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Höhepunkt eines aufregenden Jahres: Florian Mayer nach seinem Turniersieg in Halle.

Interview

Tennisprofi Florian Mayer: „Etwas Besseres wird dir nicht mehr passieren“

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München – Deutsche Tennisspieler haben 2016 große Geschichten geschrieben. Tennisprofi Florian Mayer spricht im Interview über sein Comeback. 

Bei den Frauen stieg Angelique Kerber steil auf, bei den Männern der junge Alexander Zverev. Aber noch ein weiterer DTB-Profi machte spektakulär auf sich aufmerksam. Im Juni gewann Florian Mayer (33) das Rasenturnier von Halle. Der langjährige Davis Cup-Spieler, der zweimal im Viertelfinale von Wimbledon stand, war erst im April aus einer langwierigen Verletzungspause wegen einer Schambeinentzündung und einer Adduktorenblessur zurückgekehrt. In Halle besiegte er im Finale den jungen Zverev. In der Weltrangliste steht Mayer, der seit vielen Jahren in Oberhaching trainiert, mittlerweile wieder auf Platz 50.

Herr Mayer, Ihre Saison dauerte nur sieben Monate, der erste Gegner hieß Farrukh Dustov, der letzte Uladzimir Ignatik. Klingt nicht spektakulär. War es trotzdem Ihr aufregendstes Jahr als Profi?

Ja, neben 2011 mit dem Wimbledon-Viertelfinale und meinem ersten Titel in Bukarest war es das definitiv. Vor allem in diesem Alter. Der Sieg in Halle überstrahlt natürlich alles. Ich habe außerdem zwei Challengerturniere gewonnen, insgesamt drei Turniere auf drei unterschiedlichen Belägen. Für den kurzen Zeitraum, den ich gespielt habe, war das sehr, sehr erfolgreich.

2008 mussten Sie schon mal eine lange Pause einlegen, damals wegen einer Handgelenksverletzung. Comebacks beherrschen Sie offensichtlich. Welches war schwerer?

Das letzte, eindeutig.

„Es ist alles sehr oberflächlich“

Wegen der Verletzung oder wegen des Alters?

Eher wegen des Alters. Die Konkurrenz ist mittlerweile so stark geworden. Damals, bei der ersten Pause, war ich 25, da ging es natürlich einfacher. Da wusste ich, wenn ich auf ein Challenger fahre, bin ich einer der Besten. Jetzt bin ich total überrascht und auch fasziniert, wie hoch das Level geworden ist. Selbst auf einem Challenger. Alle spielen schneller, härter, sind fitter. An einem schlechten Tag verliert man da gegen jeden. Das ist einfach so.

Ist es da ein Vorteil, wenn das Spiel wie bei Ihnen eher von der Finesse geprägt ist? Als junger Wilder muss man damit erst mal klarkommen.

Auch, ja. Aber inzwischen ist es auch so, dass ich zum Beispiel in Halle Matches gewonnen habe durch meinen Aufschlag. Das muss man heute. Nur noch mit Schönspielen, variantenreich, Slice, Stopp hat man auf schnellen Belägen keine Chance.

Wie haben Sie die Auszeit aufgrund der Schambeinentzündung konkret genutzt?

Ein halbes Jahr war ich komplett weg vom Tennis und habe mich auch kaum dafür interessiert. Das hat mal richtig gutgetan. Ich habe endlich die Dinge gemacht, die ich nie machen konnte und schon immer machen wollte. Bin viel gereist, habe tolle Orte kennen gelernt, viel Zeit mit Freunden und meiner Freundin verbracht.

Welche tollen Orte waren das?

Norwegen zum Beispiel. Oder Patagonien. Als ich schmerzfrei war, habe ich mit dem Mountain Bike zwei Alpen-Überquerungen gemacht.

Außenstehende glauben ja immer, Tennisprofis würden so viel von der Welt sehen. Von Reisen im klassischen Sinne kann aber keine Rede sein.

Das ist etwas ganz anderes. Man kommt an und kann vielleicht mal gemütlich einen Cappuccino trinken. Aber sonst? Flughafen, Hotel, Klamotten packen, direkt zur Anlage, trainieren – das ist ein ganz anderer Trubel.

Würden Sie von sich behaupten, dass Sie Städte wie London, Paris oder New York, wo Sie zehn-, zwölfmal waren, wirklich kennen?

Ich kenne sie ein bisschen. Ich muss ehrlich sagen, ich bin kein Fan von Riesenstädten. Paris und New York gefallen mir beide nicht so. Ich bin lieber da, wo es ruhig ist, wo Natur ist. Da gefällt es mir deutlich besser als in der Hektik. Vor allem New York, die Luft, dieses Pulsierende – das ist nicht so meins.

Sie haben die Verletzungspause auch zu einer Ausbildung genutzt.

Ich habe eine Ausbildung zum Fitness Personal Trainer gemacht. Einfach weil es mich interessiert hat und auch, um etwas anderes zu machen.

