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Hadrovic: Süchtig nach Boxkämpfen

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- Wer seine ersten zehn Boxkämpfe gewinnt, hat Talent. Das scheint auf den ersten Blick logisch, gilt aber ohne Einschränkung nur im Amateursport. Bei den Profis werden Kampfbilanzen gerne mit so genanntem Fallobst geschönt, um leichter an bedeutendere Gegner und die damit verbundene, höhere Börse heranzukommen.

Aufbaugegner, lautet die vornehmere Bezeichnung für den mehr oder weniger hoffungslos Unterlegenen. Bei den Amateuren fällt der finanzielle Druck weg. Leistung zählt, Kampfpaarungen sind herausfordernd, Ranglisten haben noch Aussagekraft.

Halbweltergewichtler Dalibor Hadrovic vom TSV 1860 hat seine ersten zehn Boxkämpfe gewonnen und wäre es in ähnlichem Stil weitergegangen, wäre er heute vielleicht einer der besten Wettkämpfer an der Auenstraße. So gehört der 24-Jährige als oberbayerischer und südbayerischer Meister nur zum Mittelfeld der Staffel. Doch damit hat es seine eigene Bewandtnis. Ein Titel des Löwen-Kämpfers gibt die Richtung vor, in der sich vielleicht Erklärungen finden lassen: Im Mai wurde Hadrovic in Freiburg deutscher Hochschulmeister. Selbstkritisch kommentiert er das: "Dazu hat es halt gereicht."

Trainer Ali Cukur sagt: "Der nimmt die Sache nicht richtig ernst, lässt sich während des Kampfes nichts sagen. Der weiß es immer besser." Hadrovic sagt, er kenne sich selbst doch am besten. Und dann erzählt er schonungslos uneitel, wie er sich als Boxer sieht. Unangenehme Wahrheiten kommen da zur Sprache. Wer so hart mit sich ins Gericht gehen kann, denkt man, wird sich kaum überschätzen. Hadrovic sagt, einerseits sei er süchtig nach dem Kampf. Andererseits: "Im Ring fehlt mir der unbedingte Siegeswille.

Ich passe mich dem Gegner an. Oft geht es ums Überleben. Mir fehlt die Härte, entschlossen nachzusetzen, wenn mein Gegner angezählt wurde." Mangelnde Härte und Entschlossenheit - harte Wahrheiten aus Boxersicht. Hadrovic nennt das, was sich in 30 Siegen, 20 Remis und zehn Niederlagen bilanziert, "mentalen Block".

Womöglich hat die Blockade mit einer Stärke zu tun, einer auf anderem Gebiet, einem ausgeprägten Sinn für Ästhetik. Am Boxen, sagt der Student der Kulturwissenschaften, gefalle ihm die "Ästhetik der Bewegungen". Der Satz könnte zwar von Ali sein. Doch Hadrovic sagt auch: "Musik ist wichtiger Teil meines Lebens." Zusammen genommen haben solche Bekenntnisse aus Faustfechtermund Seltenheitswert. Trotz Killerblockade sieht sich Hadrovic aber als einen, der im Kampf an die Grenzen geht. Cukur begründet den fehlenden bayerischen Meistertitel mit durchweg schweren Gegnern, die an Olympia-Stützpunkten trainierten.

Eugen Dahinten (TuS Traunreut), dem zweifachen deutschen Juniorenmeister und Hadrovics bayerischem Hauptkonkurrenten, der ihn jetzt aus dem Landeskader verdrängt hat, sei es da besser ergangen. Fazit: Kunst- und Kultursinn liegen zwar nicht zwingend mit K.o.-Kraft und Killerinstinkt im Clinch. Aber denkbar ist ein solcher Zusammenhang schon. Noch eine unangenehme Wahrheit: "Im Sparring", sagt Hadrovic, "läuft alles super. Aber der Druck im Kampf macht mich verkrampft." Ja, wenn er einen seiner Powersongs als Begleitmusik im Ring hätte, dann, sagt der Münchner, liefe er womöglich zur Spitzenform auf. Im Ring aber zählt die Stimme am meisten, die von innen kommt.

Auch wenn es bei der Lagebewertung Differenzen gibt, kann sich Hadrovic nicht vorstellen, woanders als beim TSV zu trainieren. Er schätzt Cukurs verständnisvolle, ehrliche Art. "Der hat bei mir die Hoffnung nie aufgegeben."

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