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Mauresmo bewältigt den letzten steilen Anstieg

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- Wimbledon - Ja, es ist gemein, dass einen das Leben manchmal elend lang auf etwas warten lässt, wonach man sich sehr, sehr sehnt. Aber ist es nicht einfach wunderbar, dass man dennoch jederzeit hoffen kann, irgendwann werde er kommen, der Tag aller Träume? Amé´lie Mauresmo hat daran geglaubt, obwohl es ihr nicht immer leicht gefallen ist. Sie hat gespürt, dass die Leute dachten: na, die gewinnt nie etwas Großes. In einem Interview hat sie vor ein paar Wochen gesagt, wenn man so etwas höre, fresse sich der Zweifel in die Seele. Aber das ist vorbei. Samstagnachmittag hat sie das Größte gewonnen, was es im Tennis zu gewinnen gibt, den Titel bei den All England Championships.

Und hätte es eine bessere Art gegeben, die alten Geschichten endgültig zu den Akten zu legen, als dieses Spiel gegen Justine Henin-Hardenne (2:6, 6:3, 6:4)? Es gab genügend Situationen, in denen die Amé´lie der Vergangenheit gezittert hätte. Nach dem schnell verlorenen ersten Satz, während des zweiten, in dem sie Henin nach klarer Führung wieder herankommen ließ. Und vor allem kurz vor Schluss, als die allerletzten, wichtigsten Bälle zu spielen waren.

Diese letzten Bälle sind bisweilen eine unglaublich schwere Last, doch gerade in dieser Situation zeigte sie Stärke. Schlug zwei Asse, ließ sich von einem dummen Fehler nicht verwirren, erzwang den Matchball mit einem ihrer wunderbaren Volleys. Dann warf sie den Ball zum letzten Mal in die Luft, und nur in diesem Moment, das gab sie hinterher zu, ist sie ein wenig nervös gewesen. Aber sonst hatte sie allen Anlass, beim ersten Interview noch auf dem Centre Court zu sagen: "Und jetzt möchte ich, dass niemand mehr über meine Nerven spricht."

Es ist der Zweifel der Leute gewesen, der ihr in der langen Zeit zwischen ihrem ersten Grand-Slam-Finale 1999 in Melbourne und dem zweiten sieben Jahre später an gleicher Stelle zugesetzt hat, nicht die Kritik. "Die Kritik hat mir nicht weh getan", sagt Mauresmo, "denn ich war realistisch genug zu erkennen, dass meine Nerven natürlich manchmal eine Rolle gespielt haben. Aber so bin ich, und so war es nun mal."

Dazu passte die Botschaft auf ihrem hellblauen T-Shirt, in dem sie eine Stunde nach dem Sieg zur Pressekonferenz erschien: "2006 Wimbledon Champion" stand in der oberen Zeile, "I am what I am" stand darunter. Sie hat Schwächen und Unzulänglichkeiten, weite Wege und steile Anstiege, Irrungen und Wirrungen als Teil ihres Lebens akzeptiert. Der Sieg beim Saisonfinale im November in Los Angeles, errungen in einem dramatischen Finale gegen Mary Pierce, hat ihr die Last von den Schultern genommen. Und auch das gehört je zu den Merkwürdigkeiten des Lebens: da rennt man jahrelang auf ein Ziel zu, und wenn man es erreicht hat, öffnet sich der Blick und man entdeckt weitere Wege.

Der Sieg in Los Angeles führte zum Sieg in Melbourne im Januar, und obwohl ihr damals der himmlische Moment des Jubelns fehlte, weil Henin-Hardenne aufgegeben hatte, fand sie zu Recht, sie habe ihn verdient. Das kann sie weiß Gott auch diesmal behaupten. Dass in Wimbledon Titel mit Serve-und-Volleyspiel gewonnen werden, hat inzwischen Seltenheitswert. So hatte zuletzt Jana Novotna 1998 gewonnen, deren Geschichte der Mauresmos ähnelt; auch die Tschechin litt jahrelang unter dem Ruf, Spiele zu verzittern.

Und so, wie sich die Leute damals mit Novotna freuten, freuten sie sich diesmal mit Mauresmo; wenn jemand gewinnt, der jung ist wie Maria Scharapowa vor zwei Jahren, entlädt sich die Freude in einem Knall der Begeisterung. Wenn jemand wie Mauresmo im reiferen Alter von 27 Jahren gewinnt, dann fließt die Freude wie ein breiter, großer Fluss. Mauresmo hielt die Trophäe in der Hand, als wollte sie das gute Stück so schnell nicht wieder hergeben. Fasziniert stellte sie fest, dass ihr Name schon graviert worden war. So, wie sie jetzt ihren Namen in die Geschichte des Spiels geschrieben hat.

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