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"Teilweise unter der Respekt-Grenze"

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Was bedeutet der Sieg gegen die USA für Sie persönlich und für Ihre Arbeit in den Wochen bis zum WM-Start?

Klinsmann: "Für uns ist der Sieg natürlich wichtig, um mit dieser jungen Mannschaft, die ja noch im Umbruch ist, ruhiger arbeiten zu dürfen und in Ruhe die Vorbereitung zu planen. Was sich in den vergangenen Wochen abgespielt hat, war teilweise unter der Respekt-Grenze von einigen Medien. Wir haben auch gelernt, wo die Leute sitzen, die uns nicht so wohl gesonnen sind. Deshalb hat uns dieses Ergebnis gut getan, weil wir jetzt gezielt weiter arbeiten können, ohne dass uns immer wieder Knüppel zwischen die Beine geschmissen werden."

Hat Ihnen die Kritik nach der Italien-Pleite auch geholfen? 

Klinsmann: "Die Kritik war sicher berechtigt im sportlichen Bereich. Damit haben wir uns auch auseinander gesetzt, das haben wir analysiert, das war eine Lektion. Aber viele dieser Einwürfe von bestimmten Medien hatten mit dem Spiel in Italien überhaupt nichts mehr zu tun. Da wird Politik gegen einen gemacht, die zu weit geht und respektlos ist, die versucht, Stimmung zu machen beim Publikum. Das hat nichts mit der Arbeit zu tun. Wir haben 20 Monate konzentriert gearbeitet."

Welche Schlussfolgerungen ziehen Sie daraus?

Klinsmann: "Man lernt die Leute kennen, mit denen man die nächsten zwei, drei Monate arbeiten muss oder auch nicht. Die Mannschaft hat einfach einen unglaublich guten Teamgeist gezeigt, Charakter gezeigt und reagiert: Was jetzt auf uns eingeprasselt ist, das lassen wir uns nicht bieten. Die Truppe war bis in die Haarspitzen motiviert. Das hat Spaß gemacht, weil eine Identifikation da ist im gesamten Kreis Nationalmannschaft. Diese Identifikation untereinander und für unser Land, die kann uns keiner nehmen."

Im öffentlichen Mittelpunkt hatte auch Bastian Schweinsteiger gestanden. Wie sind Sie mit ihm umgegangen?

Klinsmann: "Die Gruppe hat sich sehr um Basti Schweinsteiger gekümmert. Was auf ihn eingeprasselt ist, ist auch jenseits von Gut und Böse. Wir haben unglaublich viel Talente in dem Land, nicht nur die, die heute gespielt haben. Nur müssen wir aufpassen, uns die eigenen Talente nicht kaputt zu machen. Wenn es so weiter gegangen wäre - jetzt wird es nicht der Fall sein durch das Resultat - hätten wir die Weltmesiterschaft riskiert nur durch puren Pessimismus und die negative Aggressivität, die von gewissen Leuten gekommen ist. Das kann keine Mannschaft verkraften, die viele 20- und 21-Jährige hat."

Wie sind Sie persönlich mit Ihrer Situation umgegangen?

Klinsmann: "Natürlich war das nicht angenehm, was sich die letzten Wochen abgespielt hat. Aber Kritik ist ein Teil des Jobs. Ich habe ein sehr stabiles Umfeld, eine wundervolle Familie in Kalifornien, die mir sehr viel Energie gibt und bei der ich immer wieder auftanken werde. Und ich habe viel Spaß an der Arbeit mit den Jungs und dem Stab an Leuten, weil wir uns identifizieren mit der Aufgabe. Das ist etwas ganz Besonderes, diese Mannschaft zur WM führen zu dürfen. Das erfüllt mich mit viel Stolz und Ehre."

Wie kommentieren Sie den Spielverlauf beim 4:1 gegen die USA?

Klinsmann: "Nachdem wir die Tore in der ersten Halbzeit nicht machen konnten, haben wir in der Pause gesagt, wir müssen die Dinge einfach herbeizwingen. Dass es dann gleich geklappt hat mit dem Tor von Bastian Schweinsteiger, war natürlich angenehm. Wir haben von 43-3 zur Halbzeit auf ein 4-4-2 gewechselt, weil wir vorne von den Amerikanern nicht die Räume bekommen haben. Das haben wir erkannt. Sicher ein schönes Resultat für uns, und vor allem, wie die Tore dann entstanden sind, das hat Spaß gemacht."

Wie ordnen Sie dieses 4:1 nun ein?

Klinsmann: "Wir wissen, dass dieses 4:1 kein Grund ist für Euphorie. Es ist einfach ein Stück Selbstvertrauen, das viele jetzt in ihre Clubs mitnehmen. Dann wissen wir, dass wir viel Arbeit haben in der WM-Vorbereitung. Wir können es gut einschätzen, ob es eine 1:4-Niederlage ist oder ein 4:1-Sieg. Wir haben immer die Balance gehalten."

Aufgezeichnet von Jens Mende, dpa

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