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Gina Nazionale: Unsere Gold-Gina lief tatsächlich ganz ordentlich

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Von: Günter Klein

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Gina Lückenkemper beim Feiern.
Gina Lückenkemper beim Feiern. © Sven Hoppe

Der Dienstagabend schwingt noch immer emotional mit. Gina Lückenkemper holte Gold. Der Preis des Hechts ins Ziel ist eine Risswunde – jetzt geht es um die Aussichten der Staffel.

München – Man wird diesen Moment der Stille und ihrer Auflösung in einem Tosen niemals vergessen. Erst die Sekunden, in denen der Geräuschpegel nach unten ging: Gina Lückenkemper war ins Ziel eingelaufen, irgendwie mehr gehechtet, ihr Schwung riss sie zu Boden. Sie stand dann auf, unwissend, denn niemand hatte mit bloßem Auge entschlüsseln können, wie dieses 100-Meter-Finale der Europameisterschaft ausgegangen war. Lückenkemper war hinten gelegen, sie hatte aufgeholt. Medaille, das war klar – aber welche Farbe? Silber oder Bronze, Gold wohl eher nicht.

Doch die Einblendung auf den mächtigen Screens, die für die EM im Münchner Olympiastadion aufgestellt wurden, widerlegten die ersten flüchtigen Eindrücke: „1 Lückenkemper 10,99 Sekunden.“ Das Wettkampfprotokoll vermerkte für die Deutsche 10,984 Sekunden, für die Schweizerin Mujinga Kambundji 10,989. Fünf Tausendstel lagen zwischen ihnen – am Start war Gina Lückenkemper die Langsamste im Achter-Feld gewesen.

Das Bild, das am Dienstag Sportgeschichte illustrierte, hatte auch eine Farbe: rot. Gina Lückenkemper blickte auf ihre Hand, an der Blut klebte. Es war vom Bein, vom Knie. Es bekümmerte sie zunächst nicht, „weil ich voller Adrenalin war, ich wusste auch nicht, wie es passiert war“. Sie wurde behandelt, die Wunde verbunden, sie lief eine Ehrenrunde, die üblichen Medienverpflichtungen ersparte ihr der Deutsche Leichtathletik-Verband (DLV), schickte sie ins Krankenhaus. Denn über der Szenerie schwebte auch die Frage: Wie geht es weiter bei der EM? Die Sprintstaffel braucht Gina Lückenkemper.

Athletics: European Championships - Day 2
Gina Lückenkemper beim Feiern. © ANDREJ ISAKOVIC

Um 1.10 Uhr in der Nacht war sie im Teamhotel zurück, alle waren aufgeblieben, großes Hallo. Die 25-Jährige hatte mittlerweile auch Klarheit, wie es zur Verletzung gekommen war: Sie hatte sich mit den Dornen der Schuhe selbst geschlitzt. Das musste mit acht Stichen genäht worden. Sie nahm das Missgeschick mit Lückenkemper-Humor: „Ich bin noch nie Krankenwagen gefahren.“

Lakonisch ging sie über die Verwundung hinweg: „Ich spüre das noch ganz gut. Das linke Knie ist geflickt, das rechte voller Schürfwunden. Läuft“, erzählte sie bei der Pressekonferenz am Mittwochnachmittag. Die damit verbundene Neuigkeit: Sie wird im Vorlauf der 4x100-m-Staffel, mit der sie bei der WM in Eugene Bronze gewonnen hatte, nicht an den Start gehen. Was das Finale, von dessen Erreichen man ausgeht, weil Tatjana Pinto, Alexandra Burghardt und Rebekka Haase aufeinander eingespielt sind und wohl auch mit einer Ersatzläuferin klarkommen, ist Lückenkemper „guter Dinge. Aber eine Garantie gibt es nicht“.

European Championships - Leichtathletik
Gina Lückenkemper im Ziel. © Sven Hoppe

Ersatzläuferin – das war ihr Status vor einem Jahr in Tokio bei Olympia. Sie hat damals ihr Karrieretief durchmachen müssen. Die Popularität der EM 2018 (Silber) war dahin. Sie musste sich fragen lassen, was es bringt, dass sie in den USA trainiert. Was man einst lustig fand – dass sie, um sich energetisch aufzuladen, an einer Batterie leckte –, wirkte nun peinlich.

Spätestens am 16. August 2022 hat Gina Lückenkemper jegliche Häme hinter sich gelassen. Sie ist wieder „Gina Nazionale“ (die Italiener nannten einst ihre Lollobrigida so), und ihre genähte Wunde ist die Wunde der Nation.

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