Vom Rucksack befreit

- Melbourne - Seine Füße brannten, die Gefühle fuhren Karussell, aber er hielt sich an einem einmalig guten Gedanken fest. "Ich bin sooo glücklich", sagte Nicolas Kiefer nach seinem Sieg gegen den Franzosen Sé´bastien Grosjean (6:3, 0:6, 6:4, 6:7, 8:6). "Endlich habe ich die Hürde überwunden." Viermal hatte er in der frühen Phase seiner Karriere versucht, das Halbfinale eines Grand-Slam-Turniers zu erreichen - 1997 in Wimbledon, 1998 in Melbourne, 2000 in Melbourne und New York -, doch jedesmal war er gescheitert. Immer wieder während der Partie gegen Grosjean hatte er daran denken müssen, auch an die vier vergebenen Matchbälle im olympischen Doppel-Finale von Athen. Jede Niederlage ein Ziegelstein der Erinnerung, und so hatte er das Gefühl, einen schweren Rucksack einfach nicht loswerden zu können.

Wer jemals einen schweren Rucksack eine lange Wegstrecke geschleppt hat, der weiß, dass man sich ohne den Ballast im ersten Moment einbildet, man könne fliegen. Kiefer ist einer, der sich gerne mal etwas einredet, aber die Gefahr, das nächste Spiel zu leicht zu nehmen, besteht garantiert nicht. Im Halbfinale wird er morgen gegen Roger Federer spielen, die Nummer eins der Welt. Doch dass der dieser Tage nicht so stabil spielt wie gewohnt, das sah man gestern zum zweiten Mal in Folge. Nach dem Sieg in fünf Sätzen gegen Tommy Haas hatte Federer auch gegen Nikolai Dawidenko alle Hände voll zu tun. Er konnte von Glück sagen, dass der Russe nach dem Gewinn des zweiten Satzes im dritten sechs Satzbälle nicht nutzen konnte. Wie sehr Dawidenko den Favoriten aus dessen Komfortzone drängte, konnte man auch der ungewöhnlich großen Anzahl so genannter Unforced Errors entnehmen: 52 leichte Fehler - das ist ein Wert, den Federer schon lange nicht mehr zu Buche stehen hatte. Am Ende reichte es dennoch zum Sieg (6:4, 3:6, 7:6, 7:6), was der Schweizer mit Erleichterung zur Kenntnis nahm. Das sei verdammt eng gewesen, gab er zu. "Ich hätte genauso in vier oder fünf Sätzen verlieren können."

Federer hatte sich am Nachmittag Kiefers Spiel im Fernsehen angesehen; wenn auch nicht von Anfang bis Ende, aber das wäre bei der Dauer vielleicht auch zu viel verlangt gewesen. Vier Stunden und 48 Minuten vergingen vom ersten Aufschlag Kiefers bis zu Grosjeans letzter, verzweifelter Aktion, und bis auf den guten ersten Satz erinnerte die Partie an ein Stück aus dem modernen Theater. Die Darsteller taten sich schwer mit einem sperrigen Text, das Publikum verstand den Sinn des Ganzen nicht, und das Stück schien kein Ende zu nehmen. Kiefer meinte hinterher, er habe sicher nicht sein bestes Tennis gespielt, aber er habe gekämpft wie der Teufel, darauf sei er stolz.

Weniger stolz war er auf eine Aktion, mit der er sich am Ende die Sympathie des Publikums verscherzte. Beim Stand von 5:6 im fünften Satz erreichte er einen Stoppball von Grosjean nur mit allergrößter Mühe, und in der Annahme, dass der Franzose den Punkt am Netz schon machen würde, warf er seinen Schläger auf die andere Seite. Grosjean verschlug jedoch den Ball und protestierte, der Schiedsrichter sprach Kiefer den Punkt zu, und das Publikum pfiff. Natürlich sei das nicht nett gewesen, gab Kiefer hinterher zu, er habe den Schläger "aus Jux rübereiern lassen", und sei sehr überrascht gewesen, dass ihm der Schiedsrichter dennoch den Punkt zugesprochen habe.

Grosjean ärgerte sich, doch der Zwischenfall hatte keine größere Bedeutung, denn er gewann dieses Aufschlagspiel, und als die Entscheidung wenig später fiel, ging alles mit rechten Dingen zu. Beim ersten Matchball scheiterte Kiefer mit einer Kombination aus Stopp und Lob, beim zweiten Mal hatte er Erfolg - und das war der Moment, in dem der Rucksack fiel.

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