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Jörg Jaksche (l.) mit Jan Ullrich bei der Deutschland-Tour 2005.

Am Samstag startet die Tour de France

Jaksche im Interview: „Die Leute sind zu sehr verarscht worden“

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Am Samstag startet die Tour de France 2017. Vor 20 Jahren gewann Jan Ullrich als bisher einziger Deutscher die Tour. Ex-Radprofi Jörg Jaksche stellt dem aktuellen Radsport ein schlechtes Zeugnis aus.

Jörg Jaksche, Jan Ullrichs Tour-Sieg 1997 war der Urknall des deutschen Radsport-Booms. Sie waren damals schon Radprofi, welche Erinnerungen haben Sie daran?

Jörg Jaksche: Mir war schon immer klar, dass Jan ein Ausnahmetalent ist. Jeder, der vom Radsport eine Ahnung hat, wusste, dass der durchstarten wird. 1997 ist es dann passiert. Für uns Radfahrer war das natürlich super: Telekom kam mit dem großen Geld, der Radsport in Deutschland wurde professioneller. Plötzlich warst du als Radprofi jemand. Die Leute haben sich auf einmal für einen interessiert – und du warst nicht mehr der Exot. Die neue Akzeptanz war schon toll. Das war eigentlich alles Jan Ullrich zu verdanken. Und Erik Zabel. Der fällt in der Wahrnehmung immer so ein bisschen hinten runter.

Ullrichs Stern ging in Pyrenäen auf, als er am 15. Juli auf dem Weg nach Andorra die ganzen Spitzenfahrer hinter sich ließ – darunter auch seinen eigenen Kapitän Bjarne Riis. Den zu attackieren, ist im Radsport ein Tabubruch. Hat Sie das überrascht?

Jaksche: Jan hat ihn ja nicht direkt angegriffen. Und man darf dabei nicht vergessen: Bjarne Riis ist in solchen Situationen knallharter Realist und Kalkulierer. Einer der größten Realisten, die ich überhaupt erlebt habe. Bjarne hat es während der Tour begriffen, dass sein letztes Stündchen geschlagen hat und er mit Jan nicht mehr mithalten kann. Emotional war es natürlich nicht ganz einfach für ihn, als Kapitän abzutreten. Aber Bjarne war eben auch klar: Wenn Ullrich die Tour gewinnt, verdient jeder im Team gut. Wenn Riis Fünfter wird und Ullrich Sechster, dann ist damit nichts zu verdienen

Sie sind 1999 zu Telekom gewechselt und haben die Euphorie um das Team aus nächster Nähe erlebt. Erzählen Sie mal.

Jaksche: Das war natürlich toll. Und man hob natürlich auch etwas ab. Team Telekom war damals auf dem Niveau eines Fußballklubs. Das war das einzige deutsche Radsportteam, das die Tour gewonnen hat. Es war ein Riesenapparat, ein Riesenimage, du hattest ein Auto und andere Annehmlichkeiten. Das war für uns ein super Gesamtpaket. Leider ist dann viel Schindluder getrieben worden, es wurde nichts Nachhaltiges geschaffen. Das ist die unschöne Seite. Viele haben lange Zeit vom Telekom-Boom profitiert, aber diese Leute waren nicht daran interessiert, dauerhafte Strukturen zu schaffen.

Ins Zwielicht war der Radsport ja bereits bei der Tour 1998 geraten, die kurz vor dem Abbruch stand. Der Skandal um das Team Festina lieferte deutliche Hinweise auf ein Doping-System in der gesamten Branche – in Deutschland aber hat damals niemand an der Lauterkeit des Team Telekom gezweifelt. Wie ist das zu erklären?

Jaksche: Das war sehr intelligent gemacht. Jeder wollte in Deutschland an dieser Erfolgsgeschichte teilhaben. Da gehörten auch die Medien dazu. Im deutschen Fernsehen wurden die Doping-Skandale nie hinterfragt. Es war doch – bildlich gesprochen – so: Die gedopten Franzosen mit Festina-Kapitän Virenque hantierten mit Atomwaffen. Konnte es da wirklich sein, dass die Deutschen mit Ullrich nur mit Pfeil und Bogen dagegenhielten? Ullrich wurde damals Zweiter, und die PR-Leute von Telekom schalteten ganzseitige Anzeigen mit der Überschrift: „Saubere Leistung, Jungs!“ Die Wahrheit war doch die: Telekom war schon damals genauso dreckig wie Festina. Nur ist es halt bei den Franzosen rausgekommen.

