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Abenteurer der alten Garde: Gangerl Clemens.

Bayerischer Abenteuer 

Der ewige Weltenbummler

  • vonNico-Marius Schmitz
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Rodinger Gangerl Clemens überlebte Piratenangriffe und Jahrhundertstürme. Mittlerweile blickt der Dauersegler auf knapp 30 Jahre Abenteuer zurück. 

München – Nein, das gefällt ihm gar nicht. Wochenlang plagen sich die Schildkröten und behüten ihre Eier, nur damit diese dann von einheimischen Fischern in Malaysia geklaut werden? „Dann werde ich halt im hohen Alter noch zum Schildkrötenschützer“, sagt „Gangerl“ am Telefon. Er sitzt gerade an einem Strand der Insel Pulau Kapas.

Gangerl heißt mit richtigem Namen Wolfgang Clemens. Beruf? Abenteurer und Extremsportler. Aktuell hängt der 78-Jährige in dem malaysischen Bundesstaat Terengganu fest. Die Corona-Krise hat auch ihn überrascht. Ans Weitersegeln ist momentan noch nicht zu denken. So verbringt er den Tag aktuell mit Arbeiten an seiner Yacht und Sport an menschenleeren Stränden. Und eben damit, die Schildkröten zu schützen. Gangerl weiß, wie es ist, wenn man sich wochenlang plagt. Er weiß auch, wie es sich anfühlt, wenn einem alles weggenommen wird.

Clemens war schon immer ein Mann der Extreme, einAdrenalinjunkie wie er sagt. Autorennen, Kampfsport oder auch Fallschirmspringen zählten früh zu seinen Hobbys. Das Schlüsselerlebnis war jedoch ein Ausflug mit seiner Familie zu einem kleinen See im bayerischen Wald. Während Gangerl mit seiner Frau und Kindern gemütlich in einem Gummiboot über das Wasser trieb, flitzte ein Segler an ihnen vorbei.

Der gelernte Kunstschmied spürte, dass er diese Freiheit auch erleben möchte. 1975 begann er mit dem Bau seiner eigenen Yacht. Tagsüber arbeitete er als Kunstschmied im bayerischen Roding und betrieb zudem ein Wirtshaus mit Hotel, nachts schuftete er an dem Boot für seinen Traum. „Das größte Problem bei Leuten, die loslassen wollen? Die Frau!“sagt Clemens.

Nach sieben Jahren Ehe trennte sich der Rodinger von seiner Gemahlin. Das „Problem“ war also schon mal gelöst. 1988 setzte Gangerl alles auf eine Karte. Er verkaufte seine Firma und all seine Besitztümer. Von Regensburg aus startete er mit seiner 15-Meter langen Yacht – die ihn 180 000 D-Mark kostete – das Abenteuer Weltumsegelung.

Donauabwärts segelte er zunächst über die Balkanländer und das Schwarze Meer ins Mittelmeer. Über den Atlantik und die Karibik erreichte Gangerl Panama. Anschließend erkundete er traumhafte Inseln im Überseegebiet Französisch-Polynesien. Doch der passionierte Abenteurer musste auch am eigenen Leib spüren, wie schnell man der Wucht des Ozeans ausgeliefert ist.

1993 brach Clemens mit einem Einhandsegler von Eden, Australien, zu einem Törn auf. Das Ziel sollte Auckland Island und die dort beheimateten Gelbaugenpinguine sein. Doch sechs Tage nach der Abreise aus Australien meldete das Wetterfax an Bord ein gewaltiges Sturmtief. Der Jahrhundertsturm Zyklon Polly bretterte in Orkanstärke auf den bayerischen Aussteiger zu. Grelle Blitze schossen vom Himmel. Die Wassermassen überrollten die Yacht: „Ich lag zusammengekauert auf dem Boden, hatte mir die Rippen gebrochen. Um einen herum geht die Welt unter. Ich habe nur darauf gewartet, dass ich sterbe.“

