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Mit Spaß in die Offensive

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- Jetzt sieht er dieses Feuer, diese Leidenschaft. Genau das hat er oft vermisst, wenn er in den letzten Jahren draußen war, bei den Vereinen, bei den Kindern, den Jugendlichen. "Zum Fußball", sagt Udo Bassemir, "gehören Emotion, Herz, Begeisterung und Spaß. Das will ich haben, wenn ich mit Kindern trainiere." Nun, da ganz Deutschland schwarz-rot-gold ist, der Fußball, die Nationalmannschaft, vor allem Klinsmanns Offensivgeist, ungeheure Euphorie ausgelöst haben, scheint es, als sei der Funken übergesprungen.

Die Vereine, ganz unten an der Basis, spüren die ersten Anzeichen eines Booms, "die große Euphorie wird sich noch in den nächsten Wochen bemerkbar machen", glaubt Ralf Jaser, Trainer beim TSV Poing. "Jede einzelne Jugendabteilung wird merken, dass die WM ein Erfolg war", verspricht Rainer Koch, Präsident des Bayerischen Fußball-Verbandes. "Wir werden auf Dauer davon profitieren", ist Reinhard Klante überzeugt, als BFV-Cheftrainer zuständig für Trainer-Aus- und Fortbildung.

"Ich habe den deutschen Fußball schätzen gelernt", sagt Udo Bassemir. Seit vielen Jahren sucht er Talente für den FC Bayern, verfolgte aber auch kritisch die Entwicklung an der Spitze. Er weiß, Kinder brauchen Vorbilder. Und er hat sich gesorgt, weil jahrelang wenig zu spüren war im Nationalteam von dem, was Bassemir fordert. Sicherheitsfußball, wenig Offensivgeist, nein, das kann kein Vorbild sein für den Nachwuchs. "An der Basis müssen wir den Offensivfußball forcieren", hat Bassemir gefordert. Und hat nun breite Rückendeckung erhalten durch den Auftritt der deutschen Mannschaft.

"Die Deutschen", sagt Bassemir, "waren eine gute Gruppe, sie wurden getragen von der Euphorie, auch von außen." Reinhard Klante sagt, Klinsmann habe den Spielern das Vertrauen in die eigene Leistungsfähigkeit zurückgegeben: "Bisher hat jeder Spieler, wenn er nach Stärken und Schwächen befragt wurde, vielleicht drei Finger für die Stärken gebraucht, zwei Hände aber für das, was er noch verbessern muss. Klinsmann hat das umgedreht." Die Mannschaft hat an sich geglaubt, hat auch Bassemir erkannt, "sie ist mit Freude ins Spiel gegangen, nicht mit Angst vor dem großen Gegner."

Hier ist ein Ansatz für Jugendtrainer, hier kann jeder lernen von Klinsmann. "Klinsmann hat das Erlebnis WM umgesetzt in positive Energie", hat Klante gesehen, "Deutschland hat durch die Stimmung Flügel bekommen. Das müssen wir jetzt in die Vereine hineintragen, diese Begeisterung, diese Freude. Training darf nichts Zwanghaftes sein, man muss Spaß reinbringen. Klinsmann hat uns gezeigt, wie viel möglich ist, wenn die Mannschaft als echtes Team auftritt."

Udo Bassemir hat schon vor Jahren angeregt, das Jugendtraining umzubenennen, "Spielabend" hat er vorgeschlagen, nein, Fußball dürfe nicht in Arbeit ausarten, Fußball müsse man spielen. Er zitiert Dietrich Knut: "Das spielimmanente Lernen stellt die einzige kindgemäße Form des Erwerbs der Spielfähigkeit dar. Wenn das Ausbildungsziel die Vermittlung des Spiels ist, kann das Vermittlungsverfahren nur das Spiel selbst sein." Nun hat er Schützenhilfe bekommen, durch diesen begeisternden Auftritt der deutschen Nationalmannschaft, durch diese einzigartige Euphorie, die dieser Fußball entfacht hat.

Reinhard Klante wird Konsequenzen ziehen, die Trainerausbildung ein bisschen umbauen: "Wir müssen mehr Wert auf die Aspekte Freude, Spaß, Gemeinschaft legen, die Inhalte ein bisschen mehr vom eigentlichen Fußball lösen. Wir müssen Vertrauensspiele ins Training einbauen, Interaktionsspiele. Und wir müssen versuchen, den Ergebnisfußball zurückzudrehen, wir als Verband müssen dafür sorgen, dass man im Kinderfußball Trainer nicht mehr nach dem Tabellenplatz beurteilt."

Fußball macht Spaß, das war die Botschaft, die Klinsmanns Truppe den Deutschen vier Wochen lang vermittelt hat. Das muss durchschlagen bis nach unten, Rainer Koch fordert die Vereine auf, künftig auch "die Freizeitformen, Kleinfeldspiele, Beachsoccer und ähnliches, abzudecken". Und Udo Bassemir erhofft einen höheren Stellenwert für den Offensivfußball: "Der erste Gedanke im Training muss sein, offensiv zu spielen, Risiko zu gehen, Freude am Spiel zu zeigen." Klinsmann hat es doch vorgemacht.

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