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«Klinsmänner» wollen sich jetzt Italien vornehmen

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- Berlin (dpa) - Die Familienfeier im «Schlosshotel» fiel trotz des großen Sieges eher klein aus - am Tag danach verbissen sich Deutschlands Fußball-Helden schon wieder in den nächsten Gegner Italien und pflegten ihre Wunden.

«Viele sind absolut über ihre Grenzen gegangen», lobte Jürgen Klinsmann nach der aufwühlenden zehnten Halbfinal-Qualifikation einer deutschen WM-Mannschaft sein Personal. «Wir sind sehr, sehr stolz auf unsere Mannschaft. Vor allem, wenn man bedenkt, dass fünf Spieler noch in der U 21 spielen könnten», erklärte der Bundestrainer nach dem dramatischen 4:2 im Elfmeterschießen, das Favorit Argentinien aus dem Turnier kippte.

Trotz des 161 Minuten langen Nervenkrieges und Abnutzungskampfes gegen ein argentinisches Weltklasse-Team bekamen Michael Ballack & Co. nach einer lockeren Feierstunde, zu der auch der verletzte Nationalspieler Sebastian Deisler und der nicht nominierte Patrick Owomoyela ins Mannschafts-Quartier gekommen waren, dieses Mal aber keine zusätzliche Freizeit genehmigt. «Die Spieler wissen, dass die Zeit bis zum Dienstag sehr knapp ist», sagte Teammanager Oliver Bierhoff mit Blick auf den nächsten «dicken Brocken» im Halbfinale. Erholung steht im Vordergrund, die Mediziner arbeiten auf Hochtouren.

«Wir haben der Mannschaft schon direkt in der Kabine gesagt, dass wir nach vorne blicken. Das muss man in so einem Turnier einfach machen. Wir wollen noch mehr», betonte Klinsmann. Und Kapitän Ballack, der sich trotz Krämpfen durchgebissen und noch einen von vier Elfmetern sicher verwandelt hatte, unterstrich: «Mit jedem Spiel wächst unsere Überzeugung.» Nach dem couragierten Auftritt gegen den Turnier-Favoriten, der sich am Ende als schlechter Verlierer erwies und mit einer gemeinen Tätlichkeit durch den Reservespieler Leandro Cufre an Per Mertesacker fast eine Massenschlägerei provoziert hatte, müssen auch die letzten Zweifler und Nörgler registrieren: Klinsmanns Masterplan greift - Deutschland ist bereit für das achte WM-Endspiel.

Nach von Respekt und wenigen Torszenen geprägten 120 Minuten und einem Elfmeterduell mit dem Helden Jens Lehmann versuchten die deutschen Spieler, auch in den Tumulten der «Nachspielzeit» kühlen Kopf zu bewahren. Den Frust der Südamerikaner hatte zuerst Mertesacker zu spüren bekommen, dem Cufre erst ein Bein gestellt und dann im Stile eines Kung-Fu-Kämpfers auf den Oberschenkel gesprungen war. «Bevor etwas Schlimmeres passiert, wollte ich dazwischen gehen», berichtete Bierhoff. Der Manager wurde selbst von einer argentinischen Hand im Gesicht getroffen - der Weltverband FIFA hat sich eingeschaltet. Länger beschäftigen wollte sich mit dem Thema im DFB-Lager aber trotz eines angeforderten Berichts seitens der FIFA niemand mehr. «Da soll man nicht so viel Tamtam machen», schlug Klinsmann mit Hinweis auf die Emotionen in seinem solchen Duell vor.

Den Bundestrainer interessierte nur der sportliche Erfolg gegen die Fußball-Weltmacht Argentinien. «Sie haben ihre Mannschaft unseren Stärken angepasst», betonte der Bundestrainer und schloss mit einer versteckten Genugtuung an: «Dann haben sie sogar Crespo und Riquelme rausgenommen.» Klinsmann dagegen hatte Leute aufgestellt, die von den Argentiniern noch vor einigen Wochen kaum als ernsthafte Konkurrenz eingeordnet worden wären: Ein Christoph Metzelder, der bei Borussia Dortmund auf die Bank verbannt worden war; ein Bastian Schweinsteiger, dem Bayern-Trainer Felix Magath im jüngsten DFB-Pokalfinale keine einzige Minute Einsatz gönnte oder ein fast ein Jahr lang verletzter Philipp Lahm. «Wenn man bedenkt, wo ich vor zwei Jahren war, ist es ein Wunder, dass ich hier stehe», bemerkte der Halbfinalist Metzelder. «Die Welt hat wieder Angst vor der deutschen Mannschaft», erklärte Manager Bierhoff nach dem Ende der über fünfjährigen Negativserie gegen große Fußball-Nationen.

Klinsmann hat bisher alles richtig gemacht, was man überhaupt richtig machen kann. Er hat voll auf die Karte Fitness gesetzt, er hat den Mannschaftsgeist beschworen, er hat in David Odonkor und Oliver Neuville auf Joker gesetzt, die auch Argentinien ärgern konnten. Und er hat Lehmann zur Nummer 1 befördert, der in Berlin mit zwei gehaltenen Elfmetern zum Matchwinner wurde. «Ich liebe Deutschland inzwischen, wegen der Atmosphäre. Die Menschen sollen feiern», kommentierte Lehmann seine Taten. «Gewinner ist nicht nur Jens Lehmann, Gewinner ist auch Oliver Kahn», schob Klinsmann hinterher. Denn Kahn hatte vor dem Elfmeterschießen seinem Rivalen fast liebevoll den Kopf getätschelt und mit einem festen Händedruck und anfeuernden Worten motiviert. Die Fans im Stadion und an den TV-Geräten spendeten für eine der Szenen des Tages spontan Beifall.

«Wie die Mannschaft gefightet hat, war es die logische Folge, dass wir die Glücklicheren waren», erklärte Ballack und gab das Lob des Trainerstabes gleich zurück: «Die Trainer haben uns sehr, sehr gut auf den Gegner eingestellt.» Damit das auch gegen Italien so sein kann, vergab Italien-Kenner Klinsmann schon am Wochenende den nächsten Spionage-Auftrag an Chefscout Urs Siegenthaler. Am 1. März dieses Jahres war die DFB-Elf in Florenz gegen den dreimaligen Weltmeister noch mit 1:4 untergegangen. «Dieser Stachel sitzt noch tief», gab Torsten Frings zu. Torwarttrainer Andreas Köpke versprach: «Jetzt nehmen wir uns Italien vor.»

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