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Karrierestart mit Holzklötzen an den Füßen

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- Sao Paulo - Im Moment seines Triumphs war Fernando Alonso von einer seltsamen Demut gezeichnet. Als Michael Schumacher nach dem Großen Preis von Brasilien dem Spanier zu seinem Titel gratulierte, blickte Alonso den Deutschen an, als wollte er sich dafür entschuldigen, den siebenfachen Weltmeister entthront zu haben. Obwohl er seit Jahren von nichts anderem geträumt hat. Jetzt, als es wahr wurde, war Alonso von der Größe des Moments überwältigt. Und hatte plötzlich mit Gefühlen zu tun, die er nicht kannte.

Die Szene ist aber auch sehr typisch für Fernando Alonso. Er ist ein lebender Beweis dafür, dass es tatsächlich Spanier gibt, die mit Emotionen nur schwer umgehen können. "Er ist nicht gerade ein typischer Südländer, eher analytisch", sagt Alonsos Renningenieur Rod Nelson: "Aber einen typischen Südländer könnte man als Rennfahrer sowieso nicht gebrauchen."

Was seine Coolness betrifft, ist Alonso ein viel reiferer Pilot, als es sein Alter vermuten ließe. Er bleibt immer ruhig, bis der richtige Moment zum Attackieren da ist. "Viele sagen, dass ich Glück habe, aber ich versuche auch, mein Glück zu erzwingen", sagt Alonso. Was das bedeutet, war am Nürburgring zu sehen, wo Alonso den von Reifenproblemen behinderten Räikkönen jagte, bis dem Finnen in der letzten Runde die Aufhängung brach. Räikkönen betrachtete es als Pech. Alonso dagegen meint: "Wir haben so viel Druck gemacht, dass wir sie zum Ausfall getrieben haben."

Dazu kann er die Ruhe auch als Gejagter bewahren. In Imola drängelte Michael Schumacher zwölf Runden lang hinter ihm, ohne vorbei zu kommen, obwohl sein Ferrari viel schneller war als Alonsos Renault, dessen Reifen am Ende waren und der Motor kurz vor dem Kollaps. "Fernando ist wahnsinnig clever gefahren. Er war immer unglaublich langsam am Scheitelpunkt der Kurve. Weil unser Auto viel besser aus den Kurven heraus beschleunigt, hatte Schumacher keine Chance", erzählt Nelson.

Wenn es überhaupt etwas typisch Spanisches an Alonso gibt, dann ist es der hohe Stellenwert der Familie. "Er hängt noch sehr an seinen Eltern", sagt Nelson. Und nicht nur an denen. "Meine Großmutter ist für mich eine sehr wichtige Person, ich verbringe sehr viel Zeit mit ihr", so Alonso. Aber je höher er auf seiner Karriereleiter kommt, desto weniger bleibt ihm Zeit, die er mit seiner Familie in Oviedo verbringen kann. "Ich schaffe es nur noch einmal im Monat, bei meiner Familie zu sein", sagt Alonso, der in Oxford wohnt, ganz in der Nähe der Renault-Fabrik.

Alonsos Leidenschaft fürs Rennfahren begann schon mit drei Jahren. Damals schenkte ihm sein Vater Jose Luis einen selbst gebauten Kart, und weil Fernando noch zu klein war, um auf die Pedale zu kommen, band der Vater Holzklötze an seine Schuhe. Viel Geld hatte die Familie nie. Alonsos Vater war Sprengmeister, seine Mutter Ana Kassiererin in einem Kaufhaus. Das fehlende Geld machte er wett mit der Besessenheit zu siegen. "Ich wollte mich immer mit anderen messen, sogar mit meiner Mutter, als sie mich in die Schule brachte", erzählt Alonso: "Ich wollte immer vor ihr bei der nächsten Ampel sein. Und wenn das nicht geklappt hat, habe ich geweint." Dank seiner Willenskraft kämpfte sich Alonso kontinuierlich nach oben, war in jeder Motorsport-Klasse der Jüngste. So auch in der Formel 1, wo er 2001 in einem Minardi debütierte. Mit 19.

"Als er zu uns kam, war er wahnsinnig schüchtern", erinnert sich der Minardi-Teamchef Paul Stoddart. "Er hat immer diese spanische Volksmusik gehört, und ich hatte den Eindruck, dass er darin die fehlende Heimat suchte."

Alonsos Manager Flavio Briatore, der ihn schon zu Minardi gebracht hatte, machte ihn 2002 zum Testfahrer bei Renault. 2003 war dann sein erstes Jahr als Einsatzpilot bei Renault, beim zweiten Rennen der Saison in Malaysia wurde er zum jüngsten Pole-Mann aller Zeiten, später in Budapest zum jüngsten Grand-Prix-Sieger aller Zeiten. Nun schrieb er Motorsport-Geschichte als jüngster Weltmeister aller Zeiten.

Dieser Sonntag wird aber auch sein Leben für immer ändern. In Spanien wurde er bereits zur lebenden Legende, zur "Messiasfigur" (El Pais) erklärt. Renaults Chefingenieur Pat Symonds meint: "Jemand, der so schüchtern ist wie Fernando, hat es schwer, ein Held zu sein."

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