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„Wir sind nicht Teil der Weltspitze“

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Von: Andreas Werner

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Katarina Witt: Wünscht sich weiterOlympia in Deutschland
Katarina Witt: Wünscht sich weiterOlympia in Deutschland © fkn

Katarina Witt über das deutsche Eiskunstlaufen, olympisches Gold, Spiele in Deutschland und Schnappatmung

Monte Carlo – Gestern auf den Tag genau vor 30 Jahren gewann Katarina Witt in Calgary ihr zweites Olympia-Gold. Passend dazu äußerte sich die 52-Jährige Laureus-Botschafterin bei den Awards in Monte Carlo über den Coup von Aljona Savchenko und Bruno Massot in Pyeongchang und andere Themen. Katarina Witt über . . .

. . . die Goldmedaille von Aljona Savchenko und Bruno Massot: „Das war eine einmalige Leistung, die Olympia würdig war. Endlich ist ein Mann an Aljonas Seite nicht zerbrochen, hat ihr zu mehr als Bronze verholfen (lacht). Ich kriege schon wieder Gänsehaut – alles hat gestimmt.“

. . . die Auswirkungen auf die deutsche Eiskunstlaufszene: „Wir gehören sicher zu den Sportarten, die sich hinsetzen und sagen müssen: Wo ist unsere Zukunft? So, wie der Bobsportverband vor vier Jahren. Dieses Gold gehört ja zu 50 Prozent der Ukraine wegen Aljona und zu 50 Prozent Frankreich wegen Bruno – da dürfte für Deutschland eigentlich nichts bleiben (lacht). Wir haben da von der Ausbildung anderer Verbände profitiert. An unseren weiteren Platzierungen sehen wir, wir sind nicht Teil der Weltspitze. Da muss man die Realität anschauen. Bei den Russinnen kommt Alina Sagitova mit 15 und sagt jetzt schon, dass es 13-Jährige gibt, die besser als sie sind.“


. . . den immensen Leistungsdruck in der Szene: „Heute werden Kombinationen gesprungen, ich hätte in meinen kühnsten Träumen nicht erträumt, dass es so etwas gibt. Andererseits denke ich oft: Muss man die jungen Mädchen nicht mal schützen? Geht es nicht zu weit in dieser Sportart? Ich kriege ja selbst als Fachfrau Schnappatmung. Aljona lief mit Brüchen Eis – ich verstehe, wenn manche früh aufgeben, weil sie dem Druck nicht gewachsen sind. Es tut mir aber auch weh. Es ist doch schade, wenn eine mit 15 Olympiasiegerin wird, mit 17 aber aufhört, weil sie nicht mehr kann – wo ich sie doch noch 15 Jahre lang auf dem Eis sehen will.“

. . . ihr Resümee der Winterspiele: „Der Eindruck unserer Mannschaft wirkt noch immer nach. Es gab viele, viele schöne Momente, und auch der Empfang jetzt in Deutschland sprach Bände, wie viele Menschen zuhause mitgefiebert hatten. Die Mannschaft hat geliefert. Nach Sotschi war die Stimmung nicht so gut, und zum Glück haben einige Verbände daraus Konsequenzen gezogen.“

. . . die Bedingungen in Pyeongchang: „Ich war nicht emotionslos, nachdem ich für Münchens Bewerbung zwei Jahre so gekämpft habe. Man muss aber sagen, dass die Athleten eine schöne Bühne bekommen haben. Die Versprechen wurden gehalten. Natürlich kennen wir die Wettbewerbe, etwa bei Ski Alpin, aus Europa anders. Da hätte man sich mehr Begeisterung, mehr Zuschauer gewünscht. Die Asiaten erhoffen sich jetzt einen Winter-Boom. Die Spiele gehen dahin, wo man sie haben will. Man wollte sie dringend in Asien haben. Man muss aber sagen, dass von der Organisation und den Wettkampfstätten her alles geleistet wurde. Tradition konnte man nicht erwarten, aber man kann immer das Haar in der Suppe suchen – und finden.“

. . . eine mögliche deutsche Bewerbung: „Schön wäre es. Calgary, Sion, Norwegen sollen sich ja auch ins Rennen bringen. Ich hoffe, die Winterspiele gehen künftig nicht komplett an Europa vorbei. 2022 hat man bei uns in Bayern beschlossen, dass man es nicht will. Da müssen wir uns an die eigene Nase fassen. Es wird die große Aufgabe des IOC, wieder mehr Menschen von den Spielen zu überzeugen. Wir müssen uns hinterfragen, warum es so viele gibt, die die Spiele verhindern wollen – siehe auch Hamburg zum Beispiel. Es ist für alle eine Gratwanderung: Wo geht es hin? Wir hatten in Deutschland zum Beispiel gute Konzepte, was die Weiternutzung von Wettkampfstätten ect. betrifft. München 1972 ist ja ein tolles Vorbild.“

. . . ihr mögliches erneutes Engagement für Olympia in Deutschland: „Wir sind eine großartige Sportnation, ob Winter, Sommer, Fußball etc. – die Menschen in unserem Land lieben den Sport, verfolgen und unterstützen ihn. Olympische Spiele sind immer auch ein Statement. Ich hoffe schon auf Olympia in Deutschland. Wir sind ein Land, das das kann, organisatorisch, in allen Belangen. Ich hoffe sehr, dass wir das wieder in Angriff nehmen.“

Aufgezeichnet von
Andreas Werner

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