Wenn man selber einen sensiblen Athletenkörper hat, wird das Lernen doch bestimmt leichter.

Natürlich. Ich hatte ein gewisses Vorwissen. Aber man muss dann zum Beispiel auch lernen, wo die verschiedenen Muskeln ansetzen. Das war für mich neu.

Wie nah war in dieser Zeit der Gedanke ans Karriereende?

Er war noch nicht da. Ich wusste, ich will noch mal spielen. Ich hatte noch genug Protected Rankings (Anm. d. Red.: sie erlauben Spielern, nach einer Verletzung eine bestimmte Anzahl von Turnieren mit der alten Ranglistenposition zu bestreiten), wollte die großen Turniere noch mal spielen, Wimbledon vor allem und die deutschen Turniere. Aber klar habe ich mir Gedanken gemacht. Ich wusste, wenn ich es dieses Jahr nicht geschafft hätte, wieder an die Top 100 heranzukommen, dann hätte es schon gut sein können, dass ich aufgehört hätte.

Gab es schon einen Plan B, auch aufgrund der Ausbildung?

Noch nicht so richtig. Ich bin eher der Typ, der ein Kapitel erst abschließen möchte, ehe er etwas Neues anfängt. Jetzt, wo ich wieder spiele, kann ich mir auch gar nicht mehr so viele Gedanken darüber machen, weil dieses Leben sehr anstrengend ist mit dem Training und den Reisen.

Wenn man Ihren Namen googelt, stößt man auf Geschichten, die entweder vom Zurückkommen handeln oder vom drohenden Abschied. Verletzungsbedingt gab es wenig Konstanz. Ist dieses Comeback für Sie ein letzter Versuch?

Das kann man nicht sagen. Gerade im Moment ist es so gut wie lange nicht mehr. Ich habe gut trainiert, fühle mich topfit und weiß mittlerweile auch viel mehr zu schätzen, was ich am Tennis habe. Dass es ein Privileg ist, dass ich mein Hobby zum Beruf gemacht habe, dass man viel Geld verdient und dass es schön ist, vor 10 000 Leuten zu spielen. Deshalb werde ich versuchen, das auszukosten, so lange es geht. Wenn ich mit ehemaligen Spielern rede, sagen alle das Gleiche: „Spiel, solange du kannst. Etwas Besseres wird dir im Leben nicht mehr passieren.“ Nächstes Jahr werde ich auf jeden Fall noch voll spielen und dann von Jahr zu Jahr schauen. Ausschließen möchte ich gar nichts.

Nach Ihrer Handverletzung 2008 klangen Sie ähnlich, da wussten Sie die Vorzüge des Profilebens auch stärker zu schätzen als vorher. Verstellen ein paar Jahre auf der Tour den Blick auf die schönen Seiten des Alltags?

Ja, man stumpft ein bisschen ab. Es ist alles sehr oberflächlich, auch die Leute. Es ist eine eigene Welt, diese Tennisszene. Es ist immer mal wieder gut, da raus zu kommen.

Tennisspieler haben alle einen Tunnelblick. Was rechts und links geschieht, nehmen sie kaum wahr.

Man muss als Einzelsportler egoistisch sein. Ich denke, im Teamsport ist es anders. Deshalb ist es für mich immer schön gewesen, Davis Cup oder Bundesliga zu spielen.

Ihr Schlüsselerlebnis in diesem Jahr war das Turnier in Halle, das Sie völlig überraschend gewannen. Hat diese Woche alles verändert, Ihre ganze Sichtweise, oder war es einfach nur ein gutes Turnier?

Beides. Es war ein herausragendes Turnier, wo auch endlich mal alles zusammengepasst hat. Ich hatte auch in der Vergangenheit Turniere, bei denen sich plötzlich ein Feld geöffnet hat, ich es dann aber nicht nutzen konnte. Diesmal habe ich es genutzt.

In der zweiten Runde konnte Ihr favorisierter Gegner Kei Nishikori wegen einer Verletzung nicht spielen. Damit ging es los.

Wenn ich ihn geschlagen hätte, dann wahrscheinlich am ehesten auf diesem Belag. Dass dann Federer im Halbfinale verlor, war für mich wahrscheinlich auch besser. Dominic Thiem, mein Halbfinalgegner, war ein bisschen müde. So lief alles zusammen. Ich wusste es, ich habe es schon gespürt ab dem Viertelfinale: Das könnte mein Turnier werden. Ich habe mir gesagt: „Wenn du das schaffst, wenn du das hier gewinnst, gibt es so viele Punkte, so viele Möglichkeiten eröffnen sich.“ Und das habe ich dann auch getan. Da bin ich mit einem Turnier auf Rang 80 zurück. Danach noch zwei Challenger gewonnen, jetzt auf Rang 50 – damit bin ich nächstes Jahr bei fast jedem 500er und 1000er-Turnier so gut wie sicher im Hauptfeld.

Und bis Ende April haben Sie keine Punkte zu verteidigen.

