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Medizinischen Standards  dürfte es kaum entsprechen, was in dieser von der Staatsanwaltschaft ausgehobenen Rumpelkammer auf den Markt kommt.

In der Doping-Hexenküche

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Seit 2015 gibt es in Deutschland ein Anti-Doping-Gesetz. Die Doping-Jäger haben nun andere Möglichkeiten. Doch hat sich der Kampf gegen den Medikamenten-Missbrauch dadurch wirklich verändert? Nur in Teilbereichen. An die großen Fälle kommt die Staatsanwaltschaft weiter nur schwer heran, vor allem ist sie im Breitensport zugange – dort allerdings durchaus erfolgreich.

Kai Gräber hat einen ernsten Job. Er ist Oberstaatsanwalt, er leitet die Abteilung XV der Staatsanwaltschaft München I, seine Themen sind „Organisierte Kriminalität, Dopingsachen und Verstöße gegen das Aufenthaltsgesetz“, so steht es auf seiner Visitenkarte. Aber manchmal gibt’s Sachen, die bringen auch ihn zum Lachen. Wie vor drei Jahren, als sie in Dachau eines dieser Untergrundlabore ausgehoben haben, in dem Dopingsubstanzen gebraut wurde. Der Name: „Mucki Juice.“ Als hätten die drei Produzenten aus der örtlichen Kraftsportszene danach geschrien, enttarnt zu werden. Ihrem Muskelsaft pappten sie sogar noch ein Gütesiegel auf: „Made in Germany.“

Kai Gräbers Schwerpunktstaatsanwaltschaft hat Verstecke hinter Badezimmerspiegeln und in Küchen (sehr beliebt: der Kühlschrank, denn der Stoff muss kaltgestellt werden) aufgespürt, sie hat – als wäre man in Sechziger-Jahre-Agentenfilmen – geheime Räume gefunden, deren nicht sichtbare Zugangstür sich öffnete, wenn man einen Garderobenhaken anhob. Gräbers Leuten sind auch schon Doping-Dealer in die Arme gelaufen, wenn sie gerade die Kellertreppe hochkamen – die Ware präsentiert wie auf dem Serviertablett.

Wer’s nicht glauben mag, dass es in Deutschland ein florierender Wirtschaftszweig ist, Dopingmittel herzustellen, die beim Aufbau der Muskulatur helfen oder die Ausdauer steigern oder die Aggressivität für den Wettkampf erhöhen, für den macht der Herr Oberstaatsanwalt eine Rechnung aus seiner Praxis auf. Ein halbes Kilo Rohstoff besorgt man sich aus China (ganz einfach: übers Internet), mixt dann was zusammen mit Alkohol oder sonstigen Lösungen, die man völlig legal erhält – ergibt 200 Ampullen, die man, zum Beispiel in Bodybuilderkreisen, für 30 Euro das Stück verkauft. Erlös: 6000 Euro. Gewinn: 5320 Euro.

„Für den Konsumenten kann das eine erhebliche Gefahr sein“, warnt Kai Gräber. Er hat sie ja gesehen, die Drogenküchen, in Zimmern, deren Rollos heruntergelassen waren, in Kellerräumen, in denen auch noch Gerümpel stand. Sterilität? „Beim Homebrewing herrschen keine medizinischen Standards.“

Deutschland – das kann man nicht leugnen – ist ein Dopingland. Schon lange. Es gab das staatlich gelenkte Dopingsystem in der DDR, das Tausende von Opfern hinterlassen hat, es gab in der wilden Zeit (70er-, 80er-Jahre) das Dagegenhalten des Westens unter dem zynischen Motto „Viel hilft viel“, es folgten die großen Skandale des Radsports (1990er- und 2000er-Jahre) – und es existiert ein riesiger dunkler Bereich unter dem Leistungssport. Wo die Leute einfach schlucken und spritzen, um attraktiver oder erfolgreicher zu sein. Es gibt Studien dazu, was man anrichtet, wenn man sich permanent dopt. Nur 0,8 Prozent spüren keine Nebenwirkungen.

Ein Anti-Doping-Gesetz wie in einigen Nachbarländern wurde in Deutschland erst 2015 verabschiedet – sechs Jahre, nachdem die Politik sich der Thematik erstmals angenommen hatte. „Der organisierte Sport hat massiven Widerstand geleistet“, erinnert sich Thomas Götze, auch er Staatsanwalt (in Stralsund), an der Deutschen Richterakademie organisiert er Weiterbildungen zum Thema Doping.

