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Robert Harting.

Interview mit dem ehemaligen Diskus-Olympiasieger

Robert Harting: „Dann wird unser Land krepieren“

Berlin - Olympia ist nicht mehr Olympia. Während viele Sportler noch die romantische Vorstellung von friedlichen, bunten Weltspielen träumen, ist Olympia längst zu einer Geldmaschine geworden, die wirtschaftliche Interessen bedient und die Protagonisten zu Marionetten degradiert.

Für die TV-Rechte der Spiele in Sotschi (2014) und Rio (2016) kassierte das Internationale Olympische Komitee (IOC) die Rekordsumme von 3,35 Milliarden Euro. Für den Zeitraum von 2018 bis 2024 zahlte Discovery jüngst 1,3 Milliarden Euro – nur für den europäischen Markt. Dazu verdiente das IOC in Rio geschätzte zwei Milliarden Euro an Sponsoringeinnahmen, alleine die elf „Worldwide Olympic Partners“ ­zahlen über vier Jahre ­jeweils 100 Millionen ­Euro. Besonders schlimm: Die ­Entscheider haben trotzdem noch nicht genug. Im Sommer wurde publik, dass IOC-Mitglied ­Patrick Hickey in einen Schwarzmarkthandel mit Olympiatickets in Millionenhöhe involviert war.

Armes Olympia. Während sich viele deutsche Sportler gerade so über Wasser halten, stopfen sich hochrangige Sportpolitiker die Taschen voll. Ein paar Hundert Euro sind für sie Peanuts, für Athleten können sie die Welt bedeuten. Dabei sorgen ihre Leistungen für das Produkt, das das IOC vermarktet. Die überdimensionierten Auswüchse sind nicht zu übersehen, Wladimir Putin baute sich in Sotschi aus dem Nichts einen Olympiapark-Spielplatz für rund 57 (!) Milliarden Euro. In Europa kehrt man dieser immer kruderen Veranstaltung den Rücken, auch wenn das Wintersportland Österreich derzeit mit Innsbruck – bisher noch ohne Volksbefragung – eine Bewerbung für 2026 erwägt. Entgegen den Hoffnungen der nationalen Sportverbände entschieden sich die Bürger in Deutschland, in Norwegen, in Italien oder in der Schweiz zuletzt gegen eine Ausrichtung.

Wirklich stringent betreiben die Deutschen ihre Antihaltung nicht. Organisieren will man die Spiele nicht, aber die TV-Quoten stimmen nach wie vor. Für Bilder aus Rio schalteten 54,43 Millionen Deutsche mindestens einmal ihren Fernseher ein. Durchschnittlich schauten 2,91 Millionen Zuschauer – mehr als in Peking (1,89) und weniger als in London (3,55) – zu, in der Spitze waren es 8,55 Millionen beim Beachvolleyball-Halbfinale von Laura Ludwig und Kira Walkenhorst. Die goldenen Beach-Mädels wurden vor ein paar Tagen zur Mannschaft des Jahres gewählt.

Geschichten wie ihre oder die des Turners Andreas Toba, der sich trotz Kreuzbandriss für seine Mannschaftskollegen aufopferte, befriedigen die Zuschauerbedürfnisse. Während der politische Druck auf das IOC wächst, ist die Blase bei den Zuschauern noch nicht geplatzt, vermutlich wird sie das auch nicht. Olympia zieht nach wie vor, man suhlt sich in der Schutzzone und verweist auf die bösen Machenschaften der anderen. An Ideen fehlt es nicht, aber an Personen, die sie ausführen. Dabei wäre es an der Zeit, zur Tat zu schreiten, von selbst wird das wackelnde Olympiagerüst nicht einstürzen. Ob Olympia jemals wieder Olympia wird? Vermutlich nicht. Aber man sollte versuchen, die Entwicklung in vernünftige Bahnen zu lenken.

Interview mit Robert Harting

Herr Harting, die Stadt und der Staat Rio sind pleite, es gibt täglich Proteste, das IOC zieht dennoch ein positives Rio-Fazit. Sie auch?

Robert Harting: Aus IOC-Sicht und unter wirtschaftlichen Gesichtspunkten waren es für die wahrscheinlich auch gute Spiele, aber das IOC merkt nicht, dass immer mehr ethische Zweige wegbrechen. Wenn Werte wichtig wären, würde man sich darum kümmern. Ich habe mit einigen Olympianeulingen gesprochen, viele waren traurig und enttäuscht über die Veranstaltung. Der große Olympia­traum der Kindheit bröckelt immer mehr. Für mich persönlich waren die Spiele kein Erfolg, auch weil ich meine sportlichen Ziele nicht erreichen konnte.

Glauben Sie, dass in absehbarer Zeit Olympische Spiele wieder in Europa und vermehrt in demokratischen Ländern stattfinden werden?

Harting: Schwierig, durch die Digitalisierung und die sozialen Medien haben Meinungsmacher viel Macht und Möglichkeiten. In einer Demokratie gibt es keine Alleingänge, kein Politiker wird sich durchsetzen, wenn die Stadt die Spiele nicht will. Aber die aktuelle IOC-Bewegung passt auch nicht in die demokratische Bewegung.

Auch deutsche Bewerbungen scheiterten zuletzt.

