"Am Sport sparen ist weltfremd"

- Wenn Norbert Kreitl auf der Bezirkssportanlage an der Bert-Brecht-Allee seine jüngsten Fußballer mit diesem Spaß, dieser Begeisterung kicken sah, empfand er so eine Mischung aus Freude und Stolz. Fünf G-Jugendmannschaften hat der SV Neuperlach, insgesamt 18 Nachwuchsteams. Der Verein ist mehr als nur ein Ort der körperlichen Ertüchtigung, er ist, an einem der sozialen Brennpunkte der Stadt München beheimatet, auch Sozialstation, wirkt manchmal sogar präventiv gegen Gewalt und Drogen. Kreitl fragt: "Wo wären denn die Kinder alle, würden wir sie nicht in den Sportverein holen?" Der Vorsitzende des SV Neuperlach sieht den sozialen Auftrag, den der Verein vor allem im Nachwuchsbereich zu erfüllen hat. Und den will er erfüllen.

<P>Doch das wird ihm immer schwerer gemacht. Wenn Kreitl nach der Schneeschmelze wieder seine jüngsten Fußballer üben sieht, wird er neben Freude und Stolz auch ein etwas bedrückendes Gefühl empfinden. Er wird rechnen. Und sich sorgen. Denn jede einzelne Übungsstunde, jedes Punkt- und Freundschaftsspiel, jede Hallenbenützung, jedes Training der Leichtathleten, wird nun Geld kosten. "Statt bisher 9000 Euro im Jahr zahlen wir künftig 50 000", sagt Kreitl. Und das gehe an die Substanz.</P><P>Die Stadt München verlangt seit Anfang des Jahres nämlich höhere Nutzungsentgelte für Sportanlagen, auch von Kinder- und Jugendteams. Die kommunalen Kassen sind leer, gespart werden muss überall. Das sieht auch Kreitl so. Doch sieht er auch die Gefahren für den Sport, den gesellschaftlich so bedeutenden Jugend- und Breitensport. Denn gerade kam die nächste Hiobsbotschaft, die CSU-Fraktion im Bayerischen Landtag will die Sportförderung und die Förderung der Jugendarbeit um mindestens 15 Prozent zurückfahren. "Das", sagt Kreitl, "trifft uns zusätzlich." Die Zuschüsse für die Übungsleiter sollen gekürzt oder gestrichen, Baumaßnahmen der Vereine können kaum mehr gefördert werden. Und zusätzlich hat der BLSV als Dachverband die Beiträge erhöht.</P><P>Stehen die Vereine, steht der Jugendsport vor dem Ruin? 20 Münchner Vereine haben sich nach der Ankündigung der Gebührenerhöhung durch die Stadt zu Protestaktionen zusammengeschlossen, haben offene Briefe verfasst und Unterschriften gesammelt. Kurz vor Weihnachten wurden diese an Bürgermeisterin Gertraud Burkert übergeben, doch die habe nur mit Achseln gezuckt und von "Peanuts" gesprochen, die da auf die Vereine zukämen. "Bei uns geht das in den vierstelligen Bereich", sagt dagegen Günter Deppisch, Vorsitzender des TSV Trudering. Dass Hans-Ulrich Hesse, Vorsitzender des TSV Ost und des Münchner Sportbeirats, von einer "moderaten Erhöhung" spricht, führt Deppisch darauf zurück, dass Hesse als Vertreter eines "besitzenden Vereins", eines Vereins mit eigenen Anlagen, davon kaum betroffen sei.</P><P>Was aber Hesse mehr beunruhigt, ist die Kürzung der Fördermittel durch den Freistaat. "Das Vertrauen, das die Vereine in die Staatsregierung gesetzt haben, wurde gebrochen", klagt er. Schließlich würde das Land die Zuschüsse rückwirkend streichen, also die Gelder für das Jahr 2003 nicht auszahlen. "Darauf", sagt Kreitl, "beruhte aber unser Etat, diese Zuschüsse waren doch längst einkalkuliert." Die Folge sei weiterer Unmut bei den ehrenamtlichen Mitarbeitern, die sich diese eklatante Missachtung durch die Politik nicht gefallen lassen, aufgeben oder zu kommerziellen Sportanbietern abwandern würden. "Die Leute, die dem Staat eine ganz wichtige Aufgabe in der Jugendarbeit abnehmen, sehen keine Anerkennung mehr", sagt auch Hesse, "damit geht Motivation verloren. Und folglich die Qualität der Jugendarbeit."</P><P>Günter Deppisch sieht eine dramatische Entwicklung, Norbert Kreitl fürchtet, dass er bald immer weniger Kindern beim Kicken zuschauen kann. Angebote müssten möglicherweise gestrichen werden. Und weil mit dem Geld die Übungsleiter schwinden, würden immer mehr Jugendliche, "die wir in den Verein geholt haben", wieder auf der Straße landen. "Und wenn der Verein seinen sozialen Auftrag nicht mehr erfüllen kann, wird auf den Staat ein X-faches der jetzigen Einsparungen als Folgekosten zum Beispiel in der Rehabilitation von Drogenabhängigen zukommen", warnt Kreitl und sagt: "Wer am Sport spart, ist weltfremd. Oder hat einfach keine Ahnung."</P><P> </P>

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