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Sitzt derzeit in München fest, weil seine Freundin nicht nach Italien darf: Reinhold Messner (Bild von 2019). 

Reinhold Messner: „An einem Prozent der Berge treffen sich alle“

  • Günter Klein
    vonGünter Klein
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München – Nicht jeder hat es rechtzeitig an seinen Zielort geschafft, als die Corona-Krise und die Beschränkungsverordnungen der Politik über die Welt hereinbrachen. Das betrifft auch Reinhold Messner, 75. Der Südtiroler, berühmtester Bergsteiger der Alpingeschichte, Abenteurer, Autor, Filmemacher, Vortragsredner, ist in München hängen geblieben. Er nahm sich Zeit für ein Gespräch.

Herr Messner, wie kommt es, dass Sie in München festsitzen?

Ich war zum Bergsteigen und Trekking mit meiner Freundin in Äthiopien, als es in Europa mit Corona losging. Wir wollten dann noch Vorträge in Deutschland halten, vier waren möglich, weil sie für weniger als tausend Besucher vorgesehen waren. Dann ging die Zahl der erlaubten Zuschauer auf 50 runter, das war für uns nicht mehr machbar. Ich hätte theoretisch noch heim nach Südtirol fahren können, aber meine Freundin ist Luxemburgerin, sie hätte man nicht reingelassen. Da ich eine Wohnung in München habe, sind wir hier in Quarantäne gegangen.

Aber Ihnen geht’s gut?

Ja, kein Halskratzen, kein trockener Husten, nichts.

Vielen Leuten macht es zu schaffen, wenn Sie an einen Ort gebunden sind, Ihnen wohl eher nicht. Sie haben ja öfter mal in einem Basislager auf besseres Wetter und die günstige Gelegenheit gewartet, eine Expedition zu vollenden.

Ja, ich habe wahrlich Schlimmeres als das jetzt hier erlebt. Ich nutze die Zeit, um an einem Buch zu schreiben, das halt zwei, drei Jahre eher rauskommen wird als vorgesehen. Ich brauche Bleistift, Papier und einen klaren Kopf – den habe ich. Langeweile und Totzeit gibt es bei mir nie.

Wie verläuft Ihr Tag?

Ich informiere mich, halte mich an die Regeln, einmal am Tag gehe ich spazieren. Zur Isar habe ich es nicht weit.

Sie sind jemand, den jeder erkennt. Wollen die Leute nicht Autogramme, Selfies?

Tatsächlich strecken einem viele reflexartig die Hand entgegen, man weicht dann zurück. Ich mag auch diesen Ellbogengruß nicht, ich bevorzuge den nepalesischen Gruß, bei dem man die Hände faltet. Es gibt viele Leute, die ihn kennen und nachmachen. Fotos, das muss ich zugeben, habe ich noch zugelassen – aber den Abstand eingehalten. Es sind jetzt auch nicht mehr so viele Menschen an der Isar unterwegs, man kommt gut durch. Was ich festgestellt habe: Die Gesichter sind nicht mehr so entspannt wie in den ersten Tagen der Krise.

Gerade flüchten sich die Menschen auch in die Berge.

Ja, ist das in Bayern noch erlaubt? In Südtirol ist es verboten, mein Sohn, der ein sehr guter Kletterer ist, aber fürchtet, seine Kondition zu verlieren, hat mir erzählt, dass sie einen mit Helikopter und Drohnen verfolgen. Er geht nicht mal mehr auf unseren Hausberg, weil sonst eine mächtige Strafe droht.

Übertriebene Regierungsmaßnahme, oder?

Ich denke, wenn ich auf den Berg steige, bin ich keine Belastung. Man muss aber diskutieren – und das tut man in der Schweiz –, was ein Unfall im Gebirge bewirken würde an Einsätzen mit vielen Rettungskräften. Und man sollte die Kliniken derzeit mit nichts anderem belasten. Einer meiner Brüder ist Arzt, das Krankenhaus in Bozen hat ihn zurückgeholt, er kriegt alles mit, was sich bei uns abspielt.