Auch bei den Sponsoren hat man die Augen vor der Realität verschlossen.

Jaksche: Die haben das halt bis zum Exzess betrieben. Die mussten wissen: Das kann irgendwann einmal explodieren. Aber in diesem Fall sagte man halt: Die Schuldigen sind allein die schlimmen Fahrer. Man ist gerne mit dem Telekom-Schiff auf Kreuzfahrt gegangen, aber als das Schiff gesunken war, wollte keiner gewusst haben, was da zuvor passiert war. Das war eine einzige Heuchlerei.

Verwunderlich ist auch, mit welcher Skrupellosigkeit damals manipuliert worden ist. Wie kam es zu dieser Mentalität?

Jaksche: Der Radsport ist voll von Leuten, die nichts anderes können als Radsport. Das sind alles ehemalige Profis, die dann Mechaniker werden oder Sportlicher Leiter und nie aus der Petrischale des Dopings herausgekommen sind. Wer hat sich denn von den ganzen Teammanagern in den letzten 30 Jahren geändert? Keiner. Man sagt David Brailsford, Manager vom Team Sky. Und auch der hat jetzt ganz offenbar Dreck am Stecken. Es gibt niemand, der sich wirklich glaubwürdig gegen Doping einsetzt.

Es dauerte auch sehr lange, bis die deutsche Öffentlichkeit an seinen Velo-Helden zweifelte.

Jaksche: Es herrschte die Einstellung vor zu sagen: Wir Deutschen sind sauberer als alle anderen. Wir sind ehrliche Arbeiter. Wir wollten nicht wahrhaben, dass bei uns betrogen wird. Solange nichts nachgewiesen war, war es natürlich immer besser, auf der Seite von Telekom bzw. T-Mobile (ab 2004 das Nachfolgeteam/Anmerk. d. Red) zu sein.

Dabei ist Ullrich schon 2002 positiv auf Amphetamine getestet worden. Er hat dieses Dopingvergehen dann als „Riesenochsenfehler“ bezeichnet.

Jaksche: Das war es auch. Jan hat die Amphetamine damals sicher nicht zu Dopingzwecken genommen. Er war jung, verletzt in Reha und war mit den falschen Leuten abends in München aus. Jan überlegt gerne mal nicht. Und so läuft sein ganzes Leben dahin. Das kann man ihm nicht vorwerfen. Er ist halt ein entmündigtes Kind des DDR-Sports, wo sie ihm auch das Denken abgenommen haben. Und so praktiziert er es in seinem Leben weiter. Es tut mir für ihn wahnsinnig leid. Denn er ist so ein netter Kerl. Aber Jan hat sich halt von so vielen Leuten vor den Karren spannen lassen. Viele haben mit ihm Geld verdient.

Jan Ullrich (T Mobile, li.) und Jörg Jaksche (Astana Würth) bei der Tour de Suisse 2006.

2006 gab es dann den Super-Gau, als Ullrich systematisches Doping nachgewiesen wurde. Es dauerte nicht mehr lange, bis der Radsport in Deutschland fast komplett zerstört war. Die Teams lösten sich auf, kein einziges Etappen-Rennen in Deutschland überlebte. Eine Überreaktion?

Jaksche: Das Hauptproblem des Radsports war schon immer: Leugnen, leugnen, leugnen. Schlimmer als der Dopingskandal 2006 war das Verhalten vieler Beteiligter danach, die einfach weitermachten, als sei nichts geschehen. Das hat den Radsport unglaubwürdig gemacht. Mein Vater hat zu mir gesagt: Wenn du deine Radsport-Sünden beichtest – dann lüge nicht beim Beichten. Genau das war eben das Problem bei vielen: Das Lügen beim Beichten.

Beispiele?

Jaksche: Da gab es eine Menge: Erik Zabel, Jan Ullrich, Hans-Michael Holczer (Teamchef von Gerolsteiner/Anm. d. Red) und alle diese Leute. Die einen, Zabel und Ulrich, wollten mit vielen Lügen und einem blauen Augen davon kommen. Holczer, der auch wieder bei der Tour aktiv ist, wollte sich dagegen sponsoren- und medienwirksam als Anti-Doping-Kreuzritter positionieren und hat jahrelang auf Ullrich, Zabel und mich eingeschlagen und uns niedrige Motive unterstellt. Dabei war er es, der die niedrigsten Motive hatte. Er hat sich nämlich am Leid der anderen ergötzt und davon profitiert. Dabei kam dann später in einem Gerichtsverfahren heraus, dass er im eigenen Team quasi ein organisiertes Dopingsystem hatte. Da brauchte man sich nicht wundern, dass alles so gekommen ist.

