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Grübler Smalun: An Lindemann vorbeigelaufen

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- Calgary - Ist es nicht kurios, wie sich die Dinge entwickelt haben? Als es kurz vor dem Jahreswechsel bei den Deutschen Eiskunstlauf-Meisterschaften in Berlin um die Frage ging, wer den zweiten Startplatz der Männer hinter Stefan Lindemann bei der wenig später stattfindenden EM besetzten sollte, da klagte der Chef des Verbandes, Reinhard Mirmseker, von den jungen Leuten habe sich ja leider keiner aufgedrängt.

Es werde also wohl oder übel auf Silvio Smalun, den Zweiten der Meisterschaft, hinauslaufen. Bis drei Tage vor EM-Beginn kreiste Smalun in der Warteschleife, und erst als er glaubte, die Europameisterschaft könne er vergessen, rang sich das Präsidium der DEU zu seiner Nominierung durch.

Aber - Überraschung, Überraschung - in Lyon lief der aus dem Förderkader schon gestrichene Athlet so stark wie noch nie, landete auf Platz acht und war damit besser als der weiter formschwache Lindemann. Dennoch blieb die DEU bei dessen Nominierung für die Olympischen Spiele, Smalun trainierte daheim in Oberstdorf weiter und dachte sich seinen Teil. Bekanntlich konnte Lindemann den freien Fall auch in Turin nicht bremsen, landete hart auf Platz 21, und im höchsten Maße frustriert und ratlos beschloss er daraufhin, die Saison vorzeitig zu beenden. Und so ist Silvio Smalun nun bei der WM in Calgary gelandet - und diesmal hat keiner was dagegen.

Das trifft sich gut, vor allem, um die Erinnerungen an die WM des vergangenen Jahres in Moskau abzulegen. Als 17. seiner Qualifikationsgruppe hatte Smalun nicht mal den eigentlichen Wettbewerb erreicht. Michael Huth, bei dem er seit Jahren in Oberstdorf trainiert, sagt, er sei damals schockiert gewesen von der Leistung, und er habe das Gefühl gehabt, so könne es auf keinen Fall weitergehen. Smalun hat des Coaches Ansprache von schneidender Deutlichkeit nicht vergessen; er versichert, sie sei ziemlich hart gewesen, aber er habe sich alles angehört und versucht, etwas zu ändern.

Huth meint, am nötigen Fleiß habe es seinem Läufer noch nie gefehlt, am Talent sowieso nicht, ganz im Gegenteil. Aber es sei immer das Problem gewesen, eine halbwegs verlässliche Form von Stabilität zu entwickeln. Gemeinsam haben sie nach dem Crash in Moskau versucht, im Training andere Schwerpunkte zu setzen; keine Zeit damit zu vergeuden, neue Programme zu entwickeln, stattdessen wettkampfbezogener zu trainieren. Aber so einfach ist die Sache natürlich nicht, wenn ein Läufer zum Grübeln neigt und jeden Fehler zigmal überdenkt wie der Student Smalun.

Seit einiger Zeit gehört deshalb die Mentaltrainerin Petra Weber zum Team, sie ist auch in Calgary dabei, und Huth glaubt, mit dieser Maßnahme auf dem richtigen Weg zu sein. "Das geht sicher nicht von heute auf morgen, aber sie versucht ihm zu vermitteln, dass er Fehler akzeptieren muss und daran arbeiten soll, nichts zu dramatisieren. Fehler sind ja dazu da, nachzudenken und sich zu bewegen." Was sich in der Praxis bisher so ausgewirkt hat, dass Smalun zwar nach wie vor gelegentlich stürzt. Aber im Gegensatz zu früher zieht ein Sturz nicht zwangsläufig weitere nach sich.

Klingt fast so, als sei das Kapitel über den ebenso sensiblen wie leicht zu erschütternden Eiskünstler doch noch nicht zu Ende. Der gehört mit 26 Jahren zwar nicht mehr zu den Jüngsten im Geschäft, aber Spielraum für Entwicklung dürfte schon noch vorhanden sein. Smalun sagt, erstmal wolle er sich in Calgary mit einer guten Leistung bestätigen, und danach werde er entscheiden, wie und ob es weitergehen soll.

Michael Huth ist optimistisch. "Ich denke schon, dass er weitermachen will. Es spricht vieles dafür, und er hat das auch schon signalisiert." Abgesehen davon, dass er an die Fähigkeiten seines Läufers glaubt, gibt es noch einen Grund, warum er gern weiter mit ihm arbeiten würde. "Silvio ist ein angenehmer Mensch; ich wünschte, davon gäbe es mehr."

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