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„Bei mir ging das richtig ab“: Gina Lückenkemper über Kritik, Florida und Grenzerfahrungen

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Von: Nico-Marius Schmitz

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Sprinterin Gina Lückenkemper
Brillierte in Wetzlar: Gina Lückenkemper © IMAGO/Julia Kneissl/SPP

Am Wochenende startet Gina Lückenkemper bei den Deutschen Meisterschaften in Berlin. Die Sprinterin zeigt sich in Top-Form, lief die 100 m zuletzt in 11,04. Das Interview.

München –Es läuft bei Gina Lückenkemper. Vor zwei Wochen in Wetzlar lief die 25-Jährige die 100 Meter in 11,04 Sekunden, ihre beste Zeit seit vier Jahren. Vor den Deutschen Meisterschaften in Berlin am kommenden Wochenende spricht Lückenkemper mit unserer Zeitung über das Training in Florida, Grenzerfahrungen und Probleme in der Gesellschaft.

Gina Lückenkemper, am Mittwoch haben Sie die DFB-Frauen besucht. Was waren Ihre Eindrücke?

Ich hatte ein Gespräch mit Nationaltrainerin Martina Voss-Tecklenburg und durfte auch beim Training zuschauen. Das finde ich immer sehr interessant, wenn man über den Tellerrand der eigenen Sportart hinausschaut. Es war eine tolle Erfahrung, das DFB-Team ist eine super Truppe.

Sie selbst zeigen mit 11,04 Sekunden eine starke Form. Nach Ihrem Lauf in Wetzlar sind dann auch ein paar Tränen geflossen.

Beim Training in Florida war schon mehrfach sichtbar, dass ich in einer so guten Form bin. Daher war es für mich nicht wirklich überraschend, solche Zeiten zu laufen. Aber im Training tolle Zeiten zu laufen und im Wettkampf tolle Zeiten zu laufen, sind zwei ganz verschiedene Paar Schuhe. Es war einfach Erleichterung: Hey, jetzt kann ich das gute Training auch wieder auf den Wettkampf übertragen.

Wie wichtig ist es für Sie, dass Sie in Florida eine sportliche Heimat gefunden haben?

Meine Trainingsgruppe in Clermont unter Lance Brauman, Pure Athletics, ist für mich super wichtig. Ich fühle mich pudelwohl. Es ist einfach unfassbar inspirierend, mit so vielen hochtalentierten Athleten trainieren zu können. Ich darf in einer Gruppe mit Weltmeistern, Olympiasiegern und Weltrekordhaltern trainieren. Das ist schon Wahnsinn. Das Umfeld tut mir unfassbar gut. Auch jetzt, während meiner Zeit in Deutschland, bin ich mit meinem Trainer und den anderen Athleten weiter im Austausch. Wir fiebern mit, wie es bei den anderen läuft. Ich bereue den Schritt, in die USA gegangen zu sein, in keiner Weise. Ich bin sehr glücklich mit der Trainingsgruppe.

Wie zu lesen ist, mussten Sie sich an die Intensität des Trainings erst gewöhnen.

Ich habe in Florida gelernt, auch über die Grenzen hinauszugehen. Das ist etwas, was ich vorher in diesem Ausmaß noch nicht so konnte. Aber, wenn man in einer Gruppe mit solchen Athleten trainiert, will man sich natürlich auch nicht die Blöße geben. Auch im Training will niemand Letzter werden. Wir pushen uns alle gegenseitig. Ja, das Training tut manchmal weh. Aber ich muss sagen, in Jahr drei sind die Schmerzen jetzt zumindest ein bisschen erträglicher geworden und nicht mehr ganz so extrem (lacht).

Ein dickes Fell braucht man als Leistungssportler auch abseits vom Training. Sie sagten zuletzt, dass Sie die letzten Jahre durch „den Dreck gezogen wurden“.

Man ist sofort der Buhmann, wenn es nicht läuft. Ich finde es in solchen Situationen erstaunlich, was sich manche Menschen rausnehmen, über andere Menschen zu urteilen. Menschen, die mich nicht kennen, die nicht wissen, wie ich trainiere, die nicht wissen, was ich in den Sport investiere, wollen mich beurteilen. Das finde ich immer sehr fragwürdig. Ich gehe ja auch nicht bei anderen Leuten ins Büro und beurteile Menschen für ihre Leistung im Job.

Ich finde es krass, wie schnell wir in unserer Gesellschaft über andere Menschen urteilen

Gina Lückenkemper

Hat Sie das mitgenommen?

Ich finde es ehrlich gesagt allgemein krass, wie schnell wir in unserer Gesellschaft über andere Menschen urteilen. Bei mir ging das in den vergangenen Jahren richtig ab. einfach, weil es bei mir mal nicht so lief. Da bin ich schon sehr traurig, dass es Menschen gibt, die – bildlich gesprochen – meinen, sie müssen auf andere, die am Boden liegen, noch mal drauf treten. Das war die letzten zwei Jahre schon erschreckend. In solchen Situationen sollte man sich doch die Hand reichen oder versuchen, andere Leute zu motivieren.

Am Wochenende stehen die Deutschen Meisterschaften an. Wie groß ist die Vorfreude auf Berlin?

Das Berliner Olympiastadion ist mein absolutes Lieblingsstadion. Ich liebe es, dort zu laufen. Die Atmosphäre ist immer klasse, ich fühle mich dort einfach wohl. Ich bin sehr gespannt, was für Zeiten auf die Bahn gebracht werden. Ich denke, es wird eine sehr schöne Meisterschaft.

Nach der DM stehen dann noch WM und EM dieses Jahr an. Ist das schwierig, da es nicht das eine große Highlight wie in einem Olympiajahr gibt?

Tendenziell ist das eher schwieriger. Weil man ja bei beiden Wettbewerben performen möchte und dadurch gewisse Ansprüche an sich selbst und den Körper gestellt werden. Und das innerhalb von kurzer Zeit, das ist eine richtige Hausnummer. Aber wir wussten alle lange genug, dass es diese Doppelbelastung gibt und hatten genug Zeit, uns entsprechend darauf vorzubereiten. Ich brenne auf beide Events, aber dadurch, dass ich mittlerweile in Bamberg lebe, ist der Reiz für die EM in München natürlich noch mal ein bisschen größer.

Interview: Nico-Marius Schmitz

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