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„Einer der ältesten Leichtathletik-Trainer in Bayern“: Hans Zenzinger, 74, mit Werferin Sabrina Zeug.

Es muss nicht immer Weltklasse sein

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Die kommenden Tage im Sport werden geprägt sein von den Leichtathletik-Weltmeisterschaften im fernen Doha in Katar. Zu erwarten ist eine Leistungsschau der olympischen Kernsportart. Mit Zeiten und Weiten, die uns kaum fassbar erscheinen werden – und die globale Aufmerksamkeit verdienen. Doch wie geht es der Leichtathletik an ihren Wurzeln, in den kleinen Vereinen, auf dem Land? Trainiert wird auch dort mit Hingabe. Ein Besuch.

Am 5. August, einem Montag, war Hans Zenzinger aus Hausham im Landkreis Miesbach mit seiner Zeitung, die er seit 1973 abonniert hat, unzufrieden. Er suchte nach detaillierten Ergebnissen von den Deutschen Meisterschaften in der Leichtathletik vom Wochenende in Berlin. Und auch nach denen vom Schwimmen und vom Turnen. Mehrere Verbände hatten „Die Finals“ zeitlich und örtlich zusammengelegt.

Hans Zenzinger fand im Ergebnisblock der Zeitung immer nur den Ersten, Zweiten. Dritten. Aber nicht alle Teilnehmer des jeweiligen Endlaufs und Endkampfs. Er war fuchsig, setzte sich hin und schrieb mit der Hand einen Brief an die Zeitung. „Ist denn eine Deutsche Meisterschaft gar nichts mehr wert? Für uns ist nach wie vor die Qualifikation für eine ,Deutsche’ ein wichtiges Ziel unserer Vereinsarbeit. Wenn dann noch jemand ins Finale der letzten Acht kommt, geht ein weiterer Traum in Erfüllung.“

Er war dann in Fahrt: „Ist der Journalismus so abgehoben, dass nur noch Rekorde zählen? Sind denn nur noch überbezahlte Fußballer Vorbilder? Macht der Journalismus alle Eltern verrückt, wenn nur noch über Millionengelder beim Fußball gesprochen wird?“

Wie reagieren? Man ruft den Herrn Zenzinger an, man vereinbart ein Treffen. Das geht dann auch schnell: „Dienstagnachmittag, gut. Zuvor bin ich beim Senioren-Golf.“ Hans Zenzinger sagt: „Ich empfinde Solidarität für alle Sportarten, das lehre ich auch meine Athleten immer. Und bei Siegerehrungen sage ich: Es muss auch einen Letzten geben, damit es einen Ersten geben kann.“

Hans Zenzinger ist 74 und Leichtathletik-Trainer, „einer der ältesten in Bayern“. Man kennt ihn. Er ist ein Original in der Szene.

Ein gewichtiger Mann. „Elf Operationen“ habe er im Leben hinter sich bringen müssen, erzählt er. Er hat sich in fast jedem Sport versucht, zeigt Fotografien, die ihn als jungen und schlanken Wasserspringer, Fußballer, Werfer zeigen. Ski gesprungen ist er auch. Von Beruf war er Vertriebsleiter bei Kneissl, der österreichischen Skifirma, er ist viel auf PR-Tour gewesen mit Rosi Mittermaier. Mit 60 wurde er Rentner: „Tumor im Kopf.“ Übungsleiter war er schon lange, er hat das dann wieder aufgenommen und trainiert nun die guten Leichtathleten bei der Sport-Gemeinschaft Hausham. Denn er weiß: „Es fehlt an Übungsleitern.“

„Wenn ein Verein vom Land wie wir einen Sportler zur Deutschen Meisterschaft bringt und der dort 20. wird, sind wir happy“, sagt Zenzinger. Er hat eine Athletin, mit der das glücken könnte. Sabrina Zeug ist sein Vorzeigeschützling. 27, Werferin. Doch Sabrina Zeug ist auch Apothekengehilfin, die Vollzeit arbeitet und nur einen Nachmittag pro Woche frei hat. Hans Zenzinger trainiert täglich mit ihr, meist geht es erst um 19.30 Uhr los, nach ihrer Arbeit.

Er hat seine handschriftlich geführten Trainingspläne und Tabellen dabei. „Was meinen Sie, was die Sabrina im Jahr im Kraftraum an Gewichten hebt? Eine Million Kilogramm.“ Tausend Tonnen. Es ginge wohl noch mehr, doch Zenzinger will, „dass mein Madel noch aussieht wie ein Madel und nicht so a Blunzen wird wie die. . .“ Den Namen einer international bekannten und erfolgreichen Konkurrentin bittet er wegzulassen.

Wobei: Konkurrentin ist ein relativer Begriff. Sabrina Zeug gehört zu den Besten in Bayern, aber alle ihre Topleistungen liegen unter den Qualifikationsnormen, die die Tür zur „Deutschen“ öffnen würden.

