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Während der Expedition „Cape to Cape“ radelt der Münchner Jonas Deichmann 18.000 Kilometer.

Extremsport

Als der Löwe den Wachhund fraß

  • vonNico-Marius Schmitz
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Der Münchner Jonas Deichmann lebt auf seinem Rad und erlebt dabei zahlreiche Abenteuer. Eine Geschichte über ägyptische Gefängniszellen, Grenzerfahrungen in der Sahara und nächtlichen Besuch von einem Löwen.

Links brennen die Häuser, rechts prügeln sich Männer, mitten auf der Straße LKW-Reifen, die Feuer gefangen haben: Wir befinden uns in Äthiopien, südlich von Addis Abeba, in Shashamane – eine Region der Volksgruppe Oromo, in der ein ethnischer Konflikt tobt. Es ist nicht unbedingt ein Szenario, in dem man einen Deutschen erwartet, der ohne Begleitung dahergeradelt kommt.

Doch für den Extremsportler Jonas Deichmann liegt jener Abschnitt im Oktober 2019 nun mal auf der Route seiner Expedition: Am 10. September vergangenen Jahres startete Deichmann sein Vorhaben in Norwegen am Nordkap. Er nimmt sich vor die 18 000 Kilometer bis Kapstadt zu radeln – ohne Begleitung.

In Shashamane wird es brenzlig: Jugendliche Gruppen bewerfen ihn mit Steinen und stecken Stöcke in die Speichen seines Rads. Zum Glück eilen Einheimische zur Hilfe, die einen schützenden Kreis um Deichmann bilden. Worin liegt also der Reiz tausende Kilometer alleine auf dem Rad zurückzulegen und sich dabei mitunter gefährlichen Situationen auszusetzen?

Deichmanns Abenteuerlust liegt ganz offenbar in der Familie. Der Opa war Schlangenfänger in Afrika, der Vater hegt schon lange Zeit den Traum, um die Welt zu segeln. Da war es fast schon logisch, dass auch Jonas nicht im Büro landen wird: Während seines Studiums – International Business – wächst in ihm der Wunsch, Urlaub zu machen, die Welt zu entdecken. Ihm fehlt jedoch das Geld. Also entscheidet sich der heute 32-Jährige dazu, mit dem Rad um die Welt zu fahren. 1,5 Jahre ist er unterwegs und legt 64 000 Kilometer zurück. Nach dem Studium arbeitet Deichmann dann zunächst zwei Jahre in München in einem IT-Vertrieb.

Im Hinterkopf schwebt jedoch stets die Sehnsucht nach dem nächsten großen Abenteuer. Eine Sehnsucht, die er sich erfüllt: 2017 radelt er in 25 Tagen, drei Stunden und 38 Minuten von Cabo da Roca (Portugal) nach Ufa (Russland) – neuer Weltrekord für die Durchquerung von Eurasien. Am 19. August 2018 startet er mit seinem Bike eine Expedition in Prodhoe Bay im nördlichen Alaska und erreicht nach 97 Tagen, 21 Stunden und zehn Minuten Ushuaia auf Feuerland – wieder Weltrekord, dieses Mal für das Panamericana Solo.

„Cape to Cape“ 2019 ist dann sein spektakulärstes Projekt. Die vorherige Spitzenzeit für die 18 000 Kilometer per Rad vom Nordkap nach Kapstadt betrug 102 Tage. Deichmann schafft es in 72.

Seine Leistungen sind umso erstaunlicher als Deichmann ohne Trainer oder Ernährungswissenschaftler arbeitet. Sportlich war der gebürtige Stuttgarter freilich immer schon. Als Kind hat er Rennradfahren als Leistungssport betrieben. Während seiner Zeit in München macht er Skitouren in den Alpen und Trailrunning in den Bergen.

Doch das Erfolgsgeheimnis liegt in der besonders engen Beziehung, die Deichmann mit seinem wichtigsten Begleiter führt: Der Extremsportler lebt buchstäblich auf seinem Rad. Die Wohnung in München? Längst aufgegeben! Der ganze Besitz? Passt in zwei Rucksäcke. Ein Rucksack steht in München, der andere bei seinem Vater in der Schweiz – die zwei „Stützpunkte.“ 50 000 Kilometer verbringt Deichmann im Jahr im Sattel. Er reist und hält Motivationsvorträge bei Firmen. Klar, wenn man zigtausende Kilometer ohne Begleitung durch die Länder dieser Welt fährt, hat man einiges zu erzählen.

