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Handball-Land Deutschland: Auch ältere Semester beteiligten sich an den Party-Szenen bei der WM.

Und Stimmung!

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Ein Spiel, einen Wettbewerb vor Ort einfach nur so anzuschauen, ist wohl von gestern. Man bekommt es gerade bei der Handball-WM zu spüren: Zuschauer werden zum Anfeuern animiert, und wo früher der Sprecher nüchtern Spielstände bekannt gab, amtiert nun der Entertainer. Gibt es für die Stimmungs-Mache noch Regeln? Darf überall Musik gespielt werden? Welche Sportarten sind anfällig für die Eventisierung?

Der Satz, gesprochen im Berliner Olympiastadion, lautete: „Unser Team braucht jetzt unsere Unterstützung.“

Der Satz war ein Skandal.

Fußball-Weltmeisterschaft 2006, Viertelfinale Deutschland – Argentinien, die letzte Viertelstunde bricht an, die Südamerikaner sind die besser besetzte Mannschaft. Der Münchner Andy Wenzel, seit 1993 Stadionsprecher bei deutschen Länderspielen, folgt einem alten Reflex: den Heimvorteil ausspielen.

Sofort greift der Weltverband FIFA ein, Andy Wenzel wird das Mikrofon aus der Hand genommen. Der damalige FIFA-Sprecher Andreas Herren rügte die Parteinahme Wenzels: „Dies widerspricht der Fairness und hat nichts mit der Ausgewogenheit eines Sprechers zu tun. Es ist nicht zulässig.“

Diese klinische Reinheit, die sich der Fußball vor gut zwölf Jahren verordnete, wirkt altbacken, wenn man die Handball-Weltmeisterschaft 2019 verfolgt.

Die Botschaft „Unser Team braucht jetzt unsere Unterstützung“ gab es in Berlin, Köln und Hamburg in Dauerschleife. Und in offensiverer Tonlage. „Wenn die Fans lauter sein sollen, dann sage ich es ihnen. Du musst sie mitnehmen, wenn es für die Mannschaft am wichtigsten ist“, sagt Kevin Gerwin. Man hat ihn gehört, wenn er den Namen des Torschützen angesagt hat: Er den Vornamen (jedes Mal inbrünstiger), das Publikum antwortet mit dem Nachnamen. Das drei Mal, gefolgt vom „Danke – Bitte“. In einem aktuellen Interview erklärt Gerwin, der Radio- und Fernsehmoderator ist: „Niemand erwartet, dass man als Hallensprecher bei einer WM in Deutschland komplett unparteiisch ist. Klar, ich versuche auch Sachen für den Gegner einzubauen, aber prinzipiell wollen die Leute hier Deutschland feiern.“

Davon kann man sich mitreißen lassen. Man kann jedoch auch fragen: Erlebt der Sport gerade eine – positiv formuliert – Eventisierung? Oder, negativer ausgedrückt: Ballermannisierung? Und man kann ergründen: Wann ergibt Stimmung sich noch aus dem Verlauf eines Wettbewerbs und ist spontan – und nicht Produkt eines Inszenierung?

Ein guter Gesprächspartner zu diesem Thema ist Karlheinz Kas, 63. Radiohörern ist er als eine der bayerischen Stimmen aus „Heute im Stadion“ bekannt. Eigentlich ist er aber Zeitungsredakteur – beim Trostberger Tagblatt, ewig schon. Und es gibt noch eine dritte Seite: Kas als Strecken- und Stadionsprecher. 18 Jahre amtierte er beim Ski-Weltcup in Garmisch-Partenkirchen, seit 16 Jahren macht er den Job während der Biathlon-Woche in Ruhpolding. Und erstmals wurde er auch für Eisschnelllauf verpflichtet. In Inzell ist vom 7. bis 10. Februar die Weltmeisterschaft. Der Auftrag an Kas: Es soll rund ums Eisoval so stimmungsvoll zugehen wie in der Chiemgau Arena neben Loipe und Schießstand.

Was er macht, macht Kas mit Leidenschaft. Beim Radio wurmt ihn ein wenig, „dass ich nach zwei Minuten zurückgeben muss“. Hingegen so ein Weltcup, der ist das große Format. Kas: „In Ruhpolding wird dreieinhalb Stunden vor dem Start das Stadion geöffnet, eineinhalb Stunden davor ist es voll.“ Seine Aufgabe ist es, „24 000 Menschen zu führen“. Mit Begrüßungen, mit Gewinnspielen, später geht es darum, für Interaktion mit dem Wettkampfgeschehen zu sorgen.

Vor seiner Zeit in Ruhpolding gab es auch schon Streckensprecher. Sie waren nüchterne Fachleute aus der Biathlonszene, sie beschränkten sich auf begleitende Moderation: „An Schießstand zwei Uschi Disl . . . ein Fehler. An Schießstand vier . . .“ Vom Bürgermeister kam dann der Wunsch, es müsste mehr sein als das.

