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So war‘s bei der Biathlon-WM: Im Ziel fiel Laura Dahlmeier in den Schnee. Ihr musste geholfen werden.

Spitzensport

Bis zur Erschöpfung

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Der Winter mit seinen stundenlangen Sport-Übertragungen geht dem Ende zu. Wie oft haben wir auch in dieser Saison das Bild von Athleten gesehen, die alles gaben und hinter der Ziellinie zu Boden sanken! Anstrengung bis zum Zusammenbruch – wie kommt es dazu? Ist das gefährlich?

Laura Dahlmeier war unfassbar gut bei der Biathlon-Weltmeisterschaft kürzlich in Hochfilzen: Sie gewann fünf Goldmedaillen. Deutschland hatte eine neue Ski- (und Schützen-)Königin.

Doch die Bilder zeigten nicht nur eine strahlende Siegerin, sondern auch eine leidende. Die niedersank in den Schnee, die aufgerichtet werden musste von helfenden Händen, die Zeit brauchte, um sich wieder zu fangen – und die sogar bei der Pressekonferenz für einen Moment wegtrat. „Eine Kreislaufschwäche“, erklärte sie.

Sportler, die im Ziel zusammenbrechen – es passiert immer wieder. Und wenn Professor Martin Halle das am Bildschirm sieht, ist er nicht sonderlich beunruhigt. Der Leiter des Lehrstuhls für Präventive und Rehabilitative Sportmedizin an der TU München, der auch viele Spitzensportler untersucht, kennt das Phänomen aus seiner Ambulanz, wenn er ein maximales Belastungs-EKG durchführt. „Eine Minute danach wird den Leuten, egal ob Sportler oder nicht, häufiger schlecht, sie werden kaltschweißig, und der Blutdruck rauscht in den Keller. Praktisch nicht messbar. Hört die Belastung auf, fällt das Herzpumpen weg, die Peripherie ist aber noch weit.“

Besonders für Sportler ist Belastung anstrengend

Was nun kurios erscheint: Dem Top-Sportler setzt seine Leistung besonders zu. „Bei älteren und untrainierten Menschen sind die Gefäße steif“, erklärt Professor Halle. Bei Jugendlichen und bei gut trainierten Leuten hingegen „machen die Gefäße durch die hohen Konzentrationen von Laktat maximal auf, der Blutdruck fällt dadurch ab“. Wissenschaftler Halle erwähnt das „Herzminutenvolumen“: Es bezeichnet, wie viel Blut innerhalb einer Minute vom Herz in die Gefäße und zurück gepumpt werden kann. „Das Herzminutenvolumen ist dann reduziert.“ Dem Sportler wird schummrig, das Blut ist vor allem in den Beinen, „da versackt es“ (Halle).

Was man tun kann? Ganz einfach: „Die Beide hochlegen, damit das Blut wieder zurückfließt“, rät Martin Halle zu einem Hausmittel. Nach ein bis drei Minuten sollte normale Befindlichkeit wiederhergestellt sein. Klar könne auch eine ernsthafte Herzrhythmusstörung die Ursache sein, wenn jemand im Ziel kollabiere – in der Regel sei es aber „medizinisch unbedenklich“. Und wenn eine wie Laura Dahlmeier daliegt und quasi um die Wette pumpt, so Martin Halle, „dann ist das eine Art Therapie“.

„Das ausgemergelte, gelbe Gesicht, die glasigen, ausdruckslosen Augen“

Den Ur-Kollaps der modernen Sportgeschichte erlitt Dorando Pietri, ein italienischer Konditor von der Insel Capri – und Teilnehmer am Marathonlauf der Olympischen Spiele 1908 in London. Drei Kilometer vor Schluss zog er am bis dahin führenden Charles Hefferon (Südafrika) vorbei, doch beim Zieleinlauf ins Stadion büßt er für seinen Zwischenspurt. Er läuft zunächst in die falsche Richtung, erkennt das, wendet, torkelt, bricht zusammen, steht auf, fällt, rappelt sich hoch, fällt. Rennarzt Michael Bulger greift ein, massiert Pietris Herz, Jack Andrew, der Schriftführer des Laufs, stößt dazu, stützt Pietri. Der Schriftsteller Arthur Conan Doyle („Sherlock Holmes“), als Berichterstatter auf der Tribüne mit bestem Blick auf den Vorgang, schreibt: „Ich erhaschte einen Blick auf das ausgemergelte, gelbe Gesicht, die glasigen, ausdruckslosen Augen.“

Dorando Pietri wird quasi über die Ziellinie geführt (es wird eines der berühmtesten Bilder der Sportfotografie). Olympiasieger ist er aber nicht lange, er wird disqualifiziert, weil er fremde Hilfe in Anspruch nahm. Als es ihm schnell wieder gut geht, sagt Pietri, er hätte das Ziel auch ohne Unterstützung erreicht. Als Erster. Am nächsten Tag tröstet ihn die englische Königin mit einem vergoldeten Becher, und gegen den zum Sieger erklärten Amerikaner Johnny Hayes läuft Pietri einige Revancherennen, unter anderem für gutes Geld im New Yorker Madison Square Garden.

