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Ein Sprung? Fast schon ein Flug. Bob Beamon wird jenseits der Messanlage landen. Bei 8,90 Meter.

1968 - die höchsten Olympischen Spiele

  • Günter Klein
    vonGünter Klein
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Vom 12. bis 27. Oktober 1968 fanden in Mexiko-Stadt die 19. Olympischen Sommerspiele statt. Sie waren ein in vielerlei Hinsicht bemerkenswertes Ereignis. Sportlich (besonders in der Leichtathletik), aber auch politisch, global ebenso wie für Deutschland. Und schließlich war da noch der geografische Aspekt: Die Wettbewerbe wurden auf einer Höhe über 2200 Metern ausgetragen. Ein Zeitzeuge erinnert sich – er war mittendrin in einem unglaublichen Wettkampf.

Was in all den Olympiabüchern über Mexiko 1968 in den Kapiteln über den erstaunlichsten Weltrekord der Leichtathletik-Geschichte nicht steht, das ist: Plötzlich wandelte sich das Wetter. „Da kam eine richtige Wand“, erinnert sich Klaus Beer, „und es fing an zu regnen“.

Klaus Beer war damals 26, er startete für den SC Dynamo Berlin und die DDR – und er gewann die Silbermedaille in dem Wettbewerb, den alle wegen des Siegers in Erinnerung behalten haben. Und wegen der Leistung des Siegers – weil die weit, weit, weit über allem lag, was man für möglich gehalten hatte.

Bob Beamon hieß der Goldmedaillengewinner im Weitsprung von Mexico-City. Zum Namen des Amerikaners gehört auf immer und ewig diese Zahlenkombination. Achtneunzig.

8,90 Meter – der Jahrhundertweltrekord, das schrieben sie alle 1968. Weil Beamons Satz weit über der alten Bestmarke (8,35 m) lag und noch weiter über seinem eigenen Potenzial. Man war sich sicher, dass es keine Steigerung geben könne, die man noch erleben würde.

Die 8,90 sind der monumentalste Weltrekord der Leichtathletik geblieben – auch wenn er gar kein außerordentlich langes Leben hatte. 1991 bei der WM in Tokio schaukelten sich Carl Lewis und Mike Powell in einem großartigen Wettkampf hoch. Lewis flog sogar über die neun Meter, hatte aber um einen Hauch übergetreten. Regulär kam Lewis auf 8,87, Powell auf 8,95 Meter. Die Steigerung des Jahrhundert-Weltrekords hält nun schon länger (27 Jahre), als der originäre Jahrhundert-Weltrekord gehalten hatte (23 Jahre). Dennoch: Mehr Historie steckt in den Achtneunzig.

Wissenschaftler haben sich abgearbeitet an diesem Quantensprung, Hans Baumgartner, der vier Jahre später in München Silber gewinnen sollte, hat mit dem Hintergrund des Ingenieurs die Flugkurve analysiert, die auch ungewöhnlich hoch hinaus ging.

Eine gängige Erklärung ist auch, dass die Erdanziehungskraft in der Höhe von Mexiko-City geringer war. Das Olympiastadion lag auf über 2200 Metern. Auf europäische Verhältnisse übertragen: Mehr als 400 Meter über St. Moritz, dem schneesicheren Schweizer Wintersportort.

„Die Höhe war leistungsfördernd für Springer und Sprinter“, da ist Klaus Beer sich sicher. „Wir sind zwei Wochen vorher angereist, und schon im Training gab es Superleistungen.“ Die Athleten waren froh gestimmt, erinnert sich Beer, „denn es waren auch die ersten Olympischen Spiele, bei denen auf der Tartanbahn gelaufen wurde“. Bis Tokio 1964 war Asche das gängige Geläuf gewesen. Der neue Belag machte alle besser.

„Aber wenn mir einer erzählt, dass die Höhe und die Bahn die Gründe gewesen sein sollten, dass einer plötzlich über 50 Zentimeter draufsetzt – das wäre ein Witz“, findet Klaus Beer. Im Training konnte er sich noch mit dem Amerikaner vergleichen. „Unsere Anlaufzeiten haben sich nicht sehr unterschieden.“ Und jetzt muss er die Sache mit dem Wetter loswerden, das am 18. Oktober 1968 in Mexiko-City geherrscht hatte.

