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Brutale Rückschläge – doch der Traum ging nicht kaputt: Carolin Fernsebner (24) hat weiter die Hoffnung, ihre Skirennläufer-Karriere fortführen zu können.

Das leidgeprüfte Glückskind

Bischofswiesen - Die junge Skirennläuferin Carolin Fernsebner wird heuer ein Weihnachten erleben, wie es für sie noch nie war. Nach schweren Verletzungen ist sie zum Stillhalten gezwungen. Das Pech  jedoch hat für Carolin auch sehr Erfreuliches mit sich gebracht.

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Die strahlende Wintersonne hat Bischofswiesen verzaubert. Der kleine Ort im Berchtesgadener Land, eingebettet zwischen Watzmann, Jenner und Untersberg, präsentiert sich in diesen Tagen als weißblaue Märchenlandschaft, gehüllt in eine dicke Schneedecke. Es ist wenige Tage vor Weihnachten, bald werden die Touristen kommen, die Pisten bevölkern, hinten am Roßfeld, oben am Jenner oder drüben am Götschen. Und Carolin Fernsebner wird sie beneiden.

Carolin Fernsebner wird die Tage daheim verbringen müssen, vorwiegend auf der Couch im schmucken Reiheneckhaus in Bischofswiesen, das sie mit Marcus bewohnt, ihrem Lebensgefährten. Es werden „komische Weihnachten“ für sie werden, denn diese Ruhe kennt sie nicht. Immer ist sie Weihnachten nur kurz zu Hause gewesen, dann ging es weiter, in den Schnee, zu den nächsten Rennen. Wie damals, vor zwei Jahren.

Carolins „Rekord“ sogar bei Wikipedia

Carolin, eine hübsche junge Frau mit blondem, schulterlangen Haar und tiefblauen Augen, war ein Kind des Glücks. „Bis auf kleinere Wehwehchen bin ich nie verletzt gewesen“, sagt sie. Sie galt als aufstrebendes Talent im so starken deutschen Damen-Skiteam. Mit viel Begabung und noch mehr Fleiß hatte sie sich nach oben gearbeitet, unter die Top 30 der Welt. Doch dann dieser Tag, es war der 28. Dezember 2008, am Semmering, unweit von Wien. DNF wird in der Ergebnisliste des Riesenslaloms hinter der Startnummer 38 stehen, „did not finish“, nicht im Ziel. Carolin Fernsebner war buchstäblich auf der Strecke geblieben, ein brutaler Sturz mit dramatischen Folgen. Seither weist ihre Biografie eine Besonderheit auf, sie ist, so liest man bei Wikipedia, „die erste deutsche Alpinläuferin, die sich gleichzeitig beide Kreuzbänder gerissen hat“.

Auch ein Rekord, das aber war noch nicht einmal alles. Dazu Meniskus und Knorpel lädiert, Fraktur des Schienbeinkopfes links. Verletzungen gehören zum Skisport, auch Carolin wusste das. Und sie hat es akzeptiert, hat ohne zu hadern begonnen, „brutal hart“ zu arbeiten für ihr Comeback. Knapp zwei Jahre hat sie gebraucht, um zurückkehren zu können in den Weltcup, im Herbst dieses Jahres hat sie es geschafft, sich für Sölden zu qualifizieren. Und war glücklich, wieder dabei sein zu können, im Schnee, im Skizirkus, bei ihren Freundinnen, in ihrer Welt. Und dann ging’s nach Aspen, Colorado.

„Ich wusste sofort, was passiert war“, erzählt sie. „Auf der Piste war ich fix und fertig, man will es nicht wahr haben, denkt, das kann doch nicht sein! Gerade an diesem Tag war ich mir so sicher.“ Sie hatte sich nach der ersten Verletzung viel Zeit gegeben, hat sich ohne den großen Druck einen Winter lang bei FIS- und Europacup-Rennen das Gefühl für den Schnee zurückgeholt, die Schmerzen besiegt und die Angst vor dem Sturz. Und nun, im gerade mal zweiten Weltcuprennen nach der Rückkehr, das neuerliche, so bittere Aus. Kreuzbandriss rechts, Meniskusschaden. Und die Nachrichtenagenturen spekulierten bereits über das mögliche Karriereende einer hoffnungsvollen jungen Skifahrerin.

