1. Startseite
  2. Sport
  3. Mehr Sport

Gewandte Akrobatin am Kunstfelsen

Erstellt: Aktualisiert:

Kommentare

- Die Grenzerfahrung wartet in drei bis vier Metern Höhe: Kopf und Fuß berühren sich fast, Monika Retschys Körper ist zum Zerreißen angespannt, dehnt sich dabei maximal, hängt wie im Spagat an der Kunstkletterwand. Jetzt kommt das gezielte Umgreifen der Arme, das genau kalkulierte Nachschieben mit den Beinen, im richtigen Moment muss Retschy alle verfügbare Kraft abrufen.

50 Kilo Lebendgewicht im Kampf mit der Schwerkraft, Akrobatik am Kunstfels - das ist Bouldern. "Du reihst die schwierigsten Kletterstellen aneinander", sagt der Kadertrainer der Sektion Oberland des Deutschen Alpenvereins (DAV) Nils Schützenberger.

"Wenn du durchkommst, ist das der Kick", sagt die 14-jährige Münchnerin. Sie ist in ihrem blutjungen Sportlerinnenleben schon oft durchgekommen. So oft, dass sie mit knapp 15 Jahren nationale Spitze ist: Vor kurzem wurde Retschy in Karlsruhe deutsche Boulder-Jugendmeisterin. Schützenberger: "Sie gehört zur deutschen Elite mit internationalem Potenzial."

Monika Retschy weiß das, und Monika Retschy will das. In ihre Gesichtszüge mischt sich Stolz, eine für ihr Alter erstaunliche Entschlossenheit macht sich darin breit, als sie, nach ihrem schönsten Sporterlebnis gefragt, sofort antwortet: "Der Sieg in Karlsruhe." Schützenberger, der die Klettersportlerin seit eineinhalb Jahren trainiert, findet für ihr Profil folgende Formel: "Sie hat ausgesprochen hohes Bewegungstalent und verfügt über enorme Bewegungstechnik. Sie ist sehr intelligent und sehr ehrgeizig - Qualitäten eines Spitzentalents." Er gerät ins Schwärmen, wenn er von Retschys Auffassungsgabe erzählt: "Mit der konnte ich das Meisterschaftsvideo durchanalysieren wie mit einer Erwachsenen."

Monika erinnert sich, wie sie im Finale in Karlsruhe hintereinander vier Boulder-Routen zu durchklettern hatte, unterbrochen von jeweils vier Minuten Pause. Mit Kletterschuhen, Magnesium und sonst nichts. In der Regel liegen unter schwierigen Stellen Matten (Crashpadds), ein so genannter Spotter fängt Stürzende ab. 15 Wochenstunden Training forderte der aktuelle Erfolg. "Hochleistungssport", sagt Schützenberger.

Bevor Monika Retschy vor fünf Jahren richtig zu trainieren anfing, bayerische Bouldermeisterin 2005 und auch zweifache Deutschland-Cup-Gewinnerin im sogenannten Vorstiegsklettern in Höhen bis zu 20 Metern am Seil wurde, kletterte sie als Knirps mit dem DAV in den Kreuther Bergen herum. Schon viel früher, in den 50er Jahren, hatte der Amerikaner John Gill den Boulder-Stil (boulder = Geröllblock) geprägt. Noch früher, vor rund 100 Jahren, haben französische Alpinisten in Fontainebleau erstmals in dieser Richtung trainiert. Monika Retschy weiß von solchen Geschichtsdingen wenig. Sie ist ganz mit der Gegenwart beschäftigt. Und zwar mit verschärftem Blick auf die Zukunft, die heißt: Europameisterschaft 2007.

Auch interessant

Kommentare