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„Subtiler Sexismus bei der Tour“: Eine Berliner Fahrradkurierin kämpft für die Abschaffung der Podium Girls bei den Siegerehrungen.

Wie Fans den Sport verändern können

  • Günter Klein
    vonGünter Klein
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Fans motzen oft über Vorkommnisse rund um den Sport. Sie tun es für sich, am Stammtisch oder in den sozialen Medien. Die Forderungen nach Verbesserung der Welt verpuffen dort oft. Dabei gibt es einen Weg, ihnen Nachdruck zu verleihen und sie sogar bis in den Bundestag zu bringen: über Petitionen. Derzeit laufen in Deutschland einige hundert zu sportlichen Themen. Es geht um Tennisbälle, um Lieder, unfähige Präsidenten.

Die Fans des Hamburger SV leiden – dabei hat die Punktspielsaison für den Fußball-Zweitligisten noch gar nicht begonnen. Dennoch geht es schon um Verluste: Die Stadionuhr, Zeuge der Geschichte des Vereins, wurde abgebaut – und Lotto King Karl, der Stadionsprecher, soll sein Lied nicht mehr singen dürfen. „Hamburg meine Perle“, so hat es der Vorstand beschlossen, passe nicht mehr zum HSV, der fortan weniger in der Vergangenheit leben soll. Doch ist es nicht das großartigste, feierlichste, ohrwurmigste aller Stadionlieder, das man unbedingt erhalten müsste?

Der HSV wird nächstes Wochenende sein erstes Heimspiel haben – und vielleicht bewegt sich bis dahin noch was. Dann müsste die Petition aber mal anziehen, die David Arndt, ein HSV-Fan aus Berlin, bei der Plattform „Open Petition“ eingereicht hat. 10 000 Unterstützer wollte er gewinnen für sein Ansinnen, die HSV Fußball AG, zum Undenken zu bewegen. Doch bislang sind erst 739 Menschen der Argumentation „Ihr habt uns schon die Uhr genommen. Alles lassen wir uns nicht nehmen“ gefolgt und haben sich eingetragen. Nur sieben Prozent – die Petition droht zu versanden. Wie viele.

Dennoch: Der Sport hat die Petition als Mittel der Einflussnahme entdeckt. Häufig geht es um lokale Angelegenheiten, um den Erhalt von Bädern und den Bau von Skaterparks, doch ebenso um relevante gesellschaftliche Themen, die nicht nur eine Region betreffen.

Bei change.org, der bekanntesten Plattform für Petitionen, geht es gerade um den „subtilen Sexismus“ bei den Siegerehrungen der Tour de France. „Leicht bekleidete Frauen geben den besten Fahrern als Krönung einen Kuss auf die Wange. Podium-Girls als Dekoration, als Preis gar für den Fahrer? Frauen sind keine Objekte, kein Siegespreis“, schrieb eine Berliner Fahrradkurierin und sucht Unterstützung für ihre an Tour-Direktor Christian Prudhomme gerichtete Petition zur Abschaffung der Podest-Damen (die 2018 bereits versprochen worden war). An die 18 000 registrierte User haben sich schon angeschlossen.

Bei bereits über 240 000 Unterzeichnern steht die von der Iranerin Maryam Qashaaei Shojaei angestrengte Initiative „Unterstütze iranische Frauen, um Sport im Stadion zu schauen“. Die FIFA, vor allem Präsident Gianni Infantino, mögen bitte ihre Macht einsetzen gegen den Stadionbann für Frauen in Iran. Erste Zielsetzung waren 100 000 Zustimmungen, symbolisch gedacht, da das Azadi-Stadion in Teheran so viele Plätze bietet. Über diese Marke ist die Petition längst hinaus – nun werden 300 000 Unterschriften angestrengt, um den Druck auf die FIFA zu erhöhen.

Die Sport-Vorzeige-Petition in Deutschland ist die Becherkampagne von Nick Heubeck, einem Borussia-Dortmund-Fan, den bei seinem Begehren die Deutsche Umwelthilfe unterstützte. Heubeck hatte sich an den Müllbergen gestört, die im Signal-Iduna-Park durch die Einweggetränkebecher entstanden: 1,5 Millionen jährlich. „Diese Verschwendung macht mich als Fan seit Jahren wütend“, erklärte Heubeck. Er forderte bei Borussia Dortmunds geschäftsführer Hans-Joachim Watzke: „Schluss mit dem Einweg-Irrsinn! Schwenken Sie zur nächsten Saison auf Polypropylen-Mehrwegbecher um.“ 99 751 Unterstützer waren für Watzke der Anlass. die Öko-Politik des Vereins zu ändern. Der BVB stellte um.

Petitionen gab es schon, bevor das Internet erfunden wurde. Doch es war ein mühsames Sammeln von Unterschriften, die man dann bei den Petitionsstellen von Landtagen und Bundestag, bei Kommunen, dem Europaparlament oder auch Unternehmen einreichte.

„Petitionen verändern Gesetze“, sagt Gregor Hackmack, der Chef der in Berlin im Haus der Bundespressekonferenz ansässigen deutschen Filiale von change.org. Er hat Beispiele parat: Bundesteilhabegesetz für Menschen mit Behinderung, Verschärfung des Stalking-Paragraphen – die Geschichte dazu beginnt jeweils auf change.org. Die Plattform will erreichen, dass Petitionen, die über 100 000 Unterschriften erreichen, automatisch ins Parlament gehen. Die Hürden, die die Petitionsausschüsse bisher aufstellen, sind hoch: 50 000 Unterstützer müssen sich binnen vier Wochen organisieren, damit ihr Anliegen im Bundestag gehört wird. Das ist schwer zu schaffen.

Die Möglichkeiten des Internets haben es jedoch erleichtert, dass Gleichgesinnte zueinander finden. Auf „Open Petition“, der anderen großen Plattform, wird analysiert, auf welchem Wege die User auf eine Aktion aufmerksam gemacht werden. Überwiegend geschieht dies über Facebook.

Beileibe nicht jede Petition wird etwas verändern. Aber: „Sie kann der Anfang einer Kampagne sein“, so Gregor Hackmack. Der Begriff Kampagne ist bei ihm nicht negativ besetzt. Sie bewirkt zunächst einmal, dass über ein Thema debattiert wird – ein Anliegen gerät „in den gesellschaftlichen und medialen Diskurs“. Und warum soll das nicht auch mit Themen rund um den Sport geschehen?

Nicht immer geht es um Menschenrechte wie bei „Keine blutigen Under-Armour-Trikots für den FC St. Pauli“ (über 53 000) oder bei „FIFA – Setzen Sie ein Zeichen für die Pressefreiheit“ (1211). Gregor Hackmack spricht von den Klassikern und nennt „Die MotoGP muss am Sachsenring bleiben“ (bereits über 16 000), „Friedhelm Funkel soll 2019/20 Trainer bei Fortuna Düsseldorf bleiben“ (3357) oder „Naturverträglicher Kanusport auf der Isar muss ganzjährig möglich bleiben!“ (4400).

Wer durch die derzeit laufenden Sport-Petitionen (allein bei change.org sind es 391) scrollt, erkennt die Sportfans in all ihrer Emotionalität wieder. Sie fordern Entlassungen und Rücktritte (zuletzt und auch erfolgreich, nur nicht direkt über die Petition, den von Wolfgang Dietrich als Präsident des VfB Stuttgart) oder die Berücksichtigung von Spielern für die Nationalmannschaft. Wie die von „Alex Meier Fußballgott“. Ironie mag bei diesen Aktionen im Spiel sein. Das Fußballkultur-Magazin „11Freunde“ hat sich den Jux gemacht, „Zlatan Ibrahimovic in die Bundesliga“ voten zu wollen. 2485 Leute schlossen sich an. Die Petition wurde natürlich nicht eingereicht (Adressat wäre Ibrahimovic gewesen), das Verhältnis gescheiterter zu erfolgreicher Anträge wird bei Open Petition mit 544:51 beziffert.

Sport bewegt viele Menschen, er emotionalisiert sie bisweilen mehr als die Politik. Sogar ein Ball kann ein echter Aufreger sein.

Für den Münchner Roland Stoll ist es derzeit ein sehr konkreter: der Tennisball „Dunlop BTV 1.0“, bei gewissen Spielen und Turnieren in Bayern seit diesem Jahr der Pflichtball. Stolls Bedenken: Die Bälle verschleißen zu schnell, springen zu hoch ab, belasten durch ihre Härte die Schlaghand und führen vermehrt zum Tennisarm. Nun soll der Bayerische Tennis-Verband dazu veranlasst werden, wieder andere Bälle zuzulassen. 1000 Unterstützer möchte Initiator Stoll hinter sich sammeln, nach einem Monat steht er bei zwölf.

Der Kampf gegen den Ball ist so vergeblich wie der um Sänger Lotto King Karl.

Beispiele für Petitionen

Erfolgreich

Handball in den Rundfunkstaatsvertrag. 4938 Unterschriften. 2017 wurde die Handball-WM nur im Internet übertragen – für 2019 bis 2025 sicherten sich ARD und ZDF die Fernsehrechte. 

Keine Saisonkarten für Stehplätze in der Veltins-Arena: 1601 Unterstützer sorgten 2017 dafür, dass eine gewisse Anzahl an Tickets weiter in den Tagesverkauf kam und nicht in teure Abos umgewandelt wurde. 

Erhalt der Pittiplatsch-Fahne bei Dynamo Dresden: Pittiplatsch war eine Figur des DDR-Fernsehens, auf Dynamo-Fahnen lebte sie aus (n)ostalgischen Gründen weiter. Der MDR wollte, dass die Figur aus dem Stadion verschwindet, gab aber aufgrund von 4845 Petitions-Unterstützern nach. 

Aufstellung einer Glasvitrine am Manchesterplatz: Eine Initiative des FC-Bayern-Fanclubs Red Docs Munich zusammen mit Anhängern aus Manchester, zum Gedenken an den Flugzeugabsturz des United-Teams 1958 in München eine Vitrine aufzustellen. 1267 Unterstützer fanden Gehör bei Stadtrat und OB Reiter.

Teilerfolg 

Abschaffung der Aufstiegsrelegation der Regionalligen: 17 070 Unterschriften wurden 2017 dem DFB übergeben. Inzwischen wurde die Regelung entschärft.

Gescheitert 

Kevin Großkreutz zurück zum VfB Stuttgart: Dafür traten nach dem Rauswurf des Weltmeisters 32 619 Unterstützer ein. Nützte nichts. Großkreutz entschied sich für Darmstadt und später Uerdingen. 

Wir für Manu! Ganz Schalke kämpft für den Verbleib von Manuel Neuer. 31 315 Fans hofften im Jahr 2012, den Torwart, an den sie die Petition richteten, vom Wechsel nach München (oder auch ManUnited war im Gespräch) abzubringen. 

Aufforderung einer Untersuchung beim Deutschen Fußball-Bund: 26 471 Personen forderten den DFB auf, Nachforschungen zuzulassen, ob Schiedsrichter bestochen waren. Letztlich wurde die Petition nicht übergeben.

Solidarität mit Holstein Kiel: Die DFL sagte vor der Relegation zur Bundesliga, dass die Kieler im Fall eines Aufstiegs nicht in ihrem Stadion bleiben dürften. Dagegen traten 20 381 Leute ein. Die Liga reagierte nicht.

 Freiheit für die Kurve + mehr Stehplätze in der Allianz Arena: Gestartet 2013 von einer Privatperson. Stark diskutiert (3143 Kommentare), trotz 17 859 Unterstützern letztlich kapituliert.

 München Oberschleißheim: Regatta ohne Regatta? Nein danke! Aufforderung von 2015, dass Stadtrat und Staatsregierung sich des olympischen Erbes annehmen und die Ruder- und Kanurennstrecke sanieren sollten. 16 117 Unterstützer. Keine Reaktion der angesprochenen Institutionen.

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