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Sehnsucht nach Krönungen

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- Rottach-Egern - Zeit heilt alle Wunden, heißt es, und im schnelllebigen Fußballgeschäft sind drei Wochen offensichtlich lange genug, um den schmerzlichen Verlust des Weltmeistertitels zu kompensieren. Vor drei Wochen ist Lucios Traum vom neuerlichen WM-Coup an einem sommerlichen Samstagabend in Frankfurt am Viertelfinalgegner Frankreich zerplatzt wie eine hauchdünne Seifenblase, gestern erweckte der Brasilianer den Eindruck, als habe er die Trauer darüber einigermaßen verwunden.

"Ich fühle mich gut", sagte er nach seinem ersten Halbtag in der Saisonvorbereitung des FC Bayern, und wie er so gemütlich da saß und seinen Kopf ins laue Mittagslüftchen von Rottach-Egern hielt, nahm man ihm das tatsächlich ab.

Wenn Lucio spricht (er spricht sehr selten in der Öffentlichkeit), spricht er meist so leise, dass man schon sehr nah heranrücken muss, um ihn zu verstehen. Auch gestern wirkte es fast so, als hätte er seine Sätze lieber gleich Bayerns Mediendirektor Markus Hörwick ins Ohr geflüstert, als sie in die heiße Luft in dem kleinen Presse-Zelt am Hotel Bachmair Alpina hinauszuatmen. Dabei haben seine Worte dennoch Gewicht, da machte sein Auftritt gestern keine Ausnahme.

Das WM-Debakel ist zwar überwunden, Lucios unbändige Sehnsucht nach Krönungen hat dies aber nur verstärkt. Bevor er zur WM-Vorbereitung der Selecao abgereist war, hatte er die Bayern über die Medien unter Druck gesetzt, einen namhaften Ersatz für Michael Ballack aufzutreiben, sonst erwäge er einen Abschied. Mit 28 Jahren hört der Brasilianer bereits seine biologische Uhr als Fußballer ticken, und ohne den Sieg in der Champions League gedenkt er nicht abzutreten.

"Mein Traum ist die Champions League", erneuerte Lucio gestern seine Zielvorstellungen, "in den letzten Jahren haben wir international nicht gut gespielt, jetzt sind neue Leute da, wir müssen uns verbessern. Aber es wird schwer ohne Ballack und Zé´ Roberto." Da klingt Skepsis mit.

Lucio hat zwar erst im Winter einen Vertrag bis 2010 unterschrieben, ob er aber wirklich so lange Münchner bleibt, ließ er gestern offen: "Momentan bin ich beim FC Bayern glücklich, aber ich weiß nicht, was in der nächsten Saison passiert." Während der WM haben ihn die Kameraden gefragt, wann er endlich nach Spanien wechsle, ein Flirt mit Real Madrid wurde dem Abwehrstar nachgesagt, doch gestern beteuerte er: "Bisher hatte ich keine konkreten Anfragen." Dass Real Madrid in seinem Hinterkopf herumspukt, verhehlte er aber nicht: "Das ist jedes Jahr eine große Mannschaft mit viel Qualität - aber ich habe über einen Wechsel nicht zu entscheiden, sondern andere Leute. Im Moment interessiert mich das nicht."

Vielmehr beschäftigt ihn die nähere Zukunft in München. In Daniel van Buyten hat er einen neuen Partner in der Innenverteidigung, von dem er viel hält: "Er hat in Hamburg sehr gut gespielt, ich bin sicher, er bringt auch hier seine Leistung." Dem Gedankenspiel, auf eine Dreierkette umzustellen, steht er aufgeschlossen gegenüber: "Ich hätte kein Problem damit. In Leverkusen habe ich das lange Jahre gespielt - und 2002 sind wir mit einer Dreierkette Weltmeister geworden."

Das Thema WM, es zieht sich doch ein wenig wie ein roter Faden durch das Gespräch. Ob er seine Karriere in der Selecao fortsetzt? "Ich möchte schon - aber ich weiß nicht, was Carlos Dunga will." Mit dem neuen Coach hat der Bayern-Star früher noch zusammengespielt, "der will immer gewinnen, ist immer motiviert", weiß Lucio: "Mein Traum ist die WM 2010 - und dann vielleicht noch einmal den Titel zu gewinnen." Auch wenn Wunden verheilen, ist das Leben doch schöner, wenn sie gar nicht erst aufbrechen.

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