Ullrich kann man da ja als tragische Figur sehen. Er war Nationalheld, Publikumsliebling – dann flogen seine Dopingsünden auf. Von diesem tiefen Fall scheint er sich bis heute nicht erholt zu haben ...

Jaksche: Wenn Jan gesagt hätte: Tut mir leid, ich habe Fehler in meinem Leben gemacht – dann hätte ihm jeder verziehen. Jeder. Leider hat er es nicht geschafft. Ihn nicht zur Tour einzuladen ist natürlich lächerlich. Im Umkreis der Tour – von den Organisatoren bis zu den Teams – befinden sich um die hundert ehemaligen Radprofis, die gedopt haben und jetzt offizielle Positionen entweder bei Teams oder bei der ASO haben. Der letzte Dopingfall war vor ein paar Tagen. Ein Edelhelfer von Alberto Contador und John Degenkolb, der in einem Team fährt, das von drei ehemaligen Dopingsündern geführt wird. Und Jens Voigt moderiert die Präsentation. Noch Fragen?

Ullrich schadet also immer nur sich selber?

Jaksche: Ich würde es so sagen: Jan hat leider kein Gefühl dafür, wann er Verantwortung übernehmen muss. Zum Beispiel sein Autounfall: Da geht er ins Gericht und sagt, er werde jedes Urteil akzeptieren. Dann sagt der Richter, er glaubt dem Gutachten nicht. Daraufhin sagt Jan, wie enttäuscht er vom Richter sei. Das ist eben diese Ambivalenz in seinen Aussagen: Erst sagt er: „Ich stehe zu dem, was ich gemacht habe.“ Wenn dann nicht das rauskommt, was er sich erhofft hat, sagt er: „Der Richter ist ein Idiot.“ So machte er es die ganze Zeit. Auch bei mir. Da hat er gesagt: „Wie kann der Jaksche nur alles zugeben.“ Aber dann fragt sein Manager bei meinem Anwalt an, ob er nicht meine Geständnisprotokolle haben kann, damit er Ullrich retten kann.

Wie sehen Sie die aktuelle Situation: Ist der heutzutage Radsport sauber?

Jaksche: Ich glaube, der Radsport ist nicht wirklich geläutert. Derzeit gibt es den Druck der Welt-Anti-Doping-Agentur, der Öffentlichkeit und der Sponsoren. Wenn es aber morgen keine Dopingkontrollen mehr gäbe, dann bin ich mir sicher, dass sich alle sagen: „Die anderen werden jetzt sicher wieder bescheißen – also bescheißen wir auch, am besten vor den anderen.“

Zwanzig Jahre nach seinem Tour-Sieg – wie schätzen Sie Ullrich ein, als Sportler und Mensch?

Jaksche: Ulle ist sicher ein guter Mensch und ein körperlich begnadeter Sportler, aber seine Synapsen sind das leider eher weniger. Auch deshalb hat er ja immer noch die falschen Leute um sich herum. Wenn du dich weiterentwickeln willst, dann musst du dich hinterfragen, selbstkritisch sein. Aber Jan hat immer Leute um sich herum, die sagen: Jan, du bist ein Supertyp, du machst alles richtig.

Glauben Sie, dass der Radsport in Deutschland noch einmal so eine Euphorie und Strahlkraft erleben wird wie 1997 und in den Jahren danach.

Jaksche: Das kann ich mir nicht vorstellen. Da ist zu viel kaputt gegangen. Die Leute sind zu sehr verarscht worden.

Zum Tour-Auftakt in Düsseldorf werden dennoch Hunderttausende von Zuschauern erwartet.

Jaksche: Das wird sicher ein Riesenhappening geben. Nur: Wenn in Düsseldorf die Kölner Band BAP umsonst spielen würde, würden die Leute auch herbeiströmen. Ich glaube nicht, dass die primär kommen, weil es hier um Radsport geht. Das ist mehr Folklore, fast wie damals bei den Sechstagerennen, wo ja ganz früher schon geschummelt wurde mit Schnaps und Aufputschmitteln, während man auf den Rängen feierte.

Das Interview führteArmin Gibis

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