Maria und der Hauch arktischer Kälte

- Melbourne - Bevor sich Maria Scharapowa zum Spiel äußerte, klappte sie eben noch mal ihr pinkfarbenes Mobiltelefon auf und schickte eine Kurznachricht auf den Weg. Natürlich ist ihr Handy nicht irgendein Telefon; sie wirbt für dieses Modell, und es sieht wirklich ungeheuer trendy aus, dieses bunte, kleine Teil.

Die Firma, deren Tennisbekleidung sie trägt, hat einen großen Laden in Melbournes Zentrum. Dort ist die ganze Dekoration auf sie abgestimmt; Maria hier und da und überall. Das blaue Hängerkleidchen mit Plisseefalten, das sie dieser Tage auf dem Tennisplatz trägt, ist in allen Größen erhältlich, aber im Gegensatz zum Telefon hält sich die Nachfrage noch in Grenzen. Wer zieht schon freiwillig ein Umstandskleid an?

Maria Scharapowa ist das egal. Schon als sie 16 war und die Welt des Tennisspiels in Wimbledon anno 2003 mit lautem Geschrei und eiskaltem Spiel zum ersten Mal auf sich aufmerksam machte, versicherte sie glaubhaft, sie habe nicht die Absicht, das Modepüppchen zu spielen. Sie wolle nicht auf Äußerlichkeiten festgelegt werden. Sie sei da, um zu gewinnen; mit allen Mitteln, um jeden Preis. Im Jahr danach gewann sie Beifall umrauscht den Titel, alle schwärmten von der Prinzessin aus Sibirien, und ganz Wimbledon lag ihr zu Füßen.

Hat sich ganz schön abgekühlt, die Begeisterung. Was vor allem daran liegt, dass Scharapowa selbst in den hitzigsten Momenten ihrer Spiele mit grimmigen Gesten einen Hauch arktischer Kälte verbreitet. Die junge Dame ist Geschäftsfrau; ihr Geschäft besteht darin, Tennisspiele zu gewinnen und Siege zu sammeln. Nach dem Viertelfinalsieg bei den Australian Open gegen Nadja Petrowa (7:6, 6:4) wurde sie gefragt, ob sie vorhabe, am Abend einen Blick auf die Partie ihrer potentiellen Gegnerin für das Halbfinale zu werfen. Eigentlich nicht, antwortete sie. Sie sei nicht gerade der größte Tennisfan, und sie schaue sich lieber andere Dinge an.

Sie hält Abstand, nicht nur abends vor dem Fernsehschirm. Die einzige, zu der sie engeren Kontakt pflegt, ist eine andere junge Russin, Maria Kirilenko. "Zu den anderen sage ich: hallo, wie geht's, aber das ist es dann auch. Die sind ja alle viel älter als ich." Aber das Alter ist vermutlich nicht der entscheidende Punkt. Sie ist an den anderen nicht interessiert, und damit hat sich die Geschichte.

Aber in einer Hinsicht hat sich nichts geändert seit dem Tag ihres ersten Spiels. Wenn es etwas gibt, worauf man sich in jeder Lage, auf jedem Platz der Welt und bei jedem Stand des Mondes verlassen kann, das ist es ihr Kampfgeist. Mit dem Rücken zur Wand spielt Maria Scharapowa wie sonst nur Serena Williams, und leichte Siege gegen sie gibt es nicht. Und da kommt es auch nicht darauf an, wenn sie wie zur Zeit angesichts einer rebellischen Rippe im Rücken nicht völlig fit in ihre Spiele geht. Bis kurz vor dem Beginn der Australian Open war fraglich gewesen, ob sie antreten würde, jetzt spielt sie, als gäbe es kein Problem. Das wissen die anderen, und es erleichtert deren Aufgabe nicht. So wie beim Fall von Nadja Petrowa, deren Hände im entscheidenden Moment zitterten.

Serena Williams ist bekanntlich in Melbourne nicht mehr dabei; gegen die hatte Scharapowa vor einem Jahr in einem bombastischen Halbfinale verloren. In einem Spiel, das sich so anhörte, als krachten zwei Tanker bei der Einfahrt in den Hafen aufeinander. Leichter wird es diesmal vermutlich auch nicht werden. Aber leiser. Denn Justine Henin-Hardenne, Siegerin im Viertelfinale gegen Lindsay Davenport (2:6, 6:3, 6:3), spielt gewöhnlich nicht nur mit klinischer Effizienz und Eleganz, sondern erfreulicherweise auch halbwegs geräuschlos.

Mit dem Sieg gegen Davenport, die bisherige Nummer eins, führte die Belgierin einen erneuten Wechsel an der Spitze der Weltrangliste herbei. Erste Kandidatin für die neue Nummer eins ist Kim Clijsters, es sei denn, die Französin Amé´lie Mauresmo gewinnt das Turnier und den Titel. Clijsters (gegen Martina Hingis) und Mauresmo (gegen Patty Schnyder) spielten in der Nacht zum Mittwoch (MEZ) um den Einzug ins Halbfinale. Vermutlich hat sich Maria Scharapowa auch dafür nicht so arg interessiert. Was soll denn toll daran sein, wenn die anderen spielen?

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