Tagelang wütete der Sturm. Der einsame Segler übergab sich unzählige Male, bekam Schüttelfrost und ernährte sich nur von Magen- und Schmerztabletten. Das einzige, was Gangerl schmeckte war das Blut, das an den trockenen Lippen klebte. Über die Yacht hatte er längst keine Kontrolle mehr, seine „Bavaria“ war den Launen der Natur ausgesetzt. Erst nach fünf Tagen ließ der Sturm nach. Gangerl funkte Radio Kiri Kiri in Neuseeland an: „Die konnten es nicht glauben, ich war der einzige Segler, der während des Orkans auf hoher See war.“

Während seiner Reisen ist Clemens immer wieder auf der Suche nach dem Unbekannten. Er besuchte die Stämme der Kombai und Korowai in Westpapua, die noch Menschenfleisch verzehren und ging mit den Urvölkern in Wamena auf Schweinejagd. Am Sepik Fluss wurde er von Einheimischen mit Pfeilen beschossen, da sie ihn für einen Hexer hielten.

Gangerl geriet während seiner Expeditionen oft in Lebensgefahr. 1996 segelte er in der Sulusee vor der Insel Cagayan auf den Philippinen. Zwei Piraten enterten das Boot und bedrohten ihn mit Waffen. Der deutsche Segler, selbst mit einer Pumpgun und einem Revolver ausgestattet, zögerte nicht lange und schoss auf die Angreifer. Der erste fiel gleich ins Wasser, der andere lag verwundet vor ihm: „Als ich mich ihm näherte, hat er mir den Unterarm aufgeschlitzt. Ich habe ihm mit einem Holzstück auf den Kopf gehauen und ins Wasser geworfen.“

Clemens braucht die Gefahr und die Wildnis. In Deutschland ist er nur noch selten. Die ersten zehn Jahre nach dem Start seines Abenteuers hat er seine Heimat und die Familie gar nicht besucht.

2002 reiste er durch Nepal, Bhutan und Tibet, bestieg mehrere Sechstausender. „In Deutschland halte ich es nie lange aus, ich suche Stellen, die noch nicht von der Zivilisation versaut sind.“

Auch heute, mit 78 Jahren, treibt der Abenteurer noch jeden Tag Sport. Auf der Insel Pulau Kapas geht er schnorcheln und macht Workouts am Strand. Liegestütze, Klimmzüge oder eine kleine Runde über den Strand laufen. Wenn das Knie mitmacht.

1993 startete der „Seewolf“ sein Projekt Weltumseglung. Das Projekt ist längst zum Alltag geworden. Gangerl blickt auf drei Jahrzehnte voller Extremsport und gefährlicher Expeditionen zurück. Über 100 000 Seemeilen hat er zurückgelegt, über 180 000 Kilometer auf dem Landweg.

Sobald es wieder möglich ist, will er nach Indonesien segeln. Angst vor der Corona-Krise hat er trotz seines hohen Alters nicht: „Ich habe dem Tod oft ins Gesicht geblickt, ich fürchte mich nicht davor.“

Von Nico-Marius Schmitz


Vortrag in München: Über 100 000 Seemeilen, über 180 000 Kilometer auf dem Landweg, knapp 30 Jahre Abenteuer: Clemens hat einiges zu erzählen. Am 10. Oktober hält Gangerl den Vortrag „Wilde Südsee“ im Wirtshaus zum Isartal in München (Brudermühlstraße 2). Der Einlass beginnt 

um 18:30 Uhr, der Vortrag startet um 19:30 Uhr. Die Kosten für ein Ticket liegen regulär bei 13,50 Euro (Kinder bis 13 Jahre fünf Euro/ Schüler und Studenten 10 Euro). Der bayerischen Weltenbummler wird von seinen zahlreichen Segelabenteuern erzählen, die er auch in seinem Buch „Der Paradiesjäger“ dokumentiert. Wer Gangerl aktuell während der Quarantäne in Malaysia verfolgen möchte, kann den YouTube-Kanal „Gangerl“ abonieren. Dort berichtet der 78-Jährige regelmäßig in Form eines virtuellen Tagebuchs.


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