Daran darf ich gar nicht denken und mir keinen Druck machen. Aber natürlich ist die Ausgangsposition optimal. Es spricht auch nichts dagegen, in den ersten Monaten so viele Punkte zu machen, dass ich wieder unter den ersten 40 stehe.

Nach dem Finale haben Sie gesagt, das letzte Aufschlagspiel sei das schwerste Ihrer Karriere gewesen.

Ich war ja vorher noch nie in so einer Situation, dass ich bei einem 500er-Turnier zum Match serviere. Ich stand mal in Hamburg im Halbfinale, in Peking, aber sonst war ich noch nie so weit bei so einem großen Turnier. Und dann noch in Deutschland. Ich weiß gar nicht mehr, was ich in diesem Finale so gedacht habe. Ich wollte es einfach nur genießen. Und wie es dann auch lief, mit dem gewonnenen ersten Satz und dem vergebenen Matchball im zweiten, das war so emotional, wie im Film. Da denke ich noch oft dran.

In München und Stuttgart mussten Sie, anders als in Halle, durch die Qualifikation. War es für Sie enttäuschend, dass man Ihnen als verdientem Profi keine Wildcard gegeben hat?

In München war es so geplant, weil es erst mein zweites Turnier nach der Rückkehr war. Ich wollte Matches bestreiten. Am Ende war ich etwas enttäuscht, weil Jan-Lennard Struff und Dustin Brown ins Hauptfeld gerutscht sind und zwei Wildcards frei wurden. Das fand ich ein bisschen unglücklich, weil ich gleich vor der Haustür wohne. Und klar, in Stuttgart und Halle (Anm.: wo er dank seiner geschützten Ranglistenposition direkt ins Hauptfeld gelangte) war es ein bisschen blöd, da man ja weiß, welche Erfolge ich auf Rasen schon hatte. Aber vielleicht hat mich das auch zusätzlich angestachelt.

Werden Sie manchmal übersehen, weil Sie als Typ eher ruhig sind?

Glaube ich schon. Da heißt es dann: „Der Flo, der war so lange verletzt, da soll er lieber Quali spielen.“

Fehlt Ihnen in dieser Branche, wo Egoismus eher förderlich ist, manchmal das Knallharte, Fordernde?

Ja, ich weiß schon, es fehlt. Aber ich habe mich da auch ein bisschen geändert. Ich denke inzwischen egoistischer und mache nur noch die Dinge, die mir guttun, und versuche nicht mehr, anderen einen Gefallen zu tun. Das bringt auf Dauer nichts.

Wenn alles passt wie in Halle, ist bei Ihnen sehr viel möglich. Gilt das umgekehrt auch: Kann Ihr Spiel aus den Fugen geraten, wenn sich ein widriger Einfluss einschleicht?

Das ist leider so. Wenn die Bedingungen nicht so stimmen oder ich mich nicht so wohlfühle, in New York zum Beispiel, dann kann es bei mir so ausschauen, als würde ich sehr schlecht spielen. Das weiß ich auch. Das schaut manchmal blöd aus, mich ärgert das selber.

Bei US-Turnieren sind Sie generell erfolgloser als in Europa oder Asien.

Das ist einfach nicht meins. Vor allem im Sommer mit der hohen Luftfeuchtigkeit. Da fühle ich mich nicht so wohl.

Haben Sie in dieser Hinsicht resigniert oder versuchen Sie weiter, dagegen anzukämpfen?

Ich versuche, meinen Turnierplan entsprechend zu gestalten. Von den beiden großen 1000er-Turnieren im Frühjahr, Indian Wells und Miami, spiele ich zum Beispiel nur eins. Das teile ich mir schon ein.

Beim Thema Anspannung landet man unweigerlich beim Davis Cup. Sie haben immer gerne gespielt, im September nach dem Klassenerhalt gegen den krassen Außenseiter Polen, als sie ein Einzel zittrig gewannen und das zweite verloren, aber den Rücktritt erklärt. Warum?

Best-of-five-Matches zu spielen, zwei an einem Wochenende, ist für mich sehr hart. Mit der ganzen Anspannung im Davis Cup ist es auch noch mal etwas anderes. Ich bin jetzt in einem Alter, wo ich die Punkte für meine Einzelkarriere brauche und mir die Turniere einteilen muss. Ich weiß, durch den Davis Cup verliere ich mindestens zwei Wochen. Das kann ich mir kaum noch erlauben. Ich habe da immer gerne gespielt. Aber für mich persönlich war es die richtige Entscheidung, es nach dem Spiel bekannt zu geben.

„Ich kann nicht mehr sechs Stunden ackern“

War die Belastung eher physisch oder mental?

Der Druck, gewinnen zu müssen, war schon groß. Die Polen hatten ja wirklich nichts zu verlieren. Da habe ich mir selber sehr viel Druck gemacht. Das war schon auch ein Kopfproblem.

Ihre Gegner Hubert Hurkacz und Kamil Majchrzak kannte man auf der Tