Ultrasport

„Ich habe einiges überlebt“

  • vonHarald Hettich
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Manfred Rau vom TSV Ottobrunn geht im Ausdauersport an seine Grenzen

Ottobrunn – Manfred Rau ist eines der echten sportlichen Aushängeschilder des TSV Ottobrunn und im Ultrasport einer der wichtigen Wegbereiter hierzulande. In diesem Corona-Sommer und unter erschwerten Auflagen hat der mehrfache Ironman und vielfache Weltmeisterschafts- und EM-Teilnehmer von Ultra-Triathlons das Fern-Radrennen von Berlin nach München absolviert. Mit dem Start am Berliner Olympiastadion begann die anspruchsvolle Tour mit 702 Streckenkilometern. Was folgte für Rau und seine wegen der Pandemie auf rund 70 Fahrer aus ganz Deutschland und den Nachbarländern beschränkten Mitradler? 53 Stunden Bruttorennzeit bei meist sengender Hitze unterwegs auf den Etappen nach Leipzig, entlang des Saale-Nebenflusses „Weiße Elster“ weiter nach Waldershof in Oberfranken und schließlich über Schloss Stefling in der Oberpfalz nach München. Insgesamt 5500 Höhenmeter auf reichlich Kopfsteinpflaster im Osten und vielfach von der Dürre verbrannten Feldern auf der gesamten Strecke hatten die Aktiven auf ihren Rennrädern am Ende und in den Beinen. „Deutschland ist wirklich nicht flach und die Strecke war sehr anspruchsvoll“, fasst Rau zusammen.

Abzüglich karger karger nächtlicher Schlafzeiten an den Etappenorten und einigen Verpflegungspausen hatte Rau die Strecke in nur 35 Stunden bewältigt. „Das Ergebnis als solches war aber völlig egal. „Ankommen und Spaß haben“ war nach Aussage des 54-Jährigen seine und die Motivation der anderen Ultrasportler. Der auch im Zivilberuf hauptberuflich als Küchenchef der Fachklinik Bad Heilbrunn und Hauswirtschaftslehrer an einer Münchner Realschule gut ausgelastete „Hobby-Sportler“ (O-Ton Rau) hatte offenbar derart viel Spaß an der Tortur, dass er sich für nächstes Jahr gleich wieder angemeldet hat. „Allerdings werde ich dann das komplette Angebot nutzen und auf doppelter Streckenlänge die Fahrt Berlin-München und zurück in Angriff nehmen“, schmunzelt der verheiratete dreifache Familienvater.

Dass ihm seine Familie irgendwann gram sein könnte wegen seiner multiplen sportlichen Aktivitäten, muss der langjähriger Mit-Ausrichter und Organisator des Ottobrunner Sechs-Stunden-Laufs oder des Doppel-Ultra-Triathlons am Haidgraben nicht befürchten. „Meine Frau Angelika habe ich beim Dreifach-Triathlon 1995 in Lensahn (Schleswig-Holstein; die Red.)) kennengelernt – also mittendrin im Geschehen“, erzählt der gebürtige Gräfelfinger, der in Münchens Stadtteil Untergiesing aufwuchs und einst bei seinem erklärten Heimatverein TSV Ottobrunn die Laufgruppe der Turnabteilung mitinitiierte. „Sie hat dort ihren Vater betreut.“ Wie Rau hatte der ein Streckenprofil mit 11,4 Kilometern Schwimmen, 540 Kilometern auf dem Rad und noch einmal 126 Laufkilometern absolviert. Die Gattin selbst blieb nicht beim Betreuen allein. Angelika Fiebig-Rau hatte in den Frühzeiten dieser Hochbelastung mit einem internationalen Damen-Team diverse Weltrekorde im Zwei- und Dreifach-Triathlon aufgestellt. Und auch der Rau-Nachwuchs schlägt keinesfalls aus der Art.

Svenja (19) absolvierte nach diversen Berglauf- und Triathlonsiegen als Leistunschwimmerin den High-School-Abschluss an einer US-Schwimmschule,und trägt den braunen Gurt beim Judo. Nach einer Ausbildung im Fitness-Bereich studierte sie derzeit in Kufstein Sport-Marketing. Der 16-jährige Marvin siegte bei diversen Berg- und Treppenläufen sowie beim Miesbacher Triathlon, hat als Leistungsschwimmer sehr viel gewonnen, spielt zudem Fußball und ist als Grün-Gurt auch auf der Judo-Matte erfolgreich. Und auch der 12-jährige Stieven kann bereits auf einige Erfolge in den Sportarten seiner älteren Geschwister verweisen.

Zurück zum Papa inmitten dieser „sportnärrischen“ Familie. Was bedeutet dieser Ultrasport einem, der in den Rennen Höchstbelastungen absolviert? „Abschalten im Kopf und genießen“, kommt die spontane Antwort eines Athleten, der für die sportlichen Ausdauer-Meriten auch viele Trainingseinheiten absolviert. „Heuer werden es allein auf dem Rad wohl gut 10000 Trainingskilometer sein“, beschreibt Rau. „Liebevolle Gedanken an liebe Menschen, Fremdsprachenvokabeln im übenden Selbstgespräch und das Lösen von Rechenaufgaben lenken den Mental-Künstler Rau dabei von mancher Strapaze ab. Wenn er nicht gerade auf heimischen Pfaden rund um seinen Wohnort Valley bei knackigen, meist solo gestrampelten Übungseinheiten durch Ottobrunn, Sauerlach, Aying oder Irschenberg kurbelt, trainiert Rau „besonders gern auch an der Küste“. Etwa entlang der steifen Brise zwischen Bremerhaven Cuxhaven zieht er bevorzugt am Rennlenker. „Zum Laufen bin ich seit einiger Zeit mit meinen 95 Kilogramm eigentlich zu schwer“, bekennt er. Der aktuelle Schwerpunkt liegt abseits von fürher zahlreicheren Freistil-Bahnen im kühlen Nass und unentwegten Läufen auf Schusters Rappen mittlerweile klar auf dem Rennrad. „Das erste Rad musste ich mir für meinen allerersten Triathlon damals noch von einem Arbeitskollegen ausleihen“, lacht Rau. Diese Zeiten sind längst vorbei. Der Mann pflegt ein intensives Eigensortiment an Speichen, Naben, Rädern und Sätteln. Braucht er auch, blickt man alleine auf die Liste anstehender Ziele. Weitgehend unbeeindruckt vom Corona-Virus hat er sich für 2021 nicht nur die 1400 Kilometer Doppelstrecke zwischen Spree und Isar auf die Fahnen geschrieben. Neben der 300 Kilometer langen Mecklenburger Seenrunde an Pfingsten, diversen Qualifikationsrennen für „Paris-Brest-Paris 2023“ , der Rosenheimer Rundfahrt fast im eigenen Wohnzimmer oder den „24 Stunden von Kelheim“ will Rau „unbedingt noch einmal einen Tausender in Schweden“ absolvieren. Etwa rund um den Vättersee im südschwedischen Smaland. In Skandinavien lockt Rau indes nicht nur die rein sportliche Herausforderung. Nicht nur, dass er seit einigen Jahren die schwedische Sprache erlernt und den Mittsommer dort liebt. Mit „bara ett lev“ (zu deutsch: ich habe einiges überlebt) und dem Astrid-Lindgren-Zitat vom „Lass dich nicht unterkriegen. Sei frech, wild und wunderbar“ prägen klare Sinnsprüche aus dem Norden entscheidend auch das Denken des bemerkenswerten Sportlers und Menschen Manfred Rau. Der Mann hat das alles längst verinnerlicht, während er auf seinen schier endlosen Pfaden durch die unterschiedlichsten Weiten unterwegs ist.

Wegbereiter des Ultrasports: Manfred Rau vom TSV Ottobrunn.
Auf dem Rennrad legt Manfred Rau heuer allein 10000 Trainingskilometer zurück. Hinzu kommen die extram langen Wettkämpfe.

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