Ein Kiwi, der die Australier nervt

- Melbourne - Mit allzu großer Herzlichkeit werden sie ihn wohl nicht empfangen. Normalerweise wissen die Australier sportliche Leistungen, zumal unter erschwerten Bedingungen, zu würdigen, und ein Sieg nach fast fünf Stunden fällt gewiss unter diese Rubrik. Aber Nicolas Kiefer hat sich die Sympathien in Melbourne gründlich verscherzt, vor allem bei den Korrespondenten der führenden Blätter. "The Age" erschien am Tag vor dem Halbfinale gegen Roger Federer (heute, 9.30 Uhr MEZ, Eurosport) mit einer Kolumne unter dem Titel: "Ein Sieger ohne Respekt."

Der Artikel begann mit den Worten, Kiefer habe es nicht verdient, im Halbfinale zu sein. Er habe sich während des ganzen Spiels gegen Grosjean übellaunig und unflätig präsentiert und habe schlechte Manieren gezeigt. In der Mitte steht, für einen erwachsenen Mann sei sein Verhalten verachtenswert, und er endet mit den Worten: "Kiefer sagt, Siegen rechtfertige alles. Lange möge er verlieren." Verglichen damit wirkte die Kritik der "Herald Sun" beinahe moderat. Die Zeitung nannte ihn einen Hitzkopf und versah die Geschichte vom Spiel mit der Überschrift: "Kiefer schreibt das Buch vom Gewinnen auf die miese Tour neu."

Harte Worte also. Aber Kiefer sollte sich nicht allzu laut beschweren, denn er liefert bei diesem Turnier - und nicht nur bei diesem - eine Steilvorlage nach der anderen, auch schon vor dem viel diskutierten Schlägerwurf im Spiel gegen Grosjean.

Bereits in der ersten Partie gegen Paradorn Srichaphan war er zweimal verwarnt worden, einmal wegen einer obszönen Geste - die er bestreitet -, einmal wegen Schiedsrichter-Beschimpfung. Im Achtelfinale gegen Chela kassierte er eine Verwarnung wegen unsportlichen Benehmens, gegen Grosjean gab es zwei, eine wieder wegen Schiedsrichter-Beleidigung, die andere wegen Zeitverzögerung. Für jede der Verwarnungen wurde er mit einer Geldstrafe zur Kasse gebeten, und alles in allem kostet ihn der Spaß bisher 6000 US-Dollar (rund 4900 Euro).

Kiefer (Spitzname: "Kiwi") sagt, er sei sich keiner Schuld bewusst. Es seien so viele Emotionen im Spiel, man stehe unter derartiger Spannung, das müsse jeder verstehen. "Wenn man viereinhalb Stunden kämpft, passiert so was einfach." Er hat's nicht leicht. In der Vergangenheit ist er für seine bisweilen überheblich wirkende Kühle kritisiert worden, seit er sich wieder Emotionen leistet, weil er erkannt hat, unter Strom spiele er am besten, ist es auch nicht recht. Oft pendelt er in einem Spiel zwischen den Extremen, und hinterher sagt er dann gern, es stünden halt "viele Kiwis" auf dem Platz. Das Dumme ist im Moment nur, dass die Australier offenbar keinen dieser Kiwis mögen.

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