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Abenteurer: Für Kobusch ist der Alpinismus Exploration, der Aufbruch ins Unbekannte.

Extrembergsteiger

Wiedergeburt in der Todeszone

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2015 entkam Jost Kobusch am Everest nur knapp dem Tod. 18 Menschen um ihn herum starben durch eine Lawine. Er bezeichnet den Tag als seine Wiedergeburt. 

München – Anfangs lacht Jost Kobusch noch. Er befindet sich am 25. April 2015 im Base Camp am Mount Everest. Auf 5360 Metern Höhe. Gemeinsam mit Freunden sitzt der Bergsteiger im Verpflegungs-Zelt. Plötzlich bebt der Boden, Stühle kippen um, das Zelt wackelt. Ein Erdbeben? Kobusch und seine Freunde amüsieren sich über das Kribbeln in den Beinen, als wären sie „auf einem kleinen Segelboot bei hohem Wellengang auf offener See.“ Als die Alpinisten vor das Zelt treten, trifft Kobusch der Schlag. Eine Schockstarre legt sich über seinen ganzen Körper. Noch wenige Sekunden zuvor hat er über das vermeintlich harmlose Erdbeben gealbert, nun blickt er auf Menschen, die panisch um ihr Leben rennen. Eine riesige Lawine brettert unaufhaltsam auf das Base Camp zu. Kobusch sucht hinter einem Zelt gemeinsam mit seinen Freunden Kuntal und Taro Schutz. Das Lachen ist ihm längst vergangen, im Halse stecken geblieben. Als die Lawine über die drei Freunde donnert, fühlt es sich so an, als würde die Naturgewalt den Sauerstoff aus Kobuschs Lungen saugen. Er kann kaum noch atmen und ist sich sicher: Hier und heute werde ich sterben.

Kobusch überlebt. Um ihn herum lassen insgesamt 18 Menschen ihr Leben. Die dramatischen Momente filmt der damals 21-Jährige mit seiner Handykamera: „Ich dachte mir, wenn mich das Ding schon voll erwischt, will ich es wenigstens festhalten.“ Das Video, das er auf YouTube hochlädt, erhält große Aufmerksamkeit. TV-Sender auf der ganzen Welt spielen die Sequenz in ihren Sendungen ein. Bis heute hat der Mitschnitt 24 Millionen Klicks.

Kobusch hatte Glück. „Neben mir sind Leute gestorben. Es war eine Nahtoderfahrung.“ Er bezeichnet jenen Tag im Base Camp als seine Wiedergeburt. Er hatte damit gerechnet, dass er stirbt. Alles, was jetzt noch kommt, was er jetzt noch erleben darf, sieht der Extremsportler als Bonus: „Es ist seltsam, das zu sagen, weil es so vielen Menschen das Leben gekostet hat, aber es war einer der besten Momente meines Lebens.“   Und in der Tat, es klingt seltsam. Spricht man mit Menschen, die dem Tod ins Auge geblickt haben, rechnet man eher mit Posttraumatischen Belastungsstörungen. Aber Kobusch zieht Kraft aus der Situation. In dem Moment, in dem er unter der Lawine begraben liegt, spürt der gebürtige Bielefelder, was er in seinem Leben unbedingt machen will: Bergsteigen.

Rückblende: Kobusch wächst in Borgholzhausen auf. Einer kleinen Stadt in Nordrhein-Westfalen. Schon früh beginnt der heute 27-Jährige damit, sich selbst herauszufordern, sich selbst zu konfrontieren. Trotz seiner Höhenangst entscheidet er sich in der sechsten Klasse für die Kletter-AG in der Schule: „Ich hatte schon immer Freude daran, mich intensiv mit meiner Angst auseinanderzusetzen, sie zu spüren.“ Mit 16 Jahren klettert Kobusch das erste Mal am Felsen. In ihm wächst das Bedürfnis, einmal einen hohen Berg zu besteigen. Am liebsten einen 8000er, mit denen er sich in seiner Jugend ständig befasst – ob in Zeitschriften, Büchern oder Filmen.

In seinem Buch „Ich oben allein. Vom Überleben eines jungen Solo-Bergsteigers“ beschreibt er sein Gefühl, in den Bergen „die letzten wirklichen Abenteuer unserer Zeit“ finden zu können. Kobusch fängt klein an. Mit 17 Jahren ist er mit seiner Familie in Bayern, sie fahren zusammen mit der Seilbahn auf die Zugspitze. Rieta, eine Schwester von Jost, hatte an einem Wettbewerb teilgenommen und durch ein besonders schön geformtes Lebkuchenherz mit Zuckerguss die Reise gewonnen. Da ist es wieder, das Glück, das dem Bergsteiger aus dem Teutoburger Wald auch während der Lawine hold war. Oder war die gewonnene Bayern-Reise eher „Zufall“, wie es in seinem Buch steht? Wie dem auch sei, das Lebkuchenherz mit Zuckerguss der Schwester Rieta beschert Kobusch jedenfalls den ersten Ausflug in die Berge, die ihn fortan nicht mehr loslassen.

Mit 20 besteigt der Alpinist den Mont Blanc, mit 21 stellt er durch die Free-Solo-Besteigung der 6812 Meter hohen Ama Dablam in Nepal einen Weltrekord auf. Eigentlich will er Alpinmedizin studieren und absolviert sogar das Vorpraktikum: „Ich dachte mir aber, bevor du mit dem Studium anfängst, besteigst du erst einen 8000er.“ Jener 8000er sollte im April 2015 der Lhotse sein, mit 8516 Metern der vierthöchste Berg der Welt und ein Nebengipfel des Mount Everest. Die Lawine, die das Base Camp überrollt, nimmt ihm glücklicherweise nicht sein Leben. Aber die Nahtoderfahrung verändert das Leben des Jost Kobusch. Das Studium ist längst vergessen, er wird professioneller Bergsteiger. Auf seinen großen Expeditionen ist der ehrgeizige Sportler stets alleine unterwegs. „Es herrscht eine Leere. Es gibt keine Reize, die von außen auf mich einströmen. Die Leere muss ich selbst füllen.“ Kobusch begegnet am Berg sich selbst – und seinen Ängsten. Er unterteilt seine Expedition stets in Gefahrenzonen: „In roten Zonen habe ich natürlich auch Angst. Ein Fehler und du überlebst das nicht. Aber Angst ist etwas Schönes. Sie erzeugt Fokus.“

Kobusch verzichtet auf zusätzlichen Sauerstoff und auf Träger. Er sucht die Wildnis – „all die Gerätschaften und Seile nehmen mir die Reinheit der Umgebung.“

Die Abenteuergeschichten, von denen er als Kind geträumt hat, erlebt der Bergsportler mittlerweile selbst. Ihm gelingt die Erstbesteigung des 7296 Meter hohen Nagpai Gosum II. Das ist für ihn der wahre Alpinismus, der Aufbruch in das Unbekannte: „Du stehst da oben und weißt, hier war noch kein Mensch.“

Sein erster 8000er, der Gipfel der Annapurna, beweist ihm endgültig, was er drauf hat. Als er oben steht, spürt er erst eine leichte Wärme, gefolgt von einer kalten Schauer am Rücken. Beim Abstieg folgt er über Stunden einem Bergsteiger, bis er merkt, dass dieser gar keine Spuren im Schnee hinterlässt. Kobusch halluziniert.

Es sind solche Grenzerfahrungen, die ihn faszinieren. Im Februar dieses Jahres versucht er das – bislang unerreichte – Winter-Solo am Everest. Bei 7350 Metern muss auch er abbrechen, „sonst hätte ich mein Leben aufs Spiel gesetzt.“ Im Winter ist der Everest noch gefährlicher, die Kälte ist brutal: „Wenn ich im Frühjahr noch mal einen 8000er versuche, wird es mir wie Urlaub vorkommen.“

Die nächste Expedition hat Kobusch schon geplant. Das Ziel möchte er noch nicht verraten. Doch eins ist sicher: Die Angst, die ihn bereits im Alter von 12 Jahren in die Kletter-AG getrieben hat, wird ihn auch dann wieder begleiten – und anspornen.

VON NICO-MARIUS SCHMITZ

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