Elisabeth Seitz (MTV Stuttgart) am Schwebebalken. Zweite nationale Olympia-Qualifikation Turnerinnen, Deutscher Turner B
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Hat Tokio im Blick: Elisabeth Seitz.

Deutsche Rekordmeisterin im Turnen spricht im Olympia-Interview

Elisabeth Seitz: „Ich brenne wieder für meinen Sport“

  • VonNico-Marius Schmitz
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München – Die Strahlkraft von Eli Seitz endet nicht in der Turnhalle. Mit dem Tragen eines Ganzkörperanzugs hat die 27-Jährige eine Botschaft gesendet, die weltweit beachtet wurde.

Vor den Olympischen Spielen* spricht die deutsche Rekordmeisterin im Turnen mit unserer Zeitung über Motivationsprobleme während der Coronakrise und die Belastungen in ihrem Sport. 

Frau Seitz, ein Großereignis wie Olympia während einer Pandemie. Sie sprachen von einem Engelchen und einem Teufelchen auf Ihren Schultern. Wer ist aktuell lauter?

Beide haben sich wieder beruhigt. Und verstehen sich mittlerweile auch ganz gut (lacht). Natürlich hat man sich Gedanken gemacht, ob Olympische Spiele während einer Pandemie angebracht sind. Für uns Sportler und Sportlerinnen war es eine ungewisse Zeit, wenn der Traum verschoben wird und man nicht weiß, wann Olympia stattfindet. Aber mittlerweile hat sich die Lage zum Glück wieder verbessert, viele sind geimpft. Die Vorfreude steigt. Ich bin sehr dankbar und stolz, wieder ein Teil des deutschen Teams zu sein.

Das Tragen des Ganzkörperanzugs hat für viel Wirbel gesorgt. Haben Sie mit dieser Dimension gerechnet?

Uns war bewusst, dass die Aktion für Aufsehen sorgen wird. Alles Neue ist für die Leute erst mal interessant. Aber, dass sich die Botschaft nicht nur in der Turnwelt, sondern weltweit über alle Grenzen hinaus verbreitet, damit hatte ich nie gerechnet. Es hat uns alle sehr gefreut. Der Unitard war nur ein erster Schritt.

Dass ein Ganzkörperanzug für so viel Aufsehen sorgt, zeigt vielleicht auch, wie viel in den letzten Jahrzehnten falsch gelaufen ist ...

Es herrscht definitiv noch Nachholbedarf. Vieles hat sich in der Turnszene in den letzten Jahrzehnten festgefahren, ist zur Selbstverständlichkeit geworden. Viele Frauen fühlen sich aber einfach nicht wohl, wenn sie die Wettbewerbe in knappen Outfits absolvieren. Unsere Botschaft ist: Zieht an, was ihr wollt und wann ihr es wollt, Hauptsache ihr fühlt euch wohl! Mit meiner Initiative „It´s my choice“, die ich gemeinsam mit meinem Partner GoDaddy ins Leben gerufen habe, möchte ich auch nach Tokio viel bewegen, auf Missstände aufmerksam machen und für Veränderungen auch in Bezug auf „Female Empowerment“ sorgen. Da freue ich mich jetzt schon drauf.

Sie selbst haben gesagt, dass Sie während der Coronakrise in ein Loch gefallen sind. Hat Sie das überrascht?

Mich hat es extrem überrascht. Ich war ehrlich gesagt auch enttäuscht von mir selbst. Mich hat überall die Jahre eine extreme Freude, eine Leidenschaft für das Turnen begleitet. Das hat im letzten Jahr alles gefehlt. Es war ein Kampf ohne Ziel, ich bin nicht damit zurecht gekommen. Die Ungewissheit hat mich belastet, traurig gestimmt. Umso mehr freut es mich, dass die Leidenschaft längst wieder da ist und ich wieder für meinen Sport brenne.

2012 sind Sie eigenen Schilderungen zufolge fast umgekippt, als Sie auf den Stufenbarren zugelaufen sind. Was wird Ihnen dieses Mal durch den Kopf gehen?

Wenn du auf den Stufenbarren zuläufst und die Olympischen Ringe an der Decke siehst, bemerkst du: Hey, ich realisiere hier gerade zu 1000 Prozent meinen großen Traum. Auf der größten Bühne, die man sich vorstellen kann. Das ist ein Gefühl, das einen schon mal überkommen kann.

2016 sind Sie dann Vierte geworden, haben die Medaille knapp verpasst. Spukt das noch im Kopf herum?

Turnen ist ein sehr belastender, ein sehr intensiver Sport. Ich möchte mir nicht noch zusätzlich Druck machen und mir gewisse Vorgaben setzen, sondern meine Gelassenheit bewahren. Natürlich möchte ich nach 2016 noch einen draufsetzen. Zu viel Verbissenheit führt aber auch nicht zum Erfolg. Wenn ich hart gearbeitet und gleichzeitig noch Spaß am Turnen hatte, kamen die Erfolge automatisch.

Sie sind deutsche Rekordmeisterin. Bleibt während der aktiven Karriere überhaupt Zeit, solche Errungenschaften zu genießen?

Bei der Deutschen Meisterschaft ist ja anschließend auch die ein oder andere Träne geflossen. Es ist wichtig, dass man sich auch mal einen Moment zurücklehnt und realisiert, was man schon alles geschafft hat. Diese kleinen Momente tun der Seele gut.

Werden es Ihre letzten Olympischen Spiele?

Ich möchte mich auf nichts festlegen. Ich bin mir bewusst, dass ich für das Turnen schon in einem fortgeschrittenen Alter bin. Es ist meine Leidenschaft, die ich so lange und intensiv wie möglich ausleben möchte. Aktuell fühlt sich noch alles gut an. Und ich glaube auch nicht, dass dieses Gefühl nach Tokio sofort verschwinden wird.

(Von Nico-Marius Schmitz) *tz.de ist ein Angebot von IPPEN.MEDIA

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