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Doping: Kohl schockt Österreich

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Brisante Aussagen vor laufenden Kameras: Bernhard Kohl gestern in Wien.
Brisante Aussagen vor laufenden Kameras: Bernhard Kohl gestern in Wien. © dpa

Wien – Zweites Geständnis des Radprofis – „Alle Hintermänner genannt“ – Langlauf-Olympiasieger belastet

Bernhard Kohl hat die Sportwelt mit seinem zweiten Geständnis geschockt und die ungenierten Doping-Praktiken von österreichischen Spitzenathleten detailliert offengelegt. Der gesperrte Radprofi belastete seinen Ex-Manager Stefan Matschiner sowie die Wiener Blutbank Humanplasma schwer und soll zudem die Namen von zwei Sportlern genannt haben. „Ich habe alle mir bekannten Hintermänner genannt. Ich werde aber keine Zahl nennen, die Namen haben die Kripo und die SoKo Doping“, sagte Kohl. Der österreichische Dopingexperte Hans Holdhaus, Direktor des Instituts für medizinische und sportwissenschaftliche Beratung am Olympiazentrum Wien-Neustadt, erklärte: „Es ist ein reinigendes Gewitter für uns und zeigt, dass der Sport keine Spielwiese ohne Regeln ist.“

Im Gegensatz zu seinem tränenreichen Cera-Geständnis Mitte Oktober gab sich Kohl im Wintergarten des Wiener Cafe Landtmann selbstsicher und besonnen. Die Aussagen des früheren Gerolsteiner-Fahrers waren dafür umso brisanter: „Matschiner hat an mir Blutdoping betrieben und mir die Mittel EPO, Wachstumshormone, Testosteron und Insulin verschafft. Mein Cera-Lieferant war er aber nicht.“

Kohl zeichnete ein Bild Matschiners, das diesen als wahren Blutpanscher entlarvt. „Ich wurde von Herrn Matschiner drei- bis viermal behandelt. Ein Arzt war nicht dabei, er wirkte sehr eingeschult auf die Geräte. Er kannte sich sehr professionell aus“, sagte der Dritte der Tour de France 2008. Kohl selbst habe sich mit 20 000 Euro an dem Kauf einer Blutzentrifuge beteiligt, insgesamt war das Gerät von drei Sportlern finanziert worden.

Laut österreichischen Medienberichten soll Kohl vor der Kripo zwei weitere prominente Sportler belastet haben. Einer davon soll der Skilanglauf-Olympiasieger von 2002, Christian Hoffmann, sein, der sich jedoch empört wehrte. „Was? Was hat der gemacht? Ich kenne weder eine Blutzentrifuge noch Bernhard Kohl. Ich meine persönlich – ich kenne ihn nur aus dem Fernsehen“, sagte Hoffmann.

Der Skilangläufer nannte die Vorwürfe „absoluter Wahnsinn“ und er „werde wohl einen Anwalt einschalten müssen“. Der 34-Jährige hatte das Olympiagold 2002 über 30 km nachträglich erhalten, weil der ursprünglich siegreiche Johann Mühlegg des Dopings überführt worden war. Hoffmann sagte, er habe Matschiner vor zweieinhalb Jahren wegen eines Sponsors kontaktiert, der habe ihm aber keinen besorgen können.

Kohl hingegen habe Matschiner schon 2005 kennengelernt und in diesem Jahr mit Doping angefangen. Im Oktober hatte Kohl noch behauptet, im Sommer zum ersten Mal gedopt zu haben. Nun berichtete er, über die Jahre 50 000 Euro an den früheren Leichtathleten bezahlt zu haben und mit ihm dreimal bei Humanplasma gewesen zu sein. Die Ermittlungen gegen die Wiener Blutbank waren vergangenen Woche eingestellt worden, weil zwei verdächtige Ärzte nicht nach dem erst im August 2008 gültigen Anti-Doping-Gesetz belangt werden konnten.

Humanplasma war im vergangenen Jahr auch mit deutschen Biathleten in Verbindung gebracht worden. Die DSV-Skijäger gaben daraufhin Eidesstattliche Erklärungen ab, in denen sie versicherten, dass sie mit der Firma Humanplasma nichts zu tun haben. „Dem DSV liegen keine neuen Erkenntnisse vor, dass dessen Sportler in den Fall verwickelt sind und Kunden bei Humanplasma waren“, erklärte ein DSV-Sprecher.

Unterdessen wurde bekannt, dass das österreichische Bundeskriminalamt davon ausgehe, dass es im Zuge der Dopingermittlungen zu weiteren zehn Zugriffen komme. Bereits in Haft sind neben Matschiner der frühere Langlauf-Trainer Walter Mayer und ein Wiener Apotheker.

sid/dpa

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