Harting: Hamburg hat sich den Frust von der Seele gewählt, aber die dürfen sich jetzt nicht beschweren über das IOC. Als Ausrichter hätte man die Möglichkeit, mit seiner Vorstellung der olympischen Idee Einfluss zu nehmen. Die Chance wurde vertan. Für die Anti-Olympia-Stimmung ist aber auch der DOSB verantwortlich. Er müsste mehr tun, damit der Sport in Deutschland angenommen wird. Ich hoffe, dass ich noch mal Olympia in Deutschland erleben werde. Wenn sich nichts ändert, wird unser Land in 15 Jahren an seiner Unsportlichkeit krepieren.

Wie groß ist die Diskrepanz zwischen Sportlern und Sportpolitik?

Harting: Wir erleben – wie auch in der Politik – eine sportpolitische Verdrossenheit. Es gibt immer Leute, die sich auflehnen, aber mir kommt von den Athleten zu wenig. Nicht alle verstehen, was Sport bedeutet. Mir fehlt es an Engagement. Meckern kann jeder, aber man muss etwas ändern.

Fühlen Sie sich von der Sportpolitik angemessen repräsentiert?

Harting: Die Damen und Herren sind weit weg von uns, auch physisch. Während Athleten ums Überleben kämpfen, fliegen Präsidenten in der Business Class. Also nein, ich fühle mich nicht gut repräsentiert, allerdings stellen wir Sportler uns in dieser Hinsicht auch nicht gut auf.

Hat die Athletenkommission irgendeine Bedeutung?

Harting: Die Kommission ist zahnlos und harmlos, sie ist ein Konstrukt der Verbandsoberen, damit man den Schein wahrt und es die Möglichkeit gibt, sich zu äußern. Die Mitglieder machen das alle ehrenamtlich, das funktioniert aber nicht. Um Durchschlagskraft zu bekommen, müssten Athletensprecher Geld bekommen, wenn sie sich intensiv dafür einsetzen sollen. Aber scheinbar geht es uns Athleten noch zu gut.

Was halten Sie von der neuen Leistungssportreform?

Harting: Das ist eine umfangreiche Frage, ich sage mal so: Veränderung ist nötig, wie die Reform derzeit umgesetzt wird, ist eine Schweinerei. Inhaltlich bin ich kein Fan der Verknappung der Ressourcen. Im Gegenteil, wir müssen sie erhöhen. Im Detail gibt es aber Fehler. Im Gegenzug müssten Ausgabepositionen drastisch reduziert werden, somit gäbe es einen massiven Hebel auf die Förderung. Ein Beispiel: Wenn ein Athlet über 25 Jahre alt ist und mehrere Hundert Kilometer an einen anderen Stützpunkt ziehen muss, ohne zumindest eine Vierjahresperspektive zu haben, dann ist das gegen jede Motivations- und Sicherheitsphilosophie. Eigentlich müssten die Betroffenen den Schlussstrich unter die Karriere ziehen. Den Verbänden fehlt das Unternehmertum.

Welche Bedeutung hat der Medaillenspiegel?

Harting: Sollte man auf Medaillen schauen? Ich finde: Ja. Nur zu Olympia hinfahren und abklatschen, das funktioniert nicht. Bei der PISA-Studie schauen wir ja auch, wo wir im Vergleich stehen. Übergeordnet hat Olympia das Problem, dass es eigentlich ein überkultureller Vergleich ist, der politisch ausgenutzt wurde und wird.

Deutschland war seit 1990 nie schlechter als Sechster im Medaillenspiegel – hinter Dopingnationen wie Russland und China. Reicht das nicht?

Harting: Medaillen von 1990 sind teilweise Ergebnisse von Dopingsystemen. Das dürfen wir heute im doppelten Sinne nicht mehr zurate ziehen. Ich will konkurrieren. Wenn einer bescheißt, muss ich da durch. Wenn ich das Ergebnis von vornherein außer Acht lasse – welche Motivation hat der Athlet dann? Außerdem hat der Deutsche an sich den krankhaften Anspruch, der Beste zu sein. Wir haben nur die Passion für den Erfolg, gucken aber weg, wenn Athleten kämpfen müssen.

Auch der neue TV-Rechteinhaber Discovery/Eurosport wirbt gerne mit Leidenschaft für den Sport. Ist das Aus von ARD und ZDF eine Chance oder eine Gefahr?

Harting: Für das Erlebnis ist es eine Chance, für das nationale Gesundheitswesen ist es eine Gefahr. Eurosport wird einfach Sport zeigen und sich weniger als Moralapostel aufspielen. Aber da die Reichweite geringer ist, fehlt die Vorbildfunktion für den Nachwuchs. Ohne den sportkulturellen Bildungsauftrag der öffentlich-rechtlichen Sender wird das Sportbild in den Schulen noch weiter zermahlen. Irgendwann weiß niemand mehr, was eine Rolle vorwärts ist und wie sie funktioniert. Was ich nicht verstehe: ARD und ZDF geben pro Jahr einen mittleren zweistelligen Millionenbetrag für die Champions-League-Rechte aus, die Kosten für einmal Olympia liegen immer noch etwas darunter.

Steckbrief:

Robert Harting (32) hat überall dort Gold gewonnen, wo es Gold zu gewinnen gibt. Seinen ersten internationalen Titel -sicherte sich der Cottbuser 2009 bei der Weltmeisterschaft in Berlin. Auch in Daegu (2011) und in Moskau (2013) warf er den Diskus am weitesten. -Neben Olympiagold in London (2012), gewann Harting in Helsinki (2012) und in Zürich (2014) den Europameister-Titel. Bei den Olympischen Spielen in Rio  scheiterte er in der Qualifikation, nachdem er am Vortag einen Hexenschuss erlitten hatte.

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