Helmut Schleich lacht in München in die Kamera
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Kabarettist Helmut Schleich schaut sich zusammen mit seinem Sohn im Fernsehen regelmäßig die Drittliga-Spiele des TSV 1860 München an.

Der Kabarettist über Fitness, Löw und Söder – und andere Aspekte des Sportjahrs 2020

Helmut Schleich in Aktion: „Extremsportler im Treppenhaus“

  • vonPatrick Reichelt
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„In der Welt der Sechziger ist mir wohliger“: Kabarettist Helmut Schleich schaut sich zusammen mit seinem Sohn im Fernsehen regelmäßig die Drittliga-Spiele des TSV 1860 München an. Das Exklusiv-Interview.

  • Helmut Schleich über die Parallelen zwischen Söder und Löw
  • „Aus sehr viel Geld erwächst sehr viel Macht“
  • Schleichs Sportplatz ist aktuell das Treppenhaus

Helmut Schleich, was hat das Sportjahr für Sie gebracht?

Ich habe durch meinen Sohn, der großer Sechziger-Fan ist Magenta. Und ich schaue mir fast alle Spiele an, bin also sogar fast schon in der Materie drin. Und ich muss sagen, ich schaue da immer öfter richtig gerne zu.

Man kann die Löwen inzwischen ja auch ganz gut anschauen, oder?

Ja, zuletzt gegen Mannheim zum Beispiel war das so. Vor allem die drei Tore vom Mölders. Das war toll!

Man ist geneigt zu sagen: der Alte. Bis man selbst in den Pass schaut...

Ja eben, und auch beim Thema Übergewicht brauche ich nichts zu sagen. Der Mölders ist so wie so weitaus trainierter als alle seine Kritiker.

Ihr sportliches Zentrum ist die Treppe, nicht wahr?

Nach wie vor. Vierter Stock ohne Aufzug, das ist schon etwas. Angeblich ist ja jede Treppenstufe gleichbedeutend mit zwei Sekunden Lebenszeit, die man hinzugewinnt. Nur bergauf versteht sich.

Schleich: Seit 21 Jahren in derselben Wohnung

Oh, dann sind sie auf dem Weg zum Methusalem?

Ich habe das mal ausgerechnet. Ich wohne seit 21 Jahren in der Wohnung. Pro Tag gehe ich im Schnitt dreimal rauf. Damit habe ich mir also drei Wochen Lebenszeit herausgewandert. Das klingt jetzt aus der hoffentlich noch großen Entfernung nach nichts. Aber wenn es mal so weit ist, dann wird man das anders sehen. Und ich gehe ja weiter dreimal am Tag hoch. Vielleicht sind es jetzt schon drei Wochen und fünf Minuten...

... die man den Sensenmann noch mal wegschicken kann.

Ja, das ist fast eine kleine Brandner-Kaspar-Geschichte. Man sagt ihm: Du musst noch mal gehen, weil .... du weißt, vierter Stock.

Mal ein bisschen über die Treppe hinausgedacht: Viele sagen, der Sport war in diesem Jahr so politisch wie selten. Angefangen von den Rassenprotesten im amerikanischen Sport. Hat der Sport das drauf, politisch zu sein?

Naja, da muss man gar nicht nach Amerika schauen. Nehmen Sie zum Beispiel die Proteste Anfang des Jahres gegen Dietmar Hopp in Hoffenheim. Der hat Glück gehabt, dass die Seuche kam, sonst wäre das wohl heuer eskaliert. Wenn man sieht, wie der FC Bayern hier in München die Arena damals durchgesetzt hat, auch da zeigt sich die Macht, die der Sport hat. Das war ein rein politischer Akt. Der Sport hat viel Macht. Bestimmte Sportarten zumindest, Schach vielleicht weniger. Und die nutzt er. Auch dass die Bundesliga, gerade verglichen mit der Kultur, sehr zügig unter Corona-Bedingungen den Spielbetrieb wieder aufnehmen konnte, das hat mit dem politischen Einfluss des Sports zu tun.