Beim Marathon resultiert das Kollabieren meist aus der Dauerhaftigkeit der Anstrengung und dass der Körper irgendwann leergelaufen ist. Typische Zusammenbruchs-Sportarten sind andere. Biathlon ist prädestiniert, findet Professor Halle, weil auch Oberkörper, Arme und Brust beschäftigt werden. Da treibt es den Laktatwert so richtig schön hoch.

Ein üblicher Wert, „wenn Sie oder ich uns beim Sport anstrengen“, erklärt der TMU-Mediziner, „wäre 8. Ein Leistungssportler erreicht in der Spitze schnell mal 16.“ Bei einer Belastung wie der des Slalomfahrers Felix Neureuther, der (das hat das Bayerische Fernsehen eben erst schön entschlüsselt) pro Sekunde ein Tor nehmen und dabei eine Richtungsänderung bewerkstelligen muss – enormer Aufwand an Schnellkraft –, kann der Wert auch mal 20 betragen.

Es gibt sogar so etwas wie einen deutschen Laktat-Rekord. Ihn hält ein Ruderer: Filip Adamski. Sein Wert: 27,3.

Adamski saß im Vierer und im Achter (mit dem er 2012 Olympiasieger wurde). Er galt als Endspurttalent. „Mit Filip bekommt ein Boot Flügel“, sagte Mitfahrer Gregor Hauffe. Adamski konnte sich ungewöhnlich intensiv belasten, „Mein Körper sagt ,Stop‘, aber ich schalte auf Sturkopf und mache weiter, das geht schon.“ Diese Mentalität habe er von seinem Bruder übernommen, einem American Footballer, sagte er.

Bei einem Leistungstest ruderte sich Filip Adamski bis zur 27,3 – höchster Wert, seit 1988 begonnen wurde, die Daten deutscher Hochleistungssportler zu erfassen. Adamski büßte aber für seine Überwindungsfähigkeit: Er kollabierte beim anschließenden Duschen, übergab sich 90 Minuten am Stück, musste mit Infusionen versorgt werden. Weil er sich im Uni-Prüfungsstress auch noch ungut ernährt hatte, musste Adamski mit einer daraus resultierenden Nierenschwäche 2008 zwei Monate lang pausieren.

Der Mensch hat zwei Prozent in Reserve

Auch Marcel Hacker, langjähriger deutscher Star im Einer, zeigte auf den Regattastrecken dieser Welt einige Kollapse. Bei der WM im englischen Eton 2006 gewann er Silber, verausgabte sich dabei aber so, dass er im Ziel aus dem Boot glitt, ins Wasser fiel und zu ertrinken drohte. Der Pressesprecher des deutschen Ruder-Verbandes sprang hin-ein und zog Hacker an Land. Hatte er die letzte Reserve angezapft?

Der Mensch hat immer noch ein bisschen mehr drauf, als er glaubt. In der Wettkampfsituation geht grundsätzlich mehr als im Training. Und dann gibt es die Theorie von den verborgenen zwei Prozent. 2011 unternahm der englische Sportwissenschaftler Kevin Thompson (University of Northumbria) ein Experiment. Er ließ eine Gruppe Bahnradfahrer zu einem virtuellen Rennen (auf Ergometern) gegen ihre Avatare antreten. Diese hatte er auf die jeweilige 4000-Meter-Bestleistung des Fahrers programmiert, so sagte er. Tatsächlich fuhr der Avatar eine um zwei Prozent schnellere Zeit – kleiner Trick also. Und siehe da: Die englischen Radler schafften es dennoch mehrheitlich, ihren manipulierte Avatar zu übertrumpfen.

Bewiesen war somit, was der englische Autor Ed Caesar in seinem Marathon-Buch „Zwei Stunden“ wie folgt zusammenfasst: „ Der Kopf lässt sich austricksen. Körper haben mehr als eine Grenze. Das Gehirn eines Sportlers, das ständig die Balance zwischen Erschöpfung und maximaler Leistung halten muss, hat seine eigenen Strategien, um zu überleben.“

Das höchste Leistungsniveau erreicht der Körper, wenn er Todesgefahr verspürt. Sollte man im Sport jedoch nicht austesten. Sogar der verrückte Ruderer Adamski meinte, so weit sei er in den wildesten Momenten nicht gegangen: „Den Tunnel und das Licht habe ich noch nicht gesehen.“

Was Sportler neben der akuten Erschöpfung noch empfinden können, ist die dauerhafte. Auch diese Geschichten hat man schon gehört: Vom Judoka, der übertrainiert war und im Training nicht mal mehr den Kollegen aus der viel leichteren Gewichtsklasse werfen kann; vom Schwimmer, dem zur Bestleistung Sekunden fehlen und dem die Muskeln in den Armen brennen – bis der Arzt herausfindet, dass er sich ein Pfeiffersches Drüsenfieber eingefangen hat. Aber das ist eine andere Art von Erschöpfung. „Sportler, die das betrifft“, so Professor Halle, „kommen gar nicht an ihre Belastungsgrenze heran.“

Laura Dahlmeier hingegen schon. Ihr setzten in Hochfilzen aber beide Arten von Erschöpfung zu. Die eine, wenn der Blutdruck kurz nach Ende des Rennens auf einen Wert von etwa 90:40 absackt – und die andere aus der Summe all dessen, was bei einem Großereignis an Präsenz verlangt wird. Dopingkontrollen, Siegerehrungen, Pressekonferenzen.

Sie hatte – wegen ihres immensen Erfolgs – schließlich alles mal fünf.

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