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Es ist vollbracht: Sprink im Ziel der legendärem Ironman-WM auf Hawaii

Mit Spenderherz zum Ironman

Sein Herz ist Trumpf

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Vor vier Jahren blickte Elmar Sprink dem Tod ins Auge - mit neuem Herz absolvierte er nun sogar den härtesten Triathlon der Welt

Als Elmar Sprink vor gut vier Jahren nach der Operation im Krankenhausbett lag, nahm er einen Zettel zur Hand und schrieb auf, was er in dem Leben, das jetzt kommen würde, erreichen will. „Viele kleine Dinge waren das“, sagt er im Rückblick. Er war damals „schon froh, als ich das erste Mal alleine auf die Toilette konnte“ und freute sich auf: „An die frische Luft gehen. Einen Kaffee trinken. Spaziergang machen. Freunde treffen.“ Er wurde dann verwegen, er träumte ein Stück weiter: „Einmal meine Siebeneinhalb-Kilometer-Hausrunde in Köln laufen oder meine Sechzig-Kilometer-Radrunde fahren.“ Seine Gedanken im Juni 2012...

Am 11. Oktober 2014 vollbrachte er, was er sich auf den Zettel zu schreiben nicht getraut hatte. Weil es vermessen schien: Er kam ins Ziel des Hawaii-Triathlon, der Weltmeisterschaft auf der Langdistanz (3,86 km Schwimmen, 180 km Rad, Marathonlauf). Er war der erste Herztransplantierte, der das schaffte – noch dazu in einer konkurrenzfähigen Zeit von zwölfeinhalb Stunden.

„Ich hatte einen Toptag“, sagt Elmar Sprink. Er sollte ja eigentlich von einem amerikanischen Fernsehteam begleitet werden, das die Geschichte von besonderen Teilnehmern erzählen wollte. Wie dem NASA-Astronauten, der die größte irdische Herausforderung auf sich nahm und sich dem Ironman stellte. Wie dem ehemaligen Soldaten, der im Krieg gewesen war und sich nun dem Kampf mit Wellen, mit heißen Winden und dem eigenen Körper stellte. Auch bei Sprink war man auf Drama aus. Doch er lief locker ins Ziel ein – ohne TV-Leute. „Die haben zu mir gesagt: ,Du warst zu schnell.’“ Er hätte auch kein Bild der Erschöpfung bieten können, wie man sie nach dieser Distanz erwartet: „Warum soll ich über die Linie kriechen, wenn mir nicht danach ist?“

Sein Arzt sagt: „Er ist ein Irrer“

So hat Elmar Sprink also auch den Ironman-Triathlon abgearbeitet. Der Zettel, den er führt, ist mittlerweile „ein virtueller“. Für 2017 steht als erster Höhepunkt das Cape-Epic-Rennen in Südafrika drauf: Bekannt als das härteste Mountainbike-Rennen der Welt. Acht Tage, 800 Kilometer, 15 000 Höhenmeter.

Er war zum Trainieren auf Lanzarote, „War nicht so erfolgreich“, erklärt er, „nur drei Ausfahrten, dann habe ich mir einen Magen-Darm-Effekt eingefangen“. Als Professor Martin Halle vom Zentrum für Prävention und Sportmedizin der TU München davon hört, ist er ein bisschen besorgt: „Elmar mus aufpassen, er hat ja auch eine Immunsuppression.“ Die Abwehrkräfte des Körpers werden unterdrückt, ein Infekt ist gefährlich.

Aber alles okay. Sprink hat mit dem Training auf Lanzarote ausgesetzt und sich auskuriert. Und Professor Halle in München sagt: „Der Elmar ist schon ein Irrer.“ Es klingt bewundernd.

Die Transplantierten-Szene hat ihre Helden. Hartwig Gauder war der erste. 1980 war er für die DDR im 50 Kilometer Gehen Olympiasieger. Nach seiner Karriere wurde er krank: Virusinfektion des Herzens, 1997 erhielt er ein Spenderherz, zwei Jahre später startete er beim New York Marathon. Er schaffte die Strecke gehend.

Oder zwei Fußballer: Eric Abidal (Barcelona) kehrte nach einer Lebertransplantation auf den Platz zurück, Ivan Klasnic (Bremen, Mainz) mit einer Niere, die ihm sein Vater gespendet hatte. Jetzt geht es Klasnic wieder schlechter, er braucht ein neues Organ. Die Karriere hat er beenden müssen.