Kugelstoßen 14,46 Meter – Quali-Norm 15,00.

Diskuswerfen 49,30 – gefordert sind 52,00.

Auch mit dem Speer (44,24 Meter) kommt sie zu keiner DM.

„Wir müssten uns auf eines konzentrieren“, sagt Zenzinger, „aber das will Sabrina nicht“. Ihr ist es lieber, alles zu machen, auch im Hammerwerfen versucht sie sich inzwischen. Zenzinger zitiert Zeug: „Die Deutsche Meisterschaft schaue ich mir lieber im Fernsehen an, als hinzufahren und Zehnte oder Zwölfte zu werden.“ Sie hat noch ein paar Wurf-Nebendisziplinen im Rasenkraftsport (das Steinstoßen) und in den turnerischen Wurfdisziplinen (Schleuderball), da ist sie durchaus nationale Spitze. Aber es ist halt nicht die Leichtathletik.

Und so fährt das Gespann Zenzinger/Zeug eben vor allem zu den bayerischen Wettkämpfen. Im Auto des Trainers, der sich als „Sponsor“ seiner Sportlerin sieht, wenn der Verein die Fahrtkosten nicht übernimmt. Die Fahrten muss man sich dann so vorstellen. Chauffeur zum Wettkampf: der Trainer. Rückweg: die Athletin. „Wenn Sabrina gut war“, so Zenzinger, „darf sie ihre Cassette einlegen. Wenn nicht, muss sie meine bayerische Musik anhören.“

Die Wettkämpfe, an denen sie teilnimmt, sieht fast nur Fachpublikum. Trotzdem erfordert ihre Durchführung enormen Aufwand. Hans Zenzinger hat eine Statistik parat über Kampfrichtereinsätze. Allein im Kreis Südost Oberbayern sind das 2078 in einem Jahr. „Alles durch Idealisten, die kriegen nix und bezahlen noch ihre Ausbildung selber.“

Ohne diesen Idealismus hätte es die Leichtathletik, zumindest die abseits der Städte und Stützpunkte, noch schwerer. Früher sind mehr Kinder und Jugendliche gekommen. Um Zenzingers Hausham zu nehmen: Da gab es mal ein Bergwerk und eine Arbeiterschaft. Man blieb am Ort. Kinder, die eine Handwerkerausbildung gemacht hatten, wurden als Erwachsene Übungsleiter und kümmerten sich um die nächste Generation. Ein natürlicher Kreislauf. Heute zieht der Arbeitsmarkt sie weg vom Dorf. Und es gibt mittlerweile auch eine Konkurrenzsituation der Sportarten untereinander. Es ist nicht mehr so, dass ein begabter Skifahrer nach Saisonende im März den Sommer über zu den Leichtathleten geht. Zenzinger: „Der Skiverband will seine Trainer das ganze Jahr über beschäftigen und bindet seine Sportler an sich.“ Sie machen ihr leichtathletisches Training dann eben unter Anleitung der Leute vom Deutschen Ski-Verband.

Aber Hans Zenzinger lässt mit seinen bald 75 Jahren nicht locker. Er ist ja grundsätzlich altmodisch, hat seit Ende seiner Berufstätigkeit „das Handy abgelegt“, hat keine E-Mail und keinen Internetanschluss. Seine Sportlerinnen haben ihm ein Tablet geschenkt. Okay, darauf hat er sich eingelassen, filmt nun vom Stuhl aus, „damit das Bild nicht wackelt“, die Wettkämpfe, „und dann schaue ich mir die Bewegungsabläufe in 20-facher Zeitlupe an“. Aber eigentlich sehe er auch so, was Sache ist.

Die Inspiration und Anleitung für sein Training bezieht er aus Büchern und der Zeitschrift „Leichtathletik-Training“. Sorgfältig ergänzt er alles mit eigenen Anmerkungen.

Die Leichtathletik-WM verfolgt Hans Zenzinger mit glühendem Interesse, er wird deswegen aber kein Training ausfallen lassen. „Wir zeichnen alles auf. Danach wird’s analysiert.“

Auch im Angesicht der ganz großen Leistungen, die in Doha in einem – welch Luxus – klimatisierten Stadion zu erwarten sind, wird er nie aus den Augen verlieren, wie bewundernswert auch die Leistungen ein paar Stufen unter der Weltklasse sind.

„Ich hatte“, sagt er, „mal einen Zehnkämpfer, der fast 7000 Punkte geschafft hat“. Der Weltrekord liegt bei über 9000, und die 4,40 Meter, die Zenzingers Mann im Stabhochsprung hinlegte, finden (inter)national natürlich keine Beachtung.

„Aber viermetervierzig – stellen Sie es sich so vor: Sie sind im ersten Stock eines Hauses, und einer springt zu Ihnen rauf. Das ist gewaltig.“ Und das stimmt.

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