Beamon sprang im ersten Versuch die sagenhaften 8,90. Die Anlage im Olympiastadion war von der Messtechnik aber nur bis 8,60 Meter ausgelegt – schon das eine kühne Vision. Also musste ein Maßband herbeigeschafft werden, um herauszufinden, wie weit der Sprung gegangen war. „Und die Messerei hat so lange gedauert, dass ein Gewitter losbrach.“ Alle, die nach Bob Beamon drankamen, mussten im Regen springen. Beamon selbst unternahm nur noch einen Versuch, „da ist er durchgelaufen“, so Beer. Was hätte noch kommen können nach dem Fabel-Weltrekord?

Der Ost-Berliner Beer kam auf 8,19 Meter. „Ich bin als Nummer vier, fünf der Weltrangliste nach Mexiko gekommen, bin konstant über acht Meter gesprungen und habe mir 8,20 Meter vorgenommen.“ Weitsprung war vor fünfzig Jahren die heißeste Disziplin der Leichtathletik. Sechs Springer im Finale über acht Meter, Ralph Boston, der alte Weltrekordler, gewann Bronze (8,16), Vierter wurde der Sowjetrusse Igor Ter-Owanesian, ein Superstar in seinem Land.

Die Weitspringer waren beflügelt. nicht optimal war Mexiko für Langstreckler wegen des reduzierten Sauerstoffgehalts in der Luft. Als Mexiko 1963 im Kurhaus von Baden-Baden die Austragung der Spiele zugesprochen bekommen hatte (Mitbewerber waren Detroit, Lyon und Buenos Aires), war die Höhenlage sofort das Thema der Sportmediziner. „Der Tod läuft mit“, prägte Roger Bannister, der in den 50er-Jahren als erster Mensch die Meile unter vier Minuten gelaufen war, den plakativen Slogan.

Alle überlebten, niemand kam zu Schaden – aber tatsächlich war da eine Kluft. Über 100 Meter gab es die erste Zeit unter 10 Sekunden (Jim Hines in allerdings noch handgestoppten 9,9), die 400-Meter-Siegeszeit von 43,8 Sekunden (Lee Evans, USA) wäre heute noch konkurrenzfähig, ebenso David Hemerys (Großbritannien) 48,1 über 400 Meter Hürden – doch über 5000 Meter brauchte der Beste 14:05 Minuten, über 10 000 Meter 29:27, im Marathon war der legendäre Momo Walde aus Äthiopien über zwei Stunden und 20 Minuten unterwegs – das Niveau der 40er-Jahre.

Zwei Tage vor Beamons 8,90 Meter hatten die Olympischen Spiele einen Skandal erlebt. Bei der Siegerehrung des 200-Meter-Laufs streckten die Amerikaner Tommie Smith (Gold) und Juan Carlos (Bronze) die schwarz behandschuhte Faust in den Himmel. Es war das Symbol für die Black-Power-Bewegung, die gegen die Diskriminierung der afroamerikanischen Bevölkerung eintrat. Das Olympische Komitee der USA forderte Smith und Carlos umgehend auf, die Spiele zu verlassen. Das IOC erteilte eine Rüge, strich die beiden Athleten aber nicht aus der Siegerliste, ließ ihnen auch die Medaillen.

Smith und Carlos galten lange als die Anti-Helden. 1968 war eine besondere Zeit. Im April war der Bürgerrechtler Martin Luther King bei einem Attentat erschossen worden. In Europa gab es die studentische 68er-Bewegung, überall wurden Autoritäten in Frage gestellt. Keine zwei Wochen vor der Olympia-Eröffnungsfeier kam es zum „Massaker von Tlatelolco“. An die 300 Studenten, die friedlich demonstrierten, wurden von Militär und Polizei getötet, von Scharfschützen. Mexiko hat über diesen Schandfleck seiner Geschichte Jahrzehnte nicht gesprochen, ihn aus den Schulbüchern herausgehalten.

Tommie Smith und Juan Carlos wurden rehabilitiert – nach und nach. 1978 bereits nahm der US-Leichtathletikverband Smith in seine „Hall of Fame“ auf, 1999 erhielt er den „Sportsman of the Millennium Award“, 2008 den „Arthur Ashe Courage Award“ (in Erinnerung an den dunkelhäutigen Tennisstar). 2018 konnte sich Tommie Smith den „Dresden-Preis“ abholen, den zuvor Persönlichkeiten wie Michail Gorbatschow oder der Dirigent Daniel Barenboim bekommen hatten. Der Preis für Smith galt auch Juan Carlos, die Laudatio auf die „stumme Protestaktion, die Teil der Geschichte von Zivilcourage geworden ist“, hielt Günter Wallraff.

Was man in den Olympia-Büchern auch nicht lesen kann, das verrät der ehemalige DDR-Weitspringer Klaus Beer. Offensichtlich hatten auch Bob Beamon und Ralph Boston zwei Tage nach Smith/Carlos eine Protestaktion bei der Siegerehrung geplant. Boston erschien barfuß, Beamon hatte die Hosenbeine auffällig hochgekrempelt. Zu einer weiteren Black-Power-Demo kam es aber nicht; offiziell waren Beamons und Bostons Outfits auf den Regen zurückzuführen.

Mehr als ein paar Worte konnte Klaus Beer 1968 mit Beamon („Einfach vom anderen Stern“) nicht wechseln, ein Jahr später allerdings war der Amerikaner zu Gast in der DDR. An einem Abend, an dem die Jahresbesten geehrt wurden. „Dann haben wir uns ausführlicher unterhalten.“ Das Rätsel seines 8,90-Meter-Sprungs konnte Beamon indes auch nicht erhellen. Der Sprung von 1968 bleibt somit „unbegreiflich“.

So war 1968:

Zum ersten Mal zwei deutsche Mannschaften

Mannschaften

Für die Deutschen waren die Spiele 1968 in Mexiko-City von herausragendem Interesse. Grund eins: Es war ja schon klar, dass Westdeutschland vier Jahre später Olympia-Gastgeber sein würde, München hatte nach einer fast spontan erfolgten Bewerbung den Zuschlag bekommen, auf dem Oberwiesenfeld entstand bereits der Olympiapark, der Turm wuchs sichtbar in die Höhe.

Der zweite Punkt: 1968 waren erstmals getrennte Teams aus Bundesrepublik und DDR am Start; bis 1964 hatte es stets eine „gesamtdeutsche Olympia-Mannschaft“ gegeben. In Mexiko traten beide Delegationen für sich auf – allerdings noch ohne die jeweilige Flagge und Nationalhymne.

Im Medaillenspiegel von Mexiko ’68 wurde die DDR Fünfter (9 Gold, 9 Silber, 7 Bronze), die BRD Achter (5 – 11 – 10). Den Zweikampf der Supermächte an der Spitze der Nationenwertung gewann die USA (45 – 28 – 34) vor der Sowjetunion (29 – 32 – 30). Zum ersten Mal bei den Olympischen Spielen wurden auch Dopingtests durchgeführt.

„Entspannt“, so nahm Weitspringer Klaus Beer aus Ost-Berlin die Atmosphäre zwischen west- und ostdeutschen Athleten wahr. Heide Rosendahl, kommender Star der West-Leichtathletik, bemerkte bei den anderen Nationen ein gewisses Unbehagen: „Weil auf einmal viel mehr Deutsche am Start waren – mehr Konkurrenz.“ Bis 1964 hatte es für die Olympia-Kader immer noch gemeinsame Qualifikations-Wettbewerbe gegeben.

Mexiko konnte mit viel Star-Power aufwarten. Die Tschechin Vera Caslavka (vier Gold-, zwei Silbermedaillen) war der Blickfang der Spiele, im Diskuswerfen gewann zum vierten Mal in Folge der Amerikaner Al Oerter – eine solche Gold-Serie über zwölf Jahre ist unerreicht. Im Hochsprung übertrumpfte Dick Fosbury mit seiner Erfindung, dem „Flop“, die traditionellen Straddle-Springer.

Große Erfolge der Bundesrepublik: Ingrid Mickler holte den Olympiasieg im Fünfkampf, der Ruder-Achter, trainiert von Karl Adam, lieferte ein weiteres Mal, ebenso die Dressurmannschaft. Gold ging auch an den Kleinkaliber-Schützen Bernd Klingner und den Zweier-Kajak der Frauen im Kanu-Rennsport. Nennenswert die Silbermedaillen in der Leichtathletik für Liesel Westermann (Diskus) und Claus Schiprowski (Stabhochsprung) und Bronze für die 4x400-Meter-Staffel mit dem Münchner Löwen Martin Jellinghaus. Silber und Bronze holten die Zehnkämpfer Hans-Joachim Walde und Kurt Bendlin.

Stars der DDR waren Rückenschwimmer Roland Matthes und Boxer Manfred Wolke, später Trainer von Henry Maske.

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