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Nix für Warmduscher

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Von: Andreas Werner

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„Es kann höllisch wehtun“: Aber das Auftauen macht für Ines Hahn alles wieder gut.
„Es kann höllisch wehtun“: Aber das Auftauen macht für Ines Hahn alles wieder gut. © fkn

Die Münchnerin Ines Hahn peilt bei der Eisschwimm-WM in Estland eine Medaille an

München – Die Schmerzen kommen, das ist sicher. Aber Ines Hahn weiß, es wird alles wieder gut. Sie wird auftauen, sie wird ihre Finger bald wieder spüren, und sie wird auch bald eine Tasse Tee halten können, ohne dass sie sich den Inhalt vor lauter Zittern drüberkippt. Ab und zu fragen ihre Freunde sie schon, ob sie plemplem ist. Die 26-jährige Studentin aus Baldham bei München hält sich aber nicht für verrückt. Eisschwimmen ist halt nix für Warmduscher.

Die 15 Minuten, wenn man aus dem Wasser gestiegen ist, sind die schlimmsten. „Man zittert so richtig, und es kann höllisch wehtun“, sagt Ines Hahn, und ja, jetzt muss sie selber lachen, weil es sich doch leicht verrückt anhört. Warum tut sie sich das an, die Schmerzen, die Kälte – man kann doch auch wohltemperiert seine Bahnen ziehen? Sie war schon immer extrem, eine Grenzgängerin, sagt sie.

Bis 2014 stand sie im Kader der deutschen Langstreckenschwimmer, ehe sie aus Zeitmangel aufhörte. Danach entdeckte sie das Eisschwimmen. Ihr Ehrgeiz fing bei dem Thema quasi: Feuer. Fünf bis sechs Mal trainiert sie in der Woche, je eineinhalb Stunden, rund fünf Kilometer. Ihr Papa Michael warf sie bereits als Knirps ins Wasser, ehe sie laufen konnte, vermutet sie. Er ist ebenfalls verbissen, mit Mitte 50 geht er noch heute jeden Tag schwimmen, daher kommt auch ihr Wille. Vor einem Jahr gewann sie bei der WM in Burghausen über 1000 Meter Silber, ab 6. März peilt sie bei der WM in Estland eine Medaille an. Im Hafenbecken von Tallinn startet sie über 100, 200 und 450 Meter.

Jedes Mal, sagt Ines Hahn, muss sie sich überwinden, ins Wasser zu gehen. Im Wettkampf wärmt das Adrenalin, aber vor dem Training fährt ihr manchmal die Kälte schon zuhause in die Glieder, bevor sie überhaupt zur Tür hinausgeht.

Aufgetaut wird bei stolzen 60 Grad

„Es tut immer anders weh; ab und zu spürst du deine Finger nicht, dann wieder das Gesicht. Vor allem wenn ich mal länger nicht trainiert habe, brennt es wie die Hölle“, erzählt sie. Es gibt keine speziellen Anzüge, und so müssen zehn Minuten Rumhüpfen als Vorbereitung reichen, ehe man abtaucht. Es ist kein Sport für Frostbeulen.

Im Januar vor einem Jahr fand die WM in Burghausen, dem Mekka des Eisschwimmens, ausgerechnet an den fünf kältesten Tagen des Winters statt. Minus 16 Grad, jeden Morgen, im Wasser fielen die Temperaturen auf 2 bis 3 Grad. Je öfter man ins kalte Nass steigt, desto besser gewöhnt man sich, sagt sie, und lacht schon wieder. Sie erzählt so lustig, fast wird einem warm ums Herz – aber ins Wasser folgen würde man ihr im Zweifel dennoch nicht. Ihre beste Freundin sagt, sie hat schon kalte Hände, wenn sie sie nur draußen anfeuert.

Ines Hahn ist hingegen schon immer lieber etwa in Rostock im Hafen geschwommen als in Dubai. Auch findet sie die kurzen Distanzen jetzt angenehmer als die Marathonstrecken früher. „Es ist schöner, bei 3 Grad 10 bis 13 Minuten zu schwimmen als bei 17 Grad über 25 Kilometer – da bist du ja dann so fünfeinhalb Stunden unterwegs.“

Und das mit dem Auftauen, das Schlimmste, das passt ja auch. In Burghausen gibt es eine Infrarotbeleuchtung, da bibbert man bei 60 Grad und ist noch immer dick eingepackt. Ines Hahn mag diese Stimmung, nachdem man aus dem Eiswasser heraus ist: Jeder ist mit sich beschäftigt, zudem ist es kurios – denn wer hält es unter normalen Bedingungen denn lang bei 60 Grad aus? Nach einer Stunde fühlt man sich wieder wie ein richtiger Mensch. Und es dauert nicht lange, da ist man schon wieder heiß aufs Eisschwimmen. Klingt für machen plemplem. Ist aber für Ines Hahn irgendwie ganz normal.

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