Elmar Sprink ist, obwohl auch schon 45 Jahre alt, einfach in den Sport zurückgekehrt, den er betrieben hatte. Er war Triathlet: „Kein richtig guter, aber auch nicht schlecht.“ Bei einem Langdistanz-Wettbewerb in Kanada mit 3800 Teilnehmern war er unter den ersten 150 – das als Maßstab.

Er hatte es drauf, zehn Kilometer in 36 Minuten zu laufen. Plötzlich wurde er langsamer um zwei, drei Minuten. Elmar Sprink hat gedacht: „Vielleicht hat es mit Veränderungen im Job zu tun.“ Außerdem war Allergiker-Jahreszeit. Er ging zum Arzt, der sagte zu ihm: „Ich wäre froh, wenn ich so schnell laufen könnte wie Sie.“ Elmar Sprink glaubte, er habe „ein Luxusproblem“.

Bis zum 12. Juli 2010. Er erlitt daheim auf dem Sofa einen Herzstillstand. Die nachlassende Leistungsfähigkeit war wohl ein nicht als solches erkanntes Warnsignal gewesen. Die Ursache hat man nie herausfinden können. Dank der guten Erstversorgung durch einen Nachbarn überlebte Elmar Sprink. Man schickte ihn auf Reha, zehn Mal war er im Krankenhaus. Er fühlte sich „beschissen“, konnte keine hundert Meter gehen. Es wurden ihm zwei Herzpumpen eingesetzt. Im Juni 2012 bekam er ein Spenderherz. Einen Monat später wurde Elmar Sprink entlassen. Er hatte 189 Tage liegend im Bett verbracht.

Nun schaute er auf seinen Zettel. Und fing an mit Sport. Im Dezember fuhr er in die Berge, zum Snowboarden ins Staubaital. Er fühlte sich den Bergen immer schon verbunden. „Ich wohne nur falsch“, sagt er. Er machte weiter: Volksläufe, Großglockner-Besteigung („Der Bergführer sagte: ,Nicht jedes Kreuz, das wir sehen, ist ein Gipfelkreuz.’“), Radrennen, kurze Triathlons, der mittlere, der lange. Er wird jetzt eingeladen, „ich spare mir also die Startgebühr“, er hat Sponsoren, bekommt Material. Leistungssport gehört zu Elmar Sprinks Tagesablauf wie dass er Obst und Gemüse isst.

Das alles ist sehr erstaunlich – auch wenn man bedenkt, dass Hartwig Gauder, der ein Weltklassesportler gewesen war, mit seinem neuen Herzen für die Marathonstrecke (42,195 Kilometer) 6:15 Stunden benötigt hatte. „Und auch das ist schon eine beachtliche Leistung“, erklärt Professor Martin Halle.

Sprink dagegen lässt die meisten Gesunden problemlos hinter sich, bei manchen Läufen gewinnt er seine Altersklasse. Als Herztransplantierter.

Das neue Herz kann man nicht trainieren

„Elmar ist der Wahnsinn“, meint Martin Halle, „das macht seine Story so interessant“. Man solle sich das alles nicht so einfach vorstellen à la kaputtes Herz raus, neues Herz rein. Das Herz habe „keine Nervenansteuerung mehr“. Die Nerven sind durchschnitten, wenn es entnommen wird, und dass im neuen Körper neue Nervenverbindungen entstehen, „das geschieht nur in seltenen Fällen, zufällig“. Der Professor sagt: „Das transplantierte Herz kann man nicht trainieren. Man kann es aber entlasten, indem man die periphere Muskulatur trainiert.“ Dazu kommt: „Die Medikamente, die Elmar nehmen muss, sind sicher nicht leistungsfördernd, er ist eingeschränkt.“

Martin Halle hat Elmar Sprink in diesem Jahr kennengelernt, sein Lehrstuhl hat ausführliche Untersuchungen vorgenommen. Eines von Sprinks Projekten 2016 war die Teilnahme am Transalpine Run, einer Etappen-Alpenüberquerung von Garmisch-Partenkirchen nach Bozen, ein ziemlich brutaler Wettbewerb für Zweierteams.

Man wollte diesen Athleten Elmar Sprink ergründen. Täglich trat er während des Transalpine Run zu Ultraschalluntersuchung und EKG an. „Wir wollten herausfinden, ob seine Herzfunktion einknickt im Verlauf der zehn Tage“, so Martin Halle. Vergleichsuntersuchungen vom München Marathon zeigten, dass manche Läufer zwölf Stunden nach dem Rennen eine Art Herz-Muskelkater aufweisen – bei Sprink war nichts davon zu merken. Die elektrische Stabilität des Herzens veränderte sich nicht, und es waren keine Herzrhythmusstörungen auszumachen. Das transplantierte Herz arbeitete einwandfrei – auch unter Extrembelastung.

„Aus medizinischer Sicht würde ich nicht empfehlen, was Elmar macht“, sagt Professor Halle, „die Teilnahme an 10-Kilometer-Läufen wäre schon genug“. Doch bei Sprink passt es einfach mit dem Herzen, das er bekam. Es ist schlicht ein Glückfall. Grundsätzlich aber dürfe man sich bestätigt fühlen in der Annahme, dass Bewegung hilfreich ist. Auch bei Menschen nach einem Herzinfarkt. Und sogar bei Transplantierten. „Viele Ärzte“, kritisiert Martin Halle die Kollegen, „wollen die Patienten in Watte packen, aber das Beispiel Elmar Sprink zeige: „Man kann wieder spazieren gehen oder eine Bergwanderung machen.“ Wenigstens das.

Bei Elmar Sprink ist klar: Er hat ein gutes Herz bekommen. Aber er wird nie erfahren, von wem. Die Gesetzeslage in Deutschland sieht vor, dass Spender und Empfänger anonym bleiben. Was Sprink tun könnte, wäre, einen Dankesbrief zu schreiben, der würde an die Familie des Spenders weitergeleitet. Die Problematik in seinem Fall: Wenn er erzählt, was er mit dem neuen Herzen alles gemacht hat, ist leicht herauszufinden, wer er ist. Er hat ja einen gewissen Grad an Prominenz: Der Herztransplantierte, der Marathon läuft, Triathlon finisht, Berge bezwingt.

Es gibt auch Deutsche und Weltmeisterschaften der Transplantierten. Elmar Sprink hat daran schon teilgenommen, schließlich gibt es reizvolle Reiseziele wie demnächst Argentinien – aber eigentlich zieht es ihn nicht in diese Szene. Sie ist sehr überschaubar und die Klasseneinteilung diskussionswürdig: Sie erfolgt nicht nach Organen, sondern nach Alter. „Im Skilanglauf habe ich WM-Silber gewonnen, dabei bin ich gar nicht besonders gut“, sagt Sprink, „dagegen war ich, obwohl Snowboardlehrer, in den Ski-Disziplinen ohne Chance. Da ist jemand früher gegen Hermann Maier gefahren. Der war mit neuer Niere genauso gut wie vor der Transplantation.“

Außerdem wird ihm bei diesen Weltspielen zu viel über Medikamente und die Krankheit geredet. Lieber startet Elmar Sprink bei ganz normalen Wettbewerben: „Ich sage: Macht Sport mit anderen!“ Dort erzielt er Aufmerksamkeit, die er dann nutzt, um für mehr Organspenden in Deutschland zu werben. Verständlicherweise ist ihm das ein Anliegen. Er will vor allem, dass die Menschen einfach eine Entscheidung treffen: Bereitschaft zur Organspende ja oder nein.

Im Idealfall sollte das Herz, das man erhält, zehn Jahre jünger sein als man selbst. Das ist die Faustregel, sie ist aber nicht immer einzuhalten. Klar ist freilich: „Man wird kein altes Herz bekommen“, so Martin Halle. Außer, es ist einer selbst schon in hohen Jahren. „Old for old“ heißt das Programm, bei dem alte Menschen alte Organe bekommen. Das ist menschlich und ein Fortschritt.

Elmar Sprink legt manchmal die Hand auf die Brust, um das Herz zu spüren, das seines wurde. Es hat sich nie fremd angefühlt, und im Alltag denkt man einfach nicht daran, dass es in einem drin ein Organ geben muss, das eine lebenserhaltende Aufgabe erfüllt. „Wenn einer eine transplantierte Niere hat“, meint Sprink, „wird ihm das auch nur bewusst, wenn er zur Toilette geht“.

Mit neuem Herzen ist Elmar Sprink ins Leben zurückgekehrt, das so ähnlich wie sein altes ist, aber noch erfüllter. Mit neuen Zielen, die er inzwischen am Computer erfasst. Er hat seine Wettkämpfe, aber er muss nicht um die Sekunde fighten, nicht an die Grenze gehen. Wozu? Elmar Sprink hatte Glück, er genießt es jetzt.

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