Trotz seines Handicaps meistert er auch Tiefschnee: Michael Teuber beim Training im Zillertal. 
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Trotz seines Handicaps meistert er auch Tiefschnee: Michael Teuber beim Training im Zillertal. 

Paralympics-Star Michael Teuber

Der Querschnittsgelähmte geht auf einen Sechstausender

  • Günter Klein
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Nach fünf Goldmedaillen bei den Paralympics wagt Michael Teuber ein riskantes Bergabenteuer.

Von Günter Klein

München– Michael Teuber plant, demnächst den höchsten Punkt der Erde zu erreichen. Also den Everest? Nein, es soll höher hinaus gehen.

Gut, das muss man erklären. Früher hat man es anders berechnet, welcher Berg der wahrhaft höchste ist. Maßstab: Entfernung des Gipfels vom Mittelpunkt der Erde. Eine formvollendete Kugel ist unser Globus nicht, sondern „ein an den Polen abgeflachtes Rotationsellipsoid“, so heißt das in der Fachsprache. Der Chimborazo, gelegen in der Nähe des Äquators und unstrittig der höchste Berg Ecuadors – und zudem der vom Erdzentrum am weitesten entfernte Punkt. Mit seinen 6268 Metern schlägt er somit den Mount Everest in Nepal in Asien (8848 Meter). Um 1811 Meter. Wissenschaftlerrechnung.

Michael Teuber schlüsselt das auch mit einem gehörigen Schuss Ironie auf. Klar ist der Chimborazo leichter zu machen, doch für ihn ja immer noch ein Riesending. Denn dieser Michael Teuber, der am Sonntag zur knapp zweiwöchigen Expedition aufbrach und morgen das Basislager auf 4000 Metern Höhe zu erreichen plant, ist querschnittsgelähmt. Genauer – und das war sein Glück nach dem schweren Autounfall, in den er vor 30 Jahren unverschuldet verwickelt gewesen war – inkomplett querschnittsgelähmt. Von der Hüfte abwärts also, normal führt man dann ein Leben im Rollstuhl. Teuber, aus dem Landkreis Dachau stammend und dort verwurzelt, hat noch eine Restfunktion und eine Restsensibilität in einem Oberschenkel wahrgenommen und sich, wie er schätzt, „60 bis 70 Prozent meiner möglichen ursprünglichen Kraft“ zurückerarbeitet. Damit hat er es geschafft, Profisportler zu werden. Radfahrer, Paracycler. In Rio hat er seine fünfte Goldmedaille geholt – mit 48 und den besten Leistungswerten seiner Karriere. Und ja, dank seiner Carbonschienen, die die dünnen gefühls- und funktionslosen Unterschenkel stützen, kann er stehen und gehen.

Er ist 2010 schon auf dem Kilimandscharo gewesen, 5985 Meter hoch. Den 20 Stunden dauernden Schlussanstieg nennt er den „Gipfel meines Lebens“. Mit dem Projekt Chimborazo toppt er das noch.

„Den Kilimandscharo kann man, ja, erwandern“, sagt er. „Der Chimborozo ist schwieriger. Ab 5500 Metern ist er vergletschert, die Flanken haben eine Neigung bis zu 45 Grad. Ab 30 Grad, wenn man wegrutscht, hat man keine Chance mehr.“ Teuber, jetzt 49 Jahre alt, wird die Steigeisen anlegen müssen, er wird in einer Seilschaft gehen, einer Gruppe des Deutschen Alpen-Vereins angehören, zwölf Mann stark (inklusive Kameramann, Fotograf und seinem Biografen Thilo Komma-Pöllath). Elf Nichtbehinderte und ein Behinderter – diese Expedition wird auch ein Inklusionsexperiment sein. Das Handicap, das er hat, kann Michael Teuber nicht ignorieren. Zwar ist er das Ausdauermonster, aber das Vorbereitungs-Tiefschneestapfen in Mayrhofen im Zillertal hat ihm gezeigt, „dass meine Füße eben kein Feedback vom Boden bekommen“. Andere Gefahr: Kälte. Minus 20 Grad kann es dort oben haben, auch wenn in Ecuador kalendarisch Sommer ist. Teuber könnte sich Erfrierungen zuziehen, ohne es zu bemerken. Es gibt „keine Garantie, dass ich den Gipfel erreichen werde, es sind auch schon genügend Leute umgekehrt“.

Kurz vor der Abreise hat er in der Münchner Fußballkneipe „Stadion“ aus seinem Buch („Aus eigener Kraft“) gelesen, die Zuhörer sind hingerissen. Man kann auch nur staunen, wie er seine sportlichen Leistungen zustande bringt, die weit über denen von Nichtversehrten liegen. Seine Formel, augenzwinkernd erklärt: „Ich reize meine 60 Prozent, die ich habe, zu 100 Prozent aus. Das ist mehr, als wenn andere aus ihren 100 Prozent nur 30 Prozent rausholen.“

Teuber ist ein Leistungstier, jedoch auch einer, der über die eigenen Belange hinaus wirkt. Als jüngst die Spitzensportreform verabschiedet wurde, hat er durch beharrliches Schreiben von Briefen und Netzwerken in der Politik (etwa bei Innenminister de Maiziere und mit einer Vorsprache im Sportausschuss des Bundestages) erreicht, dass fortan der Paralympische mit dem Olympischen Sport gleichgestellt wird. Konkret: Bisher waren fast alle paralympischen Sportarten im Deutschen Behindertensportverband organisiert, fortan sollen die Fachverbände mit ihrem viel ausgeprägteren Knowhow mit zuständig sein. Teubers Vermächtnis.

Und er wird weiter kämpfen für die Belange des Sports und der Athleten (selbstverständlich auch der nichtbehinderten). Was alle 3800 von der Deutschen Sporthilfe geförderten Sportler zusammen bekommen, entspricht dem Jahresgehalt eines FC-Bayern-Stars. Dass hier einiges aus der Balance geraten ist, darauf wird Michael Teuber zumindest immer hinweisen.

Erst aber geht er bergsteigen. Zum Chimborazo, einem Vulkan, der hochalpin ist, aber keine Kletterpassagen erfordert wie die Sieben- und Achttausender im Himalaya. Und der Everest eines Tages? „Die Bedingungen dort können zu extrem sein“, sagt Familienvater Teuber. „Die Abwägung der Risiken ist so, dass ich das nicht probiere.“ Biograf und Begleiter Komma-Pöllath hat das aber schon anders gehört. Michael Teuber habe schon mal sinniert, was das ideale Zeitfenster für ein solches Vorhaben wäre. Neben der Radsport-Saison.

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