Götze, ein schwerer bärtiger Mann, ist als Dopingopfer anerkannt, er hat 10 500 Euro Entschädigung erhalten für Schäden am Skelett, die aus seiner Zeit an der Kinder- und Jugendsportschule (1976 bis 80) herrühren. Er war ausgewählt worden, ein guter Hammerwerfer zu werden, dafür wurden ihm täglich zwei mal zwei Stunden Training verordnet, der Trainer gab ihm angebliche Vitamine. Götze sollte zudem bis zu 6000 Kilokalorien zu sich nehmen, um 7 Uhr den Tag mit zwei Steaks mit Ei beginnen. Sein Vater, Arzt, nahm ihn aus dem System, als bei Thomas Götze eine Sehne in der Schulter gerissen war und er als Simulant beschimpft wurde.

Die gesundheitlichen Probleme, die Götze bis heute verfolgen, machten sich nach seiner aktiven Zeit bemerkbar. „Ohne Doping wären diese Schäden nicht erklärbar.“ Und seine Trainingsumfänge an der Sportschule, auch das ist ihm im Rückblick klar geworden, wären ohne unterstützende Maßnahmen nicht möglich gewesen.

Wie Götze richtig sagt: Die Sportverbände wollten kein Anti-Doping-Gesetz, sie hielten das Arzneimittelgesetz für ausreichend, das Medikamentenmissbrauch unter Strafe stellte. Michael Vesper, lange einer der führenden Köpfe im Deutschen Olympischen Sport-Bund, warnte vor der Ungerechtigkeit einer „Doppelbestrafung“ für die Athleten. Das Anti-Doping-Gesetz nahm aber eine entscheidende Veränderung vor, so der Jurist Götze: Es nahm den Sportlern das Recht auf Eigenschädigung. Bis dahin hatte man mit seinem Körper machen können, was man wollte.

Man könnte nun, nach gut drei Jahren, eine erste Bilanz ziehen, was das neue Gesetz gebracht hat.

Es gibt viele Verfahren, von den meisten bekommt die Öffentlichkeit kaum etwas mit, weil sie sich unterhalb des absoluten Spitzensports abspielen, da gilt schon ein Fall aus der deutschen Baseball-Bundesliga als prominent. Die längste Strafe, die verhängt wurden, sind bislang sechs Jahre für einen, der eine der Doping-Hexenküchen betrieben hatte. Im Jahr 2017, um eine Zahl zu nennen, wurden im Bereich der Schwerpunktstaatsanwaltschaft München im Rahmen von einhundert Verurteilungen 329 Monate Freiheitsstrafe ausgesprochen und Geldstrafen in Höhe von 180 000 Euro verhängt. Häufig werden Ermittlungen aber auch eingestellt.

Kai Gräber arbeitet mit dem Zoll und den Rauschgiftkommissariaten der Polizei zusammen und mit den Dopingkontrolllaboren in Köln und Kreischa; in Bayern gibt es 73 Amtsgerichte, an 52 ist Gräbers Münchner Abteilung schon vorstellig geworden. Man hofft, dass, wenn es in entlegenere Landstriche des Freistaats geht, die Verhandlung nicht schon um 9 Uhr angesetzt wird.

Gräber wünscht sich, dass es mehr solcher Schwerpunktstaatsanwaltschaften geben möge, vielleicht auch Schwerpunktgerichte. Schade findet er, dass Bundes- und Landeskriminalamt „keine speziellen Referate haben“. Was er auch noch gerne hätte: einen Spürhund wie manche Zoll- oder Polizeistelle. Im Fall einer Doping-Staatsanwaltschaft passend wäre: „Ein Anabolika-Mops.“

Schwer tut sich die Staatsanwaltschaft mit einigen Sportverbänden. Gräber nennt Biathlon, Boxen, Radsport, Tennis. Teilweise werden keine Ansprechpartner benannt, haben die Kontrolleure der Nationalen Anti-Doping-Agentur NADA Hausverbot. Kai Gräber: „Die wollen uns nicht.“

Keinen großen Part in den Ermittlungen der Dopingstaatsanwaltschaft nimmt der Spitzensport ein. Der Anteil wird vage auf eins bis fünf Prozent der Fälle veranschlagt. „Wir brauchen immer einen Anfangsverdacht“, sagt Gräber. Wenn die NADA nicht einen Fall konkret anzeigt (aufgrund einer positiven Dopingprobe), „kommen wir nicht rein“.

Armin Baumert, früherer Vorstandsvorsitzender der NADA, glaubt, dass man an die großen Fälle „nur über Whistleblower“ rankomme. So wie im russischen Sport geschehen, wo die Leichtathletin Julia Stepanowa und der Leiter des Dopingkontroll-Labors Grigori Rodtschenkow ausgepackt haben – zum Preis, dass sie ihr Heimatland verlassen mussten. „Ohne Whistleblower“, glaubt Baumert, „stoßen wir an unsere Grenzen.“

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