Da ist etwa die Geschichte, als Deichmann in Ägypten abends in einen Polizei-Checkpoint gerät. Die Ordnungshüter wollen den deutschen Sportler nicht weiterfahren lassen, sein Rad auf einen Pickup laden und zum nächsten Hotel verfrachten. Das kommt für Deichmann aber nicht in Frage

Nach langen Verhandlungen darf er die Nacht schließlich in einer Gefängniszelle verbringen: „Es war der Horror. Direkt vor der Zelle lief der Radiotransmitter auf arabisch, es war unfassbar laut. Mein Schlafgelegenheit habe ich mit Sandflöhen und anderem Ungeziefer geteilt.“

In Botswana möchte der Abenteurer abends ein Feuer machen, um die wilden Tiere fernzuhalten. Der Regen vereitelt den Plan, Deichmann gerät in leichte Panik und fährt in der Dunkelheit und mit letzter Kraft zu einer Polizeistation, an dieser er eine Abstellkammer als Schlafplatz vermittelt bekommt. Nachts um drei Uhr wird Deichmann schlagartig von lautem Geschrei geweckt. Später erfährt er den Grund des Getöses: Ein Löwe war in das Camp geschlichen und hatte einen der Wachhunde gefressen.

Die Expeditionen verlangen vom Münchner alles ab, es sind körperliche Grenzerfahrungen. Bei der „Cape to Cape“-Tour verbrennt er durchschnittlich 10  000 kcal pro Tag. Bis Ägypten kann er seine 78 Kilo halten, im Sudan und Ägypten verliert er innerhalb von zwölf Tagen – auch bedingt durch zwei Lebensmittelvergiftungen – zehn Kilo: „Wenn dein Nylon-Trikot, was eigentlich total eng anliegt, plötzlich im Wind flackert, machst du dir schon Sorgen.“

Auch in der Sahara erleidet Deichmann eine Lebensmittelvergiftung. 50 Grad, mitten in der Wüste und dann Probleme mit dem Magen? „Die pure Hölle.“ Doch Aufgeben kommt nie in Frage. Er hilft sich mit mentalen Tricks weiter. „Ich breche große Ziele in kleinere runter. In meinem Kopf bin ich nicht 18 000 Kilometer gefahren – sondern 240 Mal bis zum nächsten Schokoriegel.“ Wenn man nachts 1800 Kilometer auf einer Straße durch die Wüste unterwegs ist und die nächste Lichtquelle 1000 Kilometer weit entfernt ist braucht man starke Nerven. „Man fühlt sich, als sei man ganz allein auf der Welt.“

Eine gewisse Portion Glück gehört aber auch dazu. In der Sahara trifft er spätabends, die Nahrung war bereits aufgebraucht, auf ein Camp von illegalen Goldgräbern, die ihn einladen und auf einem Metallbett übernachten lassen.

In den meisten Fällen, so betont Deichmann, haben ihn auf seinen Touren die Menschen mit offenen Armen empfangen: „Besonders im Sudan wurde ich oft eingeladen. Ich habe in Moscheen übernachtet oder in Restaurants. Die ärmsten Leute sind meist die gastfreundlichsten.“

Aktuell ist es etwas ruhiger im Leben von Deichmann. Doch die Augen strahlen schon wieder, als er in einem Münchner Café von seinem nächsten großen Projekt spricht. Im Sommer diesen Jahres will er am Marienplatz starten, den Globus umrunden und circa zehn Monate später wieder in München ankommen – ohne elektronische Fortbewegungsmittel.

Insgesamt wird er dabei 120 Ironmans absolvieren. Also: 456 km schwimmen, 21 000 km Radfahren und 5040 km Laufen. Den pazifischen und den atlantischen Ozean will er mit einem Segelboot überwinden. Und zwar auf die gleiche Weise wie Greta Thunberg: „Ich werde es auf Social Media teilen und hoffe, dass ich dann auf einem Boot als Teil der Crew mitgenommen werde.“

Deichmann wird die Expedition wieder ohne Begleitung unternehmen. Es gibt zwar einen Livetracker mit SOS-Signal. Klingt in der Theorie nützlich. Und in der Praxis? An der Grenze zwischen Guatemala und Honduras ist das Signal 2018 einmal ausgefallen während seiner Panamericana-Expedition. Sein Vater macht sich Sorgen und ruft samstags bei der deutschen Botschaft an. Es geht jedoch nur der Anrufbeantworter ran – bitte rufen Sie Montag wieder an. „Im Endeffekt bin ich auf mich alleine gestellt“, sagt Deichmann.

Doch es sind Nächte unter freiem Himmel in den schönsten Landschaften, die Rentiere, die morgens in Finnland am Zelt vorbeilaufen und besonders die herzlichen Kontakte mit Menschen verschiedenster Kulturen, die für all die Strapazen entschädigen. Deichmann sagt: „Ich wache jeden Morgen auf und weiß: Heute erlebe ich etwas, was ich vorher noch nie erlebt habe.“

Von Nico-Marius Schmitz

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