisiert werden", erzählte er.

Und tatsächlich stellt sich die angestrebte Wirkung ein. Millar siegte wieder auf der Tour: 2002 in Bezier, 2003 beim Zeitfahren in Pornic, als er bei strömendem Regen Lance Armstrong und Jan Ullrich hinter sich ließ. Im gleichen Jahr wurde er auch Zeitfahr-Weltmeister. Millars Jahresgehalt stieg auf 800 000 Euro. Seine jeweils 12 000 Euro teuren Epo-Kuren machte er mittlerweile bei Jesus Losa, dem damaligen Arzt des baskischen Teams Euskatel.

Doch Millar wurde plötzlich von Skrupeln eingeholt. Die zwei Spritzen, die er vor seinem WM-Titel benutzte, nach er mit nach Hause: "Es waren Zeugnisse der Schande. Ich wollte nicht vergessen, dass ich gedopt Weltmeister geworden bin." Die Sucht nach Ruhm und Geld bedeuteten zugleich, dass er noch mehr Epo brauchte: "Ich wurde zum Gefangenen jener Person, die ich als Radfahrer geworden war." Bei einer Hausdurchsuchung wurde Millar überführt, die Dopingfahnder entdeckten auch jene zwei Spritzen, die er als trauriges WM-Souvenir aufbewahrt hatte.

Die folgende Dopingsperre erlebte der Schotte als Desaster: "Meine Welt war auseinander gebrochen." Er fing zu trinken an, stürzte sich ins Nachleben. "Es war eine Flucht." Nun startete der 29-Jährige mit einem 17. Platz im Prolog in sein zweites Sportlerleben. Ein unspektakulärer Auftakt. Doch Millar ist froh, überhaupt dabei zu sein: "Ich werde in den kommenden drei Wochen leiden - aber weitaus weniger als in den vergangenen zwei Jahren."

Auch interessant

Kommentare