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Erinnerung an 1964: Gastgeber Japan zieht bei der Eröffnungsfeier ins Olympiastadion von Tokio ein.

Heute würden die Olympischen Spiele 2020 beginnen

Reporterlegende erzählt: Von Tokio nach Tokio

  • Günter Klein
    vonGünter Klein
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In einer Welt ohne Pandemie würden diese Woche die Olympischen Spiele von Tokio beginnen. Besonders gefreut darauf hatte sich Hartmut Scherzer, 82. Er ist der älteste aktive Sportjournalist in Deutschland. Die ersten Spiele, von denen er berichtet hatte: Tokio 1964. Die Organisatoren wollten seine Geschichte von der Rückkehr nach 56 Jahren groß herausstellen. Nun werden es eben 57 Jahre: Scherzer ist fest entschlossen, 2021 nach Japan zu fahren und zu arbeiten.

Herr Scherzer, wie haben die Olympia-Organisatoren überhaupt bemerkt, dass es da einen gibt, der schon 1964 dabei war?

Bei den Olympischen Spielen 2016 in Rio gab es ein Tokio-Haus, in dem für 2020 geworben wurde. Die Journalisten mit den meisten Olympia-Teilnahmen wurden von Fürst Albert von Monaco geehrt, ich stand da an fünfter Stelle. Ich hatte meine Akkreditierung von 1964 dabei, die habe ich den Leuten im Büro von Tokio 2020 gezeigt. Die sind total ausgeflippt und haben gleich alle japanischen Medien zusammengetrommelt.

Entschuldigung, Sie sind „nur“ Fünfter?

Ich war nicht bei allen Spielen, mir fehlen Montreal 76, Moskau und Lake Placid 80, Calgary 1988 und Athen 2004. Ich hatte 21 Spiele, Erster war ein Fotograf mit 25. Aber keiner ist so lange dabei. Von 1964 bin ich der Einzige. Der Medienchef von Tokio 2020 hat mich vor vier Jahren in Rio gebeten: „Halten Sie durch.“ Das habe ich ihm versprochen. Als meine Akkreditierung im Januar 2019 genehmigt war, habe ich ihm das mitgeteilt, seine Antwort lautete: „Wir sind wirklich froh, dass Sie kommen. Es wird großes Interesse an Ihnen geben.“ Man plante, zahlreiche Interviews für mich zu arrangieren. Tja, den Flug für dieses Jahr musste ich stornieren. Aber meine Anmeldung bleibt bestehen. Dann eben 2021, so Gott will und ich gesund bleibe.

Sie waren ein junger Reporter, viele damals junge Athleten leben nicht mehr. Gerade ist Willi Holdorf gestorben, 80 Jahre alt, der legendäre Zehnkampf-Olympiasieger von Tokio.

Das hat mich erschüttert, denn ich war ja noch bei ihm. Am Montag vor seinem Tod. Am Schluss des Gesprächs erzählte er mir von seiner Erkrankung. Ich fuhr dann nach Hause, schrieb drei Tage an meinem Artikel, am Sonntag rief ich nochmals bei ihm an, seine Frau war dran und sagte: „Herr Scherzer, es hat Willi sehr gerührt, dass Sie ihn zum Abschied umarmt haben. Es dauert nicht mehr lange.“ Am Abend ist er gestorben. Ich habe geheult.

Doch es gibt sicher auch andere Tokio-Bekanntschaften.

Ja, tatsächlich. Ein enger Freund von mir wurde Moritz von Groddeck aus dem deutschen Ruder-Achter, ein späterer Journalistenkollege, Und da gibt es Donna De Varona aus den USA. Sie war 1964 Olympiasiegerin über die 400 Meter Lagen. Damals war sie 17, jetzt ist sie 73. Sie arbeitete nach ihrer Karriere 30 Jahre lang beim Sender ABC, spielte auch eine Rolle im IOC. Sie war also als Athletin dabei, ich als Journalist. Wir hatten uns in Rio mit einem Küsschen auf die Wange für 2020 verabredet.

Ihren Erfolg haben Sie vor 56 Jahren aber nicht live vor Ort gesehen?

Nein, beim Schwimmen war ich überhaupt nicht, obwohl die Halle, die wie eine umgedrehte Muschel aussah, das Wahrzeichen dieser Spiele war. IOC-Präsident Avery Brundage nannte sie eine „Olympische Kathedrale“. Ich war für die amerikanische Agentur United Press International in Tokio, wurde für den englischen und den deutschen Dienst eingesetzt. Meine Hauptwettbewerbe waren Radsport und Boxen, und ich konnte mir die für Deutschland wichtigen Wettkämpfe aussuchen. So kam ich auch zum legendären Zehnkampf mit Willi Holdorf.

Was haben Sie noch in bester Erinnerung?

Ohne nachschauen zu müssen, fällt mir die Episode mit Patrick Sercu aus Belgien ein, dem späteren König der Sechstagerennen. Er war 19 und gewann das 1000-Meter-Zeitfahren. Ich habe nach dem Rennen mit ihm gesprochen, ihn nach seinem Beruf gefragt. Er schaute mich verständnis los an und sagte: „Ich bin Radrennfahrer.“ Ich meinte: „Patrick, wenn ich das im Dienst der UPI schreibe, bist du übermorgen deine Goldmedaille los.“ Der Amateurstatus war damals heilig, da hat er es begriffen, was er mit einer solchen Aussage, Profi zu sein, für sich anrichtet. Ich riet ihm zur Vorsicht bei seinen Interviews.

Noch eine schöne Episode?

Gegen Ende der Spiele war ich mit Walter Schweden, meinem Kumpel von der Deutschen Presse-Agentur, in einem Stripclub für Japaner, da ließen wir uns bis morgens um fünf volllaufen. Ich hatte nur die Boxfinals am folgenden Abend noch auf dem Programm. Als ich im Morgengrauen auf mein Zimmer kam, lag ein Zettel auf dem Nachttisch: „Hartmut, gehe bitte zur Dressur.“ Die war am Vormittag. Ich war noch halb betrunken, es regnete fürchterlich, und ich wusste gerade, dass ein Dressurpferd kein Ackergaul ist. Aber für den Sportinformations-Dienst war Uli Kaiser da, ein Pferdfachmann, ein Hippologe. Wir standen im Regen unter einem Baum, und er erklärte mir, was eine Piaffe ist und was ich wissen muss. Obwohl sie bei der Dressur schon eine elektronische Ergebnisübermittlung hatten, dauerte es zwei Stunden, bis sie den Sieger ermittelt hatten. Es war der Schweizer Armeeadjutant Henri Chammatin mit einem Punkt vor dem Deutschen Harry Boldt. Als Agenturjournalist musste ich bleiben, bis wir den Olympiasieger hatten. Zum Boxen habe ich es noch geschafft.

Boxen ist ja auch Ihre persönliche Leidenschaft.

Ich war 1959 und 1960 Deutscher Hochschulmeister im Halbweltergewicht. Und ich gehe immer noch zweimal die Woche zum Boxtraining. Im Finale des Schwergewichts von Tokio standen Joe Frazier und Hans Huber aus Regensburg, ein ehemaliger Ringer. Frazier hatte auf dem Weg ins Finale alle Gegner mit dem linken Haken kurzrundig k.o. geschlagen, gegen Huber musste er über die Runden und gewann mit 3:2 Richterstimmen. Ich hätte damals nicht gedacht, dass ich später seine Jahrhundertkämpfe mit Muhammad Ali erleben würde.

Wie erlebten Sie Tokio vor 56 Jahren?

Es waren die ersten Spiele in Asien. Die Japaner waren bestrebt, eine Mischung aus ihrer Kultur und der Moderne herzustellen. Auf der einen Seite die Tempel, auf der anderen die modernen Olympiastätten. Man wollte sich auch als friedliebend zeigen, Japan war ja einer der Anstifter des Zweiten Weltkriegs gewesen. Die Menschen habe ich als sehr angenehm, sehr zurückhaltend empfunden. Man spürte aber, dass Tokio auf dem Weg zur Boomtown war. Willi Holdorf sagte zu mir, für ihn mit 24 sei die Reise nach Tokio wie eine zum Mond gewesen. Ich war zwei Jahre zuvor zwar schon bei der Fußball-WM in Chile gewesen, hatte also Weltreiseerfahrung, dennoch empfand ich es auch als außergewöhnlich.

Waren Sie danach noch mal in Tokio?

1967 auf einer privaten Ostasienreise mit meiner Frau. Und bei der Fußball-WM 2002.

Da staunten alle deutschen Kollegen, als Sie zwischen dem zweiten und dritten Vorrundenspiel ein paar Tage nicht da waren.

Ich flog von Tokio nach Memphis in den USA und zurück. Ich war da beim Box-WM-Kampf Lennox Lewis – Mike Tyson. Ja, das war eine meiner Verrücktheiten.

Sie sind 82, seit rund 30 Jahren als freier Journalist unterwegs. Wie wäre denn Ihr Programm für ein Corona-freies 2020 gewesen?

Normal die Fußball-EM, da hatte ich mich aber nur für die Münchner Spiele angemeldet. Die Hauptkonzentration galt den Olympischen Spielen. Früher steckte zwischen EM und Olympia immer noch die Tour de France, aber da war ich zuletzt 2017. Das Interesse der Zeitungen hat nachgelassen, das druckt kaum noch jemand.

Wie haben Sie die Verschiebung von Tokio 2020 um ein Jahr erlebt?

Ich finde, IOC-Präsident Thomas Bach hat zu lange rumgeeiert, die Athleten vertröstet und die Chance verpasst, mit einem großen Spruch in die olympische Geschichte einzugehen. Avery Brundage sagte 1972 in München nach dem Attentat „The Games must go on“, Juan Antonio Samaranch prägte die Formel von den „Best Games ever“. Bach hätte von sich aus sagen können: „The Games must stop.“

Wer 2021 plant, kann auch an 2022 denken. Fußball-WM in Katar – mit Hartmut Scherzer?

So wie ich mich fühle, mache ich das. Das sind nur zwei Jahre. 84 – so what?

Interview: Günter Klein

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