+
Zwei der Topverdiener im Profi-Fußball: Von links Cristiano Ronaldo und Lionel Messi.

Wolfram Eilenberger

Sportphilosoph: „Fußballer sind skandalös unterbezahlt“

  • schließen

München - „Fußballer sind skandlös unterbezahlt“, meint Sport-Philosoph Wolfram Eilenberger im tz-Interview. Das sind seine Thesen zum Profi-Fubßall.

Herr Eilenberger, Kommerz ist landläufig negativ besetzt, sehen Sie das auch so?

Eilenberger: Unser Gesellschaftssystem ist auf Profitmaximierung ausgerichtet. Der Sport ist Teil dieses Systems, keine Sonderzone. Man sollte also nicht erwarten, dass der Sport sich von Dynamiken freihält, die unsere Gesellschaft als Ganzes bedingen. Andererseits sind Fußballvereine eher schlecht geführte Unternehmen mit geringer Rendite. Es ist noch immer ein hohes Maß auch an wirtschaftlicher Irrationalität im Spiel. So könnte man argumentieren, dass die Kommerzialisierung, im Sinne eines optimierten Unternehmens, eigentlich erst noch bevorsteht.

Hilft oder schadet der Kommerz dem Fußball?

Sport-Philosoph Wolfram Eilenberger.

Eilenberger: Betrachtet man die Entwicklung der letzten 30 Jahren, zeigt sich, dass Kommerzialisierung Professionalisierung bedeutet, auch auf dem Feld. Der Fußball ist qualitativ hochwertiger geworden. Sofern die Grundgrammatik des Spiels nicht angegriffen wird, habe ich an sich nichts dagegen. Es gibt aber Bereiche, da greift die kapitalistische Verwertungslogik in das Spiel selbst ein. Zum Beispiel, wenn Regeln so abgeändert werden oder würden, dass die Spieldauer oder die Spielhäufigkeit verändert wird, um noch mehr Profit machen zu können – sagen wir, alle 15 Minuten eine dreiminütige Werbepause. Dann leidet das Spiel.

Ist FIFA-Boss Gianni Infantino mit seinen Visionen nicht auf bestem Wege dazu?

Eilenberger: Doch. Infantino verhält sich wie ein Drogendealer, er streckt den Stoff, die Qualität wird dadurch schlechter. Die Weltmeisterschaft auszuweiten wird unter dem Deckmantel der Demokratisierung verkauft, dabei geht es um eine Erhöhung der Spielanzahl und damit der Vermarktungsmöglichkeiten. Hier zeigen sich marktgetriebene Negativentwicklungen. Man konnte der FIFA all die Jahrzehnte gewiss viel vorwerfen. Vieles war schlecht und auch schlicht kriminell. Aber die Reinheit des Spiels auf dem Platz hat Sepp Blatter lange gut mitgeschützt.

Warum erfahren Vereine wie Leipzig oder Hoffenheim in Deutschland so viel Abneigung?

Eilenberger: Das hat kulturelle Gründe, Kommerzialisierung steht gerade in Deutschland unter einem permanenten Entfremdungsverdacht. Hierzulande müssen Vereine natürlich gewachsen sein, am besten 100 Jahre alt. Nur dann wird die Identität als rein und echt anerkannt. Das ist eine nachvollziehbare Intuition, aber sie hat die Bundesliga auch langweilig gemacht hat. Ich wäre ganz konkret dafür, die 50+1 Regel fallen zu lassen, weil es zu einem finanziellen Fairnessaufschwung führen würde. Derzeit profitieren vor allem Dortmund und München von dieser Traditionsregel, denn ihr finanzieller Vorsprung ist unter 50-1-Bedingungen nicht mehr einholbar. Die Regel ist ein Machtinstrument der beiden mächtigsten Vereine und schadet einer Egalisierung der Verhältnisse.

„Ich finde das Phänomen Leipzig in vieler Hinsicht extrem begrüßenswert“

Sind Sie Leipzig-Fan?

Eilenberger: Nein, aber ich finde das Phänomen Leipzig in vieler Hinsicht extrem begrüßenswert. In diesem Verein gibt es eine Unbedingtheit des Gewinnstrebens und des Perfektionierungsdrangs, der in dieser Konsequenz vielleicht nur beim FC Bayern über Jahre gewachsen ist. Leipzig ist nicht durchweg sympathisch und denkbar demokratiefern organisiert. Aber sportlich machen sie es gut und sind ein Gewinn für die Liga.

Das Argument Plastikklub zählt für Sie nicht?

Eilenberger: Nur bedingt. Ohne eine lang gewachsene, tief verankerte Fußballkultur in Sachsen würde das Projekt nie so funktionieren. Sie schaffen es, dieses Potenzial und diese Sehnsucht abzuschöpfen. Gewiss, Fußball hat sich vor 100, 120 Jahren in Deutschland festgesetzt, doch viele Bundesligavereine sind wesentlich jünger und haben sich auch nur dieser von anderen gestifteten Kultur bedient.