Hat der Sport zu viel Macht?

Naja, Sport – gerade hier in München denke ich da zuallererst an den Fußball und insbesondere an den FC Bayern. Der hat einfach sehr viel Geld und daraus erwächst ihm Macht. Wobei: Gerade bei der Nationalmannschaft sieht man jetzt, wie sich das auch drehen kann. Bis es Leute gibt, die sagen: Wenn sich alles so verkommerzialisiert, habe ich darauf keinen Bock. Und wenn dann noch der Erfolg ausbleibt, wird die Macht schnell obsolet.

0:6 in Spanien...

Sensationell! Aber naja, dafür haben sie dem Jogi Löw jetzt eine schöne Qualifikationsgruppe hingelost. Kein Wunder, dass der DFB an ihm festhält. Weil das kann nur Jogi Löw vermasseln. Es gibt sonst keinen Trainer weltweit, der das schafft, gegen Liechtenstein oder Nordmazedonien in Schwierigkeiten zu kommen. Da waren wahrscheinlich einige Leute überrascht, dass es eine nordmazedonische Nationalmannschaft gibt. Aber Jogi Löw wird es schaffen – also, dass das eng wird mit der Quali. Und dadurch spannend bleibt.

Aber immerhin hat Löw sich souverän das Vertrauen ausgesprochen...

... und das ist auch ein politischer Akt. Sich das Vertrauen auszusprechen, das passiert im Moment in der Politik fortlaufend.

Schleich über Söder: „Der spricht sich permanent das Vertrauen aus“

Ach ja?

Der Söder zum Beispiel spricht sich momentan mehrfach am Tag das Vertrauen aus. Er vertraut eigentlich überhaupt nur sich, aber das aus tiefstem Herzen.

Im Moment als härtester Corona-Politiker...

... mit dem größten Erfolg, ja. Sehr schön ist es auch zu sagen: Das Virus kennt kein Weihnachten. Aber die Uhr kennt es offenbar schon. Nur so ist es zu verstehen, dass es sagt: Ihr dürft euch treffen, aber um 21 Uhr müsst ihr daheim sein. Das geht nur, wenn man sich selbst das Vertrauen ausspricht. In der Hoffnung, dass die Leute das dann auch tun. Tun sie im Moment ja auch.

Könnte man das Personal aus Sport und Politik tauschen?

Ui, wen würde ich aus dem Sport in die Politik schicken? Okay, Jan Ullrich kennt sich gut mit Spritzen aus, das ist vielleicht im Zusammenhang mit dem Gesundheitsministerium interessant. Da haben wir ja auch einen großen Fachmann. Und sonst... Wer schon halb drin ist, ist der Hoeneß. Der hat ja das Selbstverständnis, dass er zu allem und jedem etwas sagen kann und auch gehört wird. So wie in der Talkshow, in der er spontan angerufen hat. Scheinbar muss man mit ihm ständig rechnen. Warum nicht auch in der Politik?

Ist er für einen Politiker nicht zu impulsgetrieben?

Das stirbt in der Politik ein bisschen aus, ja. Inzwischen geht es mehr darum, sich stets rational zu geben. Und damit besser zu kaschieren, dass man keine Ahnung hat. Da ist der Hoeneß sicher anders. Wobei er, glaube ich auch nur zum Hörer greift, wenn er sich sicher ist, dass er recht hat.

Zufall, dass Sie ihn in Ihrer Fernsehsendung des öfteren spielen?

Mache ich öfter, ja, wenn er sich anbietet. Was er aus dem Ruhestand heraus oft tut. Aber man muss auch sagen: Wenn man die Bilder von mir als Hoeneß sieht – da muss man schon zweimal hinschauen (lacht). Es trifft sich ganz gut, dass ich ganz gut auf der Figur draufsitze.

Das zentrale Thema des Jahres ist natürlich die Pandemie. Sie sagten es vorher schon: Der Sport durfte schnell wieder in Aktion. Richtig so?

Man muss unterscheiden. Ich sehe nicht, warum man Freizeitsport nicht betreiben darf. Verstehe ich nicht. Wo ist da die Gefahr, wenn zwei Leute Tennis spielen. Aber ansonsten ist der Sport halt die einzige Live-Unterhaltung, die im Fernsehen nahezu gleich spannend rüberkommt wie vor Ort. Ich erlebe das ja, wie gesagt auch mit Sechzig. Das ist dann auch gute Unterhaltung. Diese Wechselbäder, das ist etwas, was mir gefällt. Da kann ich mehr damit anfangen als mit dieser Siegesgewissheit, mit der der FC Bayern da durchpflügt.

Es menschelt.

Ja, auch wenn es oft dramatisch ist und du denkst: Um Gotteswillen. Das ist ein ganz emotionaler Zugang. Das spürt man auch bei den Spielern. Die rechnen, glaube ich auch immer mit dem Schlimmsten. Und gleichzeitig mit dem Besten. Das finde ich toll. Und das ist für dieses neue München, das in den letzten Jahren entstanden ist, so untypisch. Dieses neureiche Millionendorf – Millionen aufs Geld bezogen. Bei Sechzig spüre ich da noch eine Welt, in der mir wohliger ist.

Aber die mit den Millionen gewinnen die Champions League...

Stimmt, das war ja auch in diesem Jahr. Bayern hat das Triple geholt. Oder war’s gar ein Quadrupel? Das geht schon fast wieder unter, in der Erfolgsroutine.

Dabei war in der Zeit des Finalturniers nicht viel Alternativprogramm.

Mag sein, ja. Aber in diesem Zusammenhang gab es für mich andere Sachen. Ich bin ja meistens im August, September in Frankreich. In diesem Jahr hat es sich so ergeben, dass ich die Tour de France direkt im Land verfolgen konnte. Wenn auch nur medial. Leider sind sie heuer nicht bei mir im Languedoc vorbeigekommen. Das hat mir trotzdem viel Freude bereitet. Frankreich hat eine ganz andere Einstellung zum Radsport. Das war schön, das mit Leuten zu erleben, die Spaß dran haben. Wobei es natürlich auch eine tolle Tour war. Vom Aufbau her. Da gab es gleich am Anfang eine Bergetappe, zwischen Alpen und Pyrenäen Mittelgebirgsetappen. Das macht Laune, auch weil die Vorhersehbarkeit sinkt. Und der Ausgang war ja entsprechend. Zwei Slowenen an der Spitze. Erstaunlich.

Das klingt, als würden Sie sich die Sache auch vor Ort anschauen.

Ja, das habe ich auch schon gemacht. Einmal gab es eine Vuelta-Auslandsetappe. Da bin ich hingegangen Das war nichts Spektakuläres, eine Flachetappe. Aber ich mag das einfach, dieses Spontane. Da setzen sich die Leute irgendwo an die Landstraße auf Gartenstühle. Mit einer Brotzeit. Und da schaut man sich diese Karawane an. Das ist ein richtiges Volksfest. Klar, das würde ich sofort wieder machen.

Hatten Sie denn einen persönlichen Sportmoment des Jahres?

Ich bin ja Extremsportler, da gibt es also viele. Bei Schleich-Fernsehen haben wir mal eine Folge in einer Schulturnhalle gedreht. Mit Django Asül, dem Sportler unter den Kabarettisten. Das war ein gewisser theoretischer Sportmoment.

Selber?

Habe ich ausnahmsweise mal gar nicht so viel Sport gemacht. Skifahren wollte ich, dann war kein Schnee. Allerdings habe ich auch gar keine Ski. Und bin seit 30 Jahren nicht mehr gefahren. Die Schwimmbäder sind leider auch zu. Also bleibt mir als Sportmoment doch wieder nur der vierte Stock. Immerhin!

Interview: Patrick Reichelt

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