"Man muss auch Schauspieler sein"

- Melbourne - Mit diesem Namen ist einem kein Dasein in den hinteren Reihen bestimmt: Philipp Eberhard Hermann Kohlschreiber. Geboren im Oktober '83 in Augsburg, Beruf Tennisprofi, Nummer 102 der Weltrangliste, in Deutschland zur Zeit die Nummer sechs. Größter Erfolg? Findet gerade statt.

Mit dem Ziel, zwei, drei Runden zu gewinnen, ist er nach Melbourne gekommen, und bis jetzt könnte es nicht besser sein. In Runde zwei der Australian Open gab sein Gegner, der chilenische Olympiasieger Nicolas Massu, beim Stand von 0:6, 0:2 wegen einer Fußverletzung auf. Und in Runde drei am Samstag wird er nicht, wie erwartet, gegen den an Nummer 14 gesetzten Franzosen Sé´bastien Grosjean spielen, sondern gegen dessen schwächer eingeschätzten Landsmann Jean-René Lisnard.

Wie es der Zufall will, kann er sich trotz dieser eher unspektakulär klingenden Konstellation der ganzen Aufmerksamkeit sicher sein, denn nach den Niederlagen der Kollegen Haas, Kiefer, Schüttler, Mayer und Burgsmüller ist die Nummer sechs in Melbourne der letzte Deutsche im Männereinzel. Die Geschichte erinnert ein wenig an die Florian Mayers aus dem letzten Jahr; was daraus im Laufe der folgenden Monate wurde, ist bekannt, und Kohlschreiber hat kein Problem sich vorzustellen, dass er ähnlich voran kommen kann wie Mayer 2004.

"Alle außer Federer sind schlagbar"

Er sagt, an Selbstbewusstsein außerhalb des Platzes habe es ihm noch nie gefehlt, und er macht es deutlich mit dem Hinweis, er hätte sich auch zugetraut, einen gesunden Massu zu besiegen, denn prinzipiell seien "alle schlagbar", mit einer Ausnahme: Roger Federer. "Der müsste schon schlecht spielen, damit ich eine Chance gegen ihn hätte." Gegen diese forsche Sicht der Dinge nichts zu sagen.

Zumal Kohlschreiber ehrlich genug ist, eine Erklärung dafür anzubieten, warum er auf seinem Weg noch nicht ganz so weit gekommen ist, wie er es gern gehabt hätte. "Auf dem Platz hat mir oft das Selbstbewusstsein von außerhalb gefehlt, da hab ich mich zu oft verkrochen. Aber bei mir dauert halt alles etwas länger. Ich zeig' meine kleinen Schwächen noch, aber ich weiß jetzt, dass man auch lernen muss, ein guter Schauspieler zu sein. Die jungen Spieler aus dem Ausland sind mit 16 oder 17 oft abgebrühter als wir; wir machen halt erstmal die Schule zuende, und dann sind die anderen schon weiter."

Aber auch danach kann noch was aus einem werden, davon ist Philipp Kohlschreiber überzeugt. Das Beispiel Florian Mayers, mit dem er immer wieder mal in der TennisBase in Oberhaching trainiert, hat ihm ein Stück Zuversicht gegeben. Kann sein, dass er ein wenig Verspätung hatte, aber der Trend ist eindeutig. Im August 2004 qualifizierte er sich bei den US Open in New York erstmals für ein Grand-Slam-Turnier, in Melbourne kam er direkt ins Hauptfeld, und mit den Punkten aus mindestens zwei gewonnenen Runden wird er seine momentane Position in der Weltrangliste verbessern. Zumal die Aufgabe am Freitag gegen Lisnard von überschaubarer Größe ist.

Für Davis-Cup-Teamchef Patrik Kühnen ist Kohlschreibers Erfolg zumindest eine kleine Entschädigung für die Enttäuschung über die Niederlagen seiner übrigen Kandidaten. "Es tut sich was im Nachwuchsbereich", sagt er. Und was die Zeit betrifft, die dabei vergeht, da hat sich Philipp Kohlschreiber seinen eigenen Reim auf Aussichten und Möglichkeiten gemacht. "Man muss ja nicht mit 18 die Nummer eins sein. Außerdem wäre ich mit Nummer zwei auch schon zufrieden."

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