Uli Hoeneß: Seine Art, einen Verein zu führen, war ein Auslaufmodell

Uli Hoeneß hat Leipzig sportlich den Kampf angesagt.

Eilenberger: Seine Art, einen Verein zu führen, war ein Auslaufmodell, zumindest dachte ich das nach seiner Verurteilung. Jetzt wird alles wieder aufgewärmt. Mal abwarten, wie den Bayern die Suppe schmecken wird. Es kann auch sein, dass es furchtbar schiefgeht. Insgesamt professionalisieren Vereine sich aber in der Weise, dass sie Menschen aus dem Nicht-Fußball-Bereich für den operativen Bereich holen – und für die Repräsentanz die Leuchtgestalten der eigenen Geschichte nutzen.

Funktionieren Sportunternehmen nach anderen Regeln als Wirtschaftsunternehmen?

Eilenberger: Es gibt sicher Alte-Männer-Netzwerke, die nach anderen Regeln funktionieren. Ohne das direkt kriminalisieren zu wollen, aber diese Hinterzimmerkultur hat schon etwas Mafiöses an sich. Man kennt sich, das Ehrenwort gilt, da braucht es keinen Rechtsstaat – der stört nur. Uli Hoeneß steht ein Stück weit für diese Altkultur. Auch sie hat zu seinem Verhängnis beigetragen. Die letzen Jahre haben hier einen Transparenzschub bedeutet, der auch den Fußball erfasst hat. Diese Hinterzimmergeschichten geraten immer stärker unter Rechtfertigungsdruck. Es scheint längst nicht alles aufgedeckt oder aufgearbeitet. Ob da noch mehr oder anderes ans Licht kommt? Schau mer mal.

Verdienen Fußballer zu viel Geld?

Eilenberger: Global gesehen sind Fußballer skandalös unterbezahlt.

Sie scherzen?

Eilenberger: Nein, jeder mittelmäßige NBA-Profi verdient so viel wie Philipp Lahm oder Manuel Neuer, jeder Baseballstar weit mehr als Arturo Vidal. Die Gehälter im Fußball werden weiter steigen, nicht so sehr in der Bundesliga, aber in den Ligen, die auf dem globalen Fernsehmarkt echte Strahlkraft haben. Ich sehe kein freiwilliges Ende der Spirale. Indien ist noch nicht erschlossen, in China ist man gerade erst dabei, wirklich Fuß zu fassen.

Gibt es eine moralische Grenze?

Eilenberger: Ich finde, eine Gesellschaft muss Raum für solche Träume bieten, auch wenn mit ihnen nicht immer verantwortungsvoll umgegangen wird. Ich habe auch immer die, zugegeben leicht utopische Hoffnung, dass gerade die wahrhaft großen Spieler dadurch wahrhaft frei werden und ihren Job besser machen, ganz einfach, weil sie nicht mehr für Geld spielen müssen. Aber es führt natürlich auch zu ungesundem Protzgehabe und narzisstischen Auswüchsen, Stichwort Cristiano Ronaldo.

Was denken Sie, gibt es Spieler, die freiwillig auf Geld verzichten?

Eilenberger: Dirk Nowitzki macht es innerhalb des Salary Caps. Das ist dann aber auch ein zweckrationales Verhalten, das ihm selbst nutzen soll. Ich würde Sportler nicht unter einen stärkeren Druck stellen als andere, die viel Geld haben. Allgemein führt das wieder auf die Systemfrage zurück. Die Gehaltsentwicklung ist eine logische Folge des globalisierten Kapitalismus, von dem die meisten Deutschen ja noch immer glauben, dass wir letztlich alle davon profitieren.

Bei der Besteuerung der Gehälter hapert es enorm

Sollten Großverdiener zum Ausgleich jährlich ein, zwei Millionen spenden?

Eilenberger: Nun, effektive Besteuerung dieser Gehälter im bestehenden Rahmen wäre mir lieber – und da hapert es ja auch enorm. In diesem Zusammenhang muss man noch sagen, dass die Stiftungen, die viele Fußballer haben, auch dem Zweck der Steuerabschreibung dienen. Dort wird nicht wirklich Geld gespendet, sondern es wird umgewidmet. Rein moralisch wäre es gewiss wünschenswert, wenn diese Großverdiener noch weitaus mehr von ihrem Reichtum teilen und verteilen würden. Aber ein erzwingendes Gesetz, das zum Beispiel jeden dazu verpflichtete, der mehr als 100 000 Euro im Jahr verdient, ab dem 100 001 Euro mit 95% zu besteuern, birgt auch schwere moralische Probleme in sich.

Würden sich all die anderen Sportarten mehr Kommerz und damit mehr Geld wünschen?

Eilenberger: Sie würden sich eine bessere Finanzierung wünschen, aber die könnte auch staatlich sein. Im Moment haben wir tatsächlich ein Problem. Der Fußball ist wie ein Fischtrawler, der mit seinem Netz über das Korallenriff des Sports geht und dort alles abräumt. Das ist eine schädliche Alleinstellung, die die Sportlandschaft zu zerstören droht.