Ist es das? Carolin sitzt daheim in ihrer Küche, das rechte Bein hochgelagert. Das Wetter lockt zum Skifahren, doch sie ist verdammt zum Nichtstun. Und das ist hart. Die Kolleginnen kämpfen gerade in Courchevel um Weltcup-Punkte, die Heim-WM in Garmisch-Partenkirchen steht kurz bevor. „Und ich kann momentan gar nichts machen“, sagt Fernsebner. „Zunächst wurde der Meniskus vernäht, nun muss ich warten, bis die Entzündung raus ist, dann wird im Januar das Kreuzband operiert.“ Die Krücken sind ihr ständiger Begleiter, das Knie wird von einer Schiene versteift. „Ich darf es nur ganz gerade belasten.“

Viel ist ihr durch den Kopf gegangen in den letzten Wochen. Skifahren ist alles für sie gewesen. Wie alle kleinen Rennfahrer hat sie vom Weltcup geträumt, Vorbilder waren Pernilla Wiberg und Picabo Street, „die Street-Hocke habe ich schon als Kind nachgemacht“. Doch sie war nie fixiert auf dieses Ziel, sie ist Ski gefahren, weil sie Spaß daran hatte, unglaubliche Freude. „Meine Eltern haben mich unterstützt, aber nie gedrängt“, sagt sie. Und so hat sich alles entwickelt. Erfolge im Kinder- und Schülerbereich, über den Stützpunkt in die Kader, schulische Förderung an der Christophorus-Schule, dem „Ski-Gymnasium“, über FIS- und Europacuprennen in den Weltcup. Erster Weltcup-Start Ende 2005 in Lienz, erste Weltcup-Punkte im Februar 2006 in Ofterschwang, WM-Teilnahme 2007 in Are. „Ich habe gespürt, ich kann mithalten.“

Und nun? „Natürlich macht man sich Gedanken, wie es weiter geht.“ Carolin ist gerade 24, doch die weitere Karriereplanung ist erst einmal zurückgestellt, ganz weit zurück. „Wenn man hier untätig auf der Couch sitzt, will man zuallererst einfach wieder gesund werden. Ich will wieder Sport treiben können, mich bewegen.“ Manchmal denkt sie an Maria Riesch, an Marlies Schild, „die sind auch nach brutalen Verletzungen zurückgekommen“, das macht Hoffnung. Sie hält Kontakt zu den Mannschaftskolleginnen, vor kurzem haben sie Carolin besucht, nach dem Training am Jenner. „Das wird natürlich weniger.“

Aus dem Pech erwuchs letztlich eine Liebe

Carolin Fernsebner muss keine Existenzängste haben, sie hat die Mittlere Reife, als Hauptwachtmeisterin beim Zoll kann sie in den Mittleren Dienst einsteigen. Doch das ist noch kein Thema. Nicht dafür ist sie diesen weiten Weg gegangen, hat sich Jahr für Jahr in den Kadern behauptet gegen starke Konkurrenz. Dafür braucht man Kraft, Können und viel Glück: „Von den ursprünglich 15 Mädchen des Jahrgangs 1986 sind nur die Nina Perner und ich übrig geblieben.“ Auch, weil sie von Verletzungen weitgehend verschont geblieben ist. Bis zu jenem 28. Dezember vor zwei Jahren, als aus dem Glückskind die Pechmarie wurde.

Sie weiß, was nun auf sie zukommt. Nach der Kreuzband-Operation beginnt „so im Februar“ die Reha, sie wird sie wieder bei Marcus Hirschbiel absolvieren. „Der hat mir beim ersten Mal brutal geholfen, ohne ihn wäre das noch viel schwerer geworden.“ Es war ein so langer, ein so harter, steiniger Weg zurück, der schwer zu schaffen ist ohne Unterstützung. Aus der Zusammenarbeit ist längst viel mehr geworden, Carolin und Marcus haben sich lieben gelernt, Patient und Therapeut sind zum Paar geworden. Carolin sagt: „Ich bin so froh, dass ich ihn habe.“ Und sie hat erfahren, dass persönliche Katastrophen am Ende auch so viel Glück bescheren können.

Gerade jetzt wird sie Marcus wieder brauchen, als einfühlsamen Partner, aber auch als Fachmann. Der sie wieder begleitet auf ihrem schweren Weg, ihr Mut macht und Hoffnung gibt. Denn der Traum lebt, der Schnee, der draußen in der Sonne so wunderschön glitzert, weckt die Sehnsucht. Es wird ein harter Winter für Carolin Fernsebner.

Reinhard Hübner

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