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Der fliegende Schotte

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Von: Bernd Kreuels

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VON BERND KREUELS

München – Im Fahrerpulk war er immer zuerst an seinem Helm mit dem Schottenmuster zu erkennen, das um seinen weißen Helm herumlief. Mit diesem Markenzeichen holte der dreifache Formel-1-Weltmeister und zweifache WM-Zweite Jackie Stewart in einer Zeit, als es noch wesentlich weniger Rennen pro Saison gab, in neun Jahren 27 Siege in 99 Wettfahrten. Gestern wurde er 80 Jahre alt.

Dabei wollte er eigentlich eine ganz andere Sportkarriere anvisieren, und zwar im wahrsten Sinne des Wortes: Als Jungspund hatte er es nämlich auf Tontauben abgesehen und stand kurz davor, sich für das britische Team bei den Olympischen Spielen 1960 in Rom zu qualifizieren. Doch an seinem 21. Geburtstag verfehlte er acht von 25 Tauben und war damit nur Ersatzmann im Aufgebot. Ein Jahr später gelang ihm Platz sechs bei der WM.

Im Motorsport klappte das mit dem Aufstieg dafür umso schneller: Schon in seinem ersten Formel-1-Jahr 1965 durfte er gleich für das Team starten, für das auch der frühere Weltmeister und aktuelle Vizeweltmeister Graham Hill seine Runden drehte. Bereits beim achten Start gewann der Newcomer auf dem Hochgeschwindigkeitskurs in Monza, wo fünf Jahre später sein Freund Jochen Rindt tödlich verunglückte. In seiner ersten Saison wurde er Dritter der WM-Wertung.

Es war ein Jahr später, als er sich bei strömendem Regen im belgischen Spa mit seinem Wagen überschlug und im Cockpit eingeklemmt wurde. Benzin lief in die Sitzmulde und verätzte seine Haut, nur ein Funken hätte alles in Brand setzen können. Teamkollege Hill war es, der schließlich half, Stewart nach 25 bangen Minuten aus dem Rennwagen zu ziehen, und so sein Leben rettete. Seit diesem Albtraum ist die Formel-1-Legende, der 57 tödliche Unfälle von Kollegen miterlebt hat, zu einem Pionier für mehr Sicherheit geworden. So entwickelte er feuerfeste Bekleidung von den Socken bis zum Kopfschutz, kämpfte für Auslaufzonen, den Ausbau der medizinischen Versorgung und den umfassenden Einsatz von Streckenposten.

1969 war „Jack the hair“, wie er wegen seiner schulterlangen Mähne gerufen wurde, für den ersten Titel reif, er dominierte in dem Jahr das Fahrerfeld. Ab dem Folgejahr war seine Karriere eng mit dem britischen Rennstallbesitzer Ken Tyrrell verbunden, in dessen Team mit den dunkelblauen Flitzern und einer charakteristischen „Schnauze“ er 1971 wieder Champion wurde. Das gelang dem „fliegenden Schotten“ zwei Jahre später erneut, endete aber auch auf tragische Weise. Denn sein talentierter französischer Teamkollege Francois Cevert starb im Training für das letzte Saisonrennen in den USA. Stewart fuhr sein 100. Rennen nicht mehr.

Bereits zuvor – nach einem schweren, aber glimpflich verlaufenen Trainingsunfall im März – hatte der erste Großverdiener seiner Zunft seinem Teamchef den Abtritt angekündigt, seiner Ehefrau aber nicht: „Helen hätte sonst gewollt, dass ich sofort aussteige.“ Helen, das ist Stewarts Sandkastenliebe und zweifelsohne die größte Konstante im sehr bewegten Leben des mittlerweile ältesten noch lebenden Formel-1-Weltmeisters. Geheiratet haben sie 1962 und sind bis auf den heutigen Tag zusammen. Er über sie: „Ich kenne keine, die an sie heranreichen könnte.“ In der glamourösen Rennfahrerwelt kamen im Umfeld des lustigen und zugleich bescheidenen Piloten nie „Frauengeschichten“ auf. Die Stewarts sind Familienmenschen, haben zwei Söhne und neun Enkel. Helen: „Ich glaube, wir führen doch eine sehr gute Ehe. Eigentlich die beste, die ich mir denken kann.“

Nachdem er jahrelang für das Fernsehen Rennen kommentiert hatte, unterstützte Stewart von 1997 bis 1999 Paul, den älteren Sohn, bei dessen Einstieg in die Formel 1 mit dem Stewart-Grand-Prix-Team, das immerhin einen Sieg in der höchsten Motorsportklasse errang. Mittlerweile konzentriert der 2001 von der Queen – sie gratulierte nun übrigens auch zum 80. Geburtstag – in den Adelsstand erhobene Sir seine Energien ganz wesentlich in die Pflege seiner Frau. „Ihre Demenz-Krankheit ist jetzt meine größte Herausforderung im Leben. Im Moment gibt es einfach noch keine heilbringende Medizin. Deshalb habe ich vor Jahren auch meine Stiftung ,Broken D‘ ins Leben gerufen“, sagte er in einem Interview. In der Schweiz habe er drei Appartements gekauft, eine Privatklinik sei nur 300 Meter entfernt, drei Personen kümmerten sich den ganzen Tag um Helen.

Der Mann von kleiner Statur – die Angaben differieren zwischen 1,65 und 1,70 Meter – hat schon früh gelernt, wie man mit Defiziten umgeht. Seine Legasthenie half ihm 1968 bei einem legendären Grand Prix auf dem Nürburgring, wo damals noch auf der langen, von ihm oft kritisierten Nordschleife gefahren wurde, der er den Spitznamen „Grüne Hölle“ verpasst hat. Gegenüber „auto-motor-und-sport.de“ sagte er: „Ich habe Mühe mit Lesen und Schreiben und kann mir nicht mal den Text unserer Nationalhymne merken. Aber bis heute kenne ich noch jeden Schalt- und jeden Bremspunkt. Statt Worten haben sich bei mir Erfahrungswerte ins Gedächtnis gebrannt.“ Die Strecke mit knapp 23 Kilometern Länge und 187 Kurven hatte er sich mit fotografischem Gedächtnis genau eingeprägt. Und damit schaffte er etwas, was heute absolut undenkbar wäre: Er distanzierte im Dauerregen die Konkurrenz um über vier Minuten.

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