Der Staat alleine kann doch nicht die Lösung sein.

Eilenberger: Nein, die Qualitätssicherung wird nur über regional fest verankerte Kompetenzinseln erfolgen können, so wie einst Tauberbischofsheim im Fechten. Der Staat könnte und müsste aber mehr tun, um unsere einzigartige, vielfältige regionale Kompetenzstruktur zu erhalten. Denn wirklich lukrative Marktzugänge gibt es nur für die wenigsten Sportarten. Die Vorstellung, die Vielfalt des Sport sei über die Kommerzialisierung zu retten, ist abwegig. Das wird nicht passieren.

Was muss ich als Olympia-Athlet tun, um für Sponsoren ähnlich attraktiv zu sein wie Fußballer?

Eilenberger: Das können sie nicht und das sollten sie vernünftigerweise auch nicht anstreben. Klar gibt es Ausnahme-Athleten, die durch spezielle Charakterzüge auf sich aufmerksam machen. Aber einem Jugendlichen, der nicht Fußball, Handball oder Basketball spielt, dem muss man früh klarmachen, dass seine Leidenschaft, kommerziell gesehen, keine vernünftige Lebenswahl ist.

Es darf sich niemand beschweren?

Eilenberger: Enttäuschungsvermeidung läuft generell über Erwartungsregulation. Es gilt zu verstehen, wie das System funktioniert – und damit auch, wo dessen Grenzen liegen. Ich meine das nicht zynisch. Aber ich glaube, die meisten Olympioniken treiben ihren Sport auch nicht mit der Motivation, irgendwann reich zu werden. Sondern sie lieben, was sie tun. Die Erfahrung des Sports selbst ist so schön, dass sie ein Leben zu tragen vermag, wenn auch nur selten im rein ökonomischen Sinn.

Aber Medaillen sind auch da die entscheidende Währung. Die neue Spitzensportreform zielt darauf ab.

Eilenberger: Es ist kein Zufall, dass der Sport, so wie wir ihn kennen, in den westlichen Gesellschaften populär wurde, als der Kapitalismus aufkam. Der Sport ist kein Gegensystem, sondern ein Teilsystem. Die Tragik hinter dieser Förderungslogik besteht ja nicht zuletzt darin, dass sie beispielsweise im Schwimmen oder der Leichtathletik ohne Doping nicht mehr in die Förderbereiche oder nur schwer in die Medaillenbereiche kommen.

Hat der Kommerz Olympia zerstört? In Deutschland scheitern die Bewerbungen alle krachend.

Eilenberger: Die betroffenen Städte empfinden Olympia als Katastrophe und nicht als Nutzen. Es gibt fast eine natürlich gewachsene Ablehnung, die schwer zu überwinden ist. Ich bedaure das. Eine Olympiade in Deutschland hätte die Vielfalt der Sportlandschaft auf Jahrzehnte hinaus gestärkt.

Mario Götze wird, von den Medien abgesehen, niemand vorwerfen, dass er einen Kopfhörer-Sponsorvertrag hat.

Eilenberger: Bei Olympioniken lautet die Devise: Wenn sie nicht arm sind, sind sie nicht echt. Wir wollen, dass sie arm sind, das ist unsere narrative Erwartung an diese Existenzen. Deswegen ist immer etwas Unwuchtiges in einem Olympiasieger, der einen Millionenvertrag hat. Ein deutscher Leichtathlet, der damit reich wird, ist uns doch schon suspekt.

Interview: Mathias Müller

Auch interessant

Meistgelesene Artikel

Vettels neuer Ferrari wird am 11. Februar vorgestellt
Ferrari will keine Zeit verlieren. Als erstes Formel-1-Team gibt die Scuderia den Vorstellungstermin des neuen Wagens bekannt. Sebastian Vettel will mit der "Roten …
Vettels neuer Ferrari wird am 11. Februar vorgestellt
Biathletinnen genervt: "Laura nicht hinterherjammern"
In Hochfilzen liegt Schnee, gute Bedingungen also für die Biathleten. Nach dem Rücktritt von Laura Dahlmeier soll es für die Skijägerinnen in Tirol auf das Podest gehen.
Biathletinnen genervt: "Laura nicht hinterherjammern"
Hopp oder topp: DHB-Frauen kämpfen um Olympia-Traum
"Ein Feuerwerk abbrennen" wollen die deutschen Handballerinnen in ihrem letzten WM-Spiel gegen Schweden. Nur mit einem Sieg bleibt die DHB-Auswahl im Rennen um ein …
Hopp oder topp: DHB-Frauen kämpfen um Olympia-Traum
Flitzer nerven Leverkusener: "Sollen die Scheiße weglassen"
Das Wunder ist ausgeblieben: Bayer Leverkusen ist aus der Champions League ausgeschieden und spielt nun in der Europa League weiter. Beim letzten Spiel gegen Juventus …
Flitzer nerven Leverkusener: "Sollen die Scheiße weglassen"

Kommentare