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Einer, der Lienhard vertraut: Bob-Olympiasieger Francesco Friedrich.

Neuroathletiktraining - Revolution im Spitzensport?

Lienhard und die Olympiasieger mit Köpfchen

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Neuroathletiktraining hat maßgeblichen Einfluss auf die individuelle Leistungsfähigkeit. Dabei kommt es gar nicht auf die Disziplin an - Lars Lienhard sieht in seinem Ansatz die Chance, den kompletten deutschen Sport zu verändern.

München - Diese Batterie war wochenlang Gesprächsthema. Und Gina Lückenkemper musste ja auch selbst ein wenig lachen, als sie da auf diesem Sessel im TV-Studio saß und von ihrer ungewöhnlichen Wettkampfvorbereitung erzählte. Die deutsche Top-Sprinterin hielt die Neun-Volt-Batterie in ihren Händen und berichtete, wie sie vor einem Rennen an ihr leckt. Ihre Erklärung: „Man kann wahnsinnig viel aktivieren, wenn man die Zunge aktiviert. Und wie kann man die Zunge besser aktivieren, als wenn man sie ein paar Mal schockt?“ Auch der Name Lars Lienhard fiel in diesem Kontext vor laufenden Kameras.

Lückenkemper ist eine von vielen Spitzensportlern, die dem Sportwissenschaftler und Athletiktrainer vertrauen. Nicht alle von ihnen wenden den Batterie-Trick an, aber er war doch ein plakatives Beispiel für den leistungssteigernden Ansatz, den Lienhard vor rund acht Jahren in den deutschen Sport gebracht und Anfang diesen Jahres (zusammen mit Ulla Schmid-Fetzer) im weltweit ersten Buch veröffentlicht hat. „Neuroathletiktraining“ ist der Fachbegriff für die Arbeit, die jeden Sportler angeblich noch ein bisschen besser machen kann. Der Fokus ist simpel, er liegt auf den neuronalen - also nervengesteuerten - Prozessen der Bewegungssteuerung. Und irgendwie kann es kein Zufall sein, dass unter anderem die frisch gekürten Olympiasieger Francesco Friedrich (Bob) und Fabian Rießle (Nordische Kombination) vor der Reise nach Pyeongchang mit Lienhard und seinem Team zusammengearbeitet haben.

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Bob-Trainer Spies sofort überzeugt

Davon, dass die Methode funktioniert, war Rene Spies als Erster überzeugt. Der Bundestrainer der Bobfahrer ist einer, der mit offenen Ohren und Augen durchs Leben läuft - und öffnete Lienhard gewissermaßen die Tür zur großen Sportbühne. Ein Anschieber, der schon mehrfach zum Sportinvaliden erklärt worden war, stieg dank Neuroathletiktraining wieder in den Bob. Ganz so falsch konnte der Ansatz also nicht sein, der vor allem Gehirn und Nervensystem anspricht.

Im Kern geht es um „drei Dinge“, sagt Lienhard, der beim WM-Sieg der deutschen Nationalmannschaft 2014 in Brasilien als Neuroathletiktrainer zum Stab des DFB zählte: „Das Gehirn bekommt Informationen über die Umwelt und den Körper, wertet diese aus bzw. integriert sie und entscheidet dann darüber, wie die nächste Bewegung auszuführen ist.“ Das betrifft den Laien im Alltag genau wie den Spitzensportler – der diesen Prozess aber individuell trainieren kann. Lienhard erstellt zunächst in einer umfangreichen Bestandsaufnahme einen „neuronalen Statusquo“ und gibt dann individuelle Trainingsempfehlungen. Visuelles und vestibuläres System sowie die Tiefensensibilität der Gelenke stehen im Fokus, die Auswirkungen auf ganze Bewegungsabläufe sind immens.

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Neuroathletiktraining verhilft zur präziseren Einstimmung

Ein plakatives Beispiel: Wenn die beiden Augen eines Skispringers wie Rießle unterschiedliche Informationen an das Gehirn weitergeben, wird die Distanz zum Schanzentisch falsch berechnet. Die paar Zentimeter, die zum optimalen Absprung fehlen, können mit Neuroathletiktraining - in diesem Fall mit jenem des visuellen Systems - vom Gehirn präziser berechnet werden. Genauso kann ein Fußballer auf diesem Wege seine Beidfüßigkeit trainieren, Bobfahrer die Antizipationsfähigkeit auf der Bahn, Biathleten ihr Zielvermögen. Das Training ist „vollkommen sportartenunabhängig“, sagt Lienhard, denn die „Verbesserung der individuellen Bewegungsqualität“ kann jedem Athleten helfen.

Um wie viele Prozent diese durch sein Training möglich ist, will der europäische Pionier der Methode nicht genau beziffern. „Trainiert ein Athlet über Jahre schmerz- und verletzungsfrei, können wir überhaupt feststellen, zu was er in der Lage ist“, sagt er, fügt aber hinzu: „Meistens sieht die Realität jedoch anders aus.“ Zahlenwerte passen ihm bei dieser Frage genauso wenig wie bei jener nach seinem Anteil am WM-Titel der Fußballer oder diverser Olympiasiege. Er spricht lieber von einem „grundlegendem Bestandteil“ auf dem Weg zur Bestleistung.

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Mertesacker schwört auf den Ansatz

Es gibt schon einige deutsche Sportler, die auf den um die Jahrtausendwende aus den USA nach Europa gekommenen Ansatz schwören. Per Mertesacker ist ein Beispiel aus dem Fußball, in der Leichtathletik betreut Lienhard Athleten aus nahezu jeder Disziplin. Wie unterschiedlich neuronale Profile sogar bei Sportlern derselben Sportart sein können, ist für Laien überraschend, für Lienhard aber nicht. „Hoch komplex und individuell geprägt“, sagt der 46-jährige, sei die Bewegungssteuerung, und es ist logisch, dass die verschiedensten Methoden greifen.

Lückenkemper muss eben unter Strom gesetzt werden, um Bestzeiten zu laufen. Sie mag das und sagt – wie immer lachend: „Der Lars, der hat’s einfach drauf.“

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