Die Liebe zum Benzingeruch

- München - Die Präsentation des neuen Formel-1-Autos von Williams beginnt mit einem vergilbten Foto, das einen ernsten Jungen auf einer Bank zeigt. Dann hört man die Stimme von Frank Williams: "Ich glaube, dass mein erstes Formel-1-Rennen der England Grand Prix 1959 war, den ich mit meinem Vater besucht habe." Das nächste Foto zeigt einen anderen Jungen, der am Steuer eines Karts sitzt, das viel größer ist als er, und auch sein Helm so groß, dass es auf die Seite kippt.

"Ich habe mein erstes Rennen 1996 bestritten", sagt die Stimme von Nico Rosberg. In ähnlicher Weise erfährt man, dass der zweite Fahrer Mark Webber genau wie der Technische Direktor Sam Michael in ihrer Jugend verrückt nach Motorrädern waren. Und wenn zum Schluss alle befragt werden, ob es ihnen in der Formel 1 ums Dabeisein geht oder ums Siegen, dann antworten alle: Siegen!

Williams hat sich auf den Weg zurück zu den Wurzeln begeben. Nicht nur, weil die Präsentation wieder in der Fabrik in Grove stattfand, im ländlichen Nirgendwo bei Oxford. Nein, die Williams-Jungs bekennen sich wieder offen dazu, den wahren Motorsport zu lieben, den Benzingeruch, die ölbeschmierten Hände. So kompromisslos wie auf einem Foto an der Wand an diesem Gebäude, das Frank Williams und Patrick Head, den zweiten Besitzer des Rennstalls, Ende der 70er Jahre zeigt. Aus den Schuhen von Williams gucken schon die Zehen heraus. Weil er sein ganzes Geld in die Rennwagen gesteckt hat.

Aber sind solche Zeiten nicht schon längst vorbei? Als BMW im vergangenen Juni bekannt gab, die Zusammenarbeit mit Williams zu kündigen und Sauber zu kaufen, sahen viele Williams auf ein ähnliches Schicksal zuzusteuern wie einst die Ex-Weltmeister-Rennställe Lotus und Brabham. Sie hörten irgendwann auf, Erfolg zu haben und starben dann ganz weg. "Wir werden uns gegen so ein Schicksal wehren, und die beste Methode, das zu tun, ist ordentliche Formel-1-Autos zu bauen", sagt Patrick Head. Die Trennung tut trotzdem weh. "Wir müssen 2006 für die Motoren bezahlen", sagt Head. "Das können wir auf langer Sicht nicht tun, wenn die Konkurrenz sie kostenlos bekommt."

Noch treibt Williams der Stolz eines Traditionsrennstalls. Und noch ist das Team mit über 500 Mitarbeitern in Grove auch fast doppelt so stark wie die Sauber-Mannschaft von BMW in Hinwill. Aber wie ordentlich ist nun der gerade vorgestellte FW28? Nico Rosberg, der neue deutsche Fahrer des Teams, der das Auto schon beim ersten geheimen Test am Sonntag in Valencia ausprobieren durfte, ist begeistert. "Es sieht schön und auch schnell aus", sagt er. "Die ersten Runden werden sicher ein großer Spaß."

Wie lange der Spaß in der Saison anhält, ist wieder eine andere Frage. Der neue Williams sieht, wie so oft in den letzten Jahren, recht brav aus. Im Vergleich zum neuen McLaren hat er eher eine fette Nase, und auch die Taille ist längst nicht so schmal wie beim neuen Silberpfeil. "Wir sind sehr zufrieden mit dem Auto, und die Erwartungen sind entsprechend hoch", verteidigt Jörg Zander, der neue deutsche Chefdesigner von Williams, sein Werk. Frank Williams wird da noch konkreter: "Wir wollen mit dem FW28 unter die besten drei in der Konstrukteurs-WM fahren."

Das ist starker Tobak, zumal das neue Auto bisher noch nie mit den anderen auf der Strecke war. Ein Trumpf in der kommenden Saison könnte jedoch der Wechsel des Reifenherstellers von Michelin auf Bridgestone sein. "Als wir das beschlosssen wussten wir noch nicht, dass der Reifenwechsel 2006 wieder möglich wäre", sagt Frank Williams. "Das wird ein Vorteil für uns", meint der zweite Fahrer Mark Webber und grinst. "Letztes Jahr, als der Reifen das ganze Rennen lang halten musste, war Michelin nicht zu schlagen. Jetzt erwarte ich eine ähnliche Situation wie 2004." Da war Bridgestone deutlich im Vorteil.

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