Nochmals zu den Bergen. Auf denen fühlt man sich erhaben, die irdischen Probleme liegen unter einem. Doch gerade in der Bergwelt ist es vermehrt zu Ansteckungen gekommen.

Wo ist es passiert? In den berühmten Topdestinationen, in Ischgl, in Südtirol. Wegen der engen Kabinen, wegen des Aprés-Ski. Pistenskifahren hat mit Alpinismus gar nichts zu tun, das war es noch vor dem Ersten Weltkrieg, als man noch selbst aufstieg und mit den Brettern runterfuhr. In den 30er-Jahren fing man an, zu präparieren, die Hänge gegen Lawinen abzusichern. Man brachte die Menschen zu Tausenden auf den Berg. Die Leute fuhren ins Gebirge, um die Stille zu erleben. Doch weil es alle machten, wurde daraus das Gegenteil. Man ist beim heutigen Skifahren in inszenierten Landschaften unterwegs. 90 Prozent der Berge sind übrigens nicht überlaufen, dort sind die Wildnis und die Einsamkeit, die die Bergsteiger suchen. An einem Prozent der Bergwelt treffen sich fast alle anderen – wenn also etwas ausbricht, ist es kein Wunder, dass sich dort etwas vermehrt.

Wie geht es Ihrer Familie in Südtirol, den Angestellten Ihrer Betriebe?

Krank ist keiner zum Glück. Aber es trifft uns natürlich wirtschaftlich. Die Messner Mountain Museen hat meine Tochter als Erbe bekommen, ein paar ihrer Leute sind in Ausgleich gegangen, wie das bei uns genannt wird, aber die Spesen laufen weiter. Wir bekommen keinen Cent von der öffentlichen Hand. Von unseren Bauernhöfen können wir den Wein nicht abverkaufen. So trifft es derzeit jeden. Ich habe hier in Deutschland kürzlich ein Start-Up gegründet, will mit Vorträgen Geld einspielen, um weltweit Museen auf die Beine zu stellen, die dann in den Besitz der jeweiligen Staaten oder der Menschen dort übergehen. Ich mache das, damit der traditionelle Alpjnismus nicht untergeht. Auch mir entgehen nun Einnahmen, aber ich werde keine Staatshilfen beanspruchen. Mein Betrieb ist natürlich nicht lebensnotwendig. So schnell gehe ich aber auch nicht pleite.

Wird die Welt nach Corona eine andere sein?

Sicher. Wir verhalten uns anders. Ich war in Nepal und Bhutan, als man erste Corona-Meldungen vernahm. Um Chinesen in Katmandu habe ich einen Bogen gemacht. Junge Leute, die heute Zwölf- bis 18-Jährigen werden von ihrer Lebensfreude einbüßen. Wir werden überlegen, ob Globalisierung der richtige Weg ist und aufhören, Autoteile in China und Korea produzieren zu lassen und hier zusammenzubauen. Es wird wieder mehr vor Ort produziert werden. Jedenfalls wird man einsehen müssen, dass wir keine Kriege brauchen – und die Außerirdischen kommen auch nicht.

Was muss geschehen?

Der Mensch ist nun mal ein Mängelwesen, wir haben mehrere Schwachpunkte in uns. Es besteht das Risiko, dass wir verschwinden. Wir hatten schon die Spanische Grippe, die Millionen das Leben gekostet hat, und es wird eine nächste Pandemie kommen. Wir müssen Geld in die Wissenschaft investieren und im Fall von Corona alle durchimpfen, dann werden wir dieser Sache Herr. Einen Ausbruch in Afrika möchte ich nicht erleben. Italien erlebt eine Katastrophe, das aber wäre eine noch größere.

Interview:
Günter Klein

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