In Garmisch-Partenkirchen war Karlheinz Kas im Jahr nach dem tödlichen Unfall der österreichischen Abfahrerin Ulrike Maier (1994) angetreten. Organisationschef Peter Fischer sagte zu ihm: „Kasi, mach es so, wie du es für richtig hältst.“ Auch in Ruhpolding erlässt man für ihn keine Vorschriften. „Es hat sich noch nie jemand beschwert, kein Ski-, kein Biathlon-Verband“, so Kas.

Als Kommentator an der Strecke würde er es sich nicht erlauben, etwa die Doping-Vergangenheit eines Athleten wie des Russen Loginow zu thematisieren. Es zählt das Positive. Als Laura Dahlmeier neulich im Verfolgungsrennen als Letzte einlief, zählte er flankierend ihre bisherigen Erfolge in dieser Arena auf – und schloss mit einem „Laura, wir danken dir!“ Jubel auf den Tribünen. Kas: „Wir haben die Laura ins Stadion reingeblasen.“

Zum Wir gehört DJ Lumpi. Das ist der Künstlername von Alexander Klammer, von Beruf Beamter bei der Marktgemeinde Prien am Chiemsee. Ein Weltcup mit Lumpi und Kasi ist Disco, Entertainment, die Leute sollen auch lachen können. Kas sagte mal bei der Staffel: „Deutschland greift Russland an.“ Was für ein Satz, wenn man ihn isoliert betrachtet: „Ich war damit in den Faschingszeitungen.“

Karlheinz Kas findet: „Es ist nötig, dass man das Ereignis pusht.“ Im Sommer ist er – sein Sohn Christopher war Tennisprofi, ist nun Trainer – immer Zuschauer beim ATP-Turnier in Kitzbühel. Auch dort sei jede Ansprache feurig. Professionelles Entertainment. Nur dadurch würden die Leute den Eindruck bekommen: Sie erleben ein Event.

Einen Weltcup, der einmal im Jahr am Ort gastiert, oder ein WM-Turnier, das alle heilige Jahre stattfindet, kann man zum Event stilisieren. Doch wie ist das im Ligenspielbetrieb? Will man jede Woche Einmaligkeit erleben?

Manche Sportarten streben das an. Im Volleyball ist es klar definiert: „Aufgabe von Hallensprecher und Discjockey ist es, eine unverwechselbare Atmosphäre in der Spielhalle zu erzeugen“ – in der ersten Liga in Deutschland verpflichtend. Vorbei die Zeit der „altgedienten Vereinsmitglieder, die aus einer verglasten Kabine hoch oben auf der Haupttribüne mit der Leidenschaft eines Buchhalters Mannschaftsaufstellungen verlesen und Torschütze und neue Spielstände ansagen.“ Der Verband bietet seinen Clubs sogar „Inhouse-Schulungen“ durch Unterhaltungs-Fachkräfte an.

Auch im Basketball ist der Hallensprecher Mitwirkender, der mit dem Anstimmen des „Defence“-Schlachtrufs die Abwehrarbeit des Teams unterstützt. Man stelle sich das im Fußball vor. „Abwehrarbeit“ – und die Leute klatschen rhythmisch.

Im Eishockey gilt, dass das Rahmenprogramm – Vorstellung der Spieler, Einlauf und im Siegesfalle die Feier danach – peppig sein darf. Doch wenn das Spiel läuft, gilt das Reinheitsgebot. „Alle Durchsagen und Ansagen haben neutral und ohne Provokation gegenüber den Mannschaften und Offiziellen zu erfolgen.“ Bei Verfehlungen reagiert die Deutsche Eishockey-Liga mit Strafen. Der Münchner Sprecher Stefan Schneider wurde fällig, weil er Straubing mehrmals „Straubingen“ nannte. In Frankfurt wurde 2017 Ansager Rüdiger Storch gesperrt, weil er den Torwart von Gegner Huskies als „präsentiert von unserem Partner Orion“ vorgestellt hatte. Anlass: Ein privat gedrehter Porno besagten Torhüters war im Internet aufgetaucht.

Was erlaubt ist: Musikeinspielungen, Spielchen wie die „Kiss Cam“, mit der nebeneinandersitzende und offensichtlich verbandelte Zuschauer aufgefordert werden, einander zu küssen. Oder die „Bongo Cam“ für eine imaginäre Trommeleinlage.

Der Fußball hat sich von den Ablenkungen während des Spiels noch nicht vereinnahmen lassen. Wobei einer die Grenzüberschreitung schon antestet: der schrille Leipziger Stadionsprecher Tim Thoelke. Wenn er Torschützen und Spielstände feiert, tanzt er im roten Sakko die Seitenlinie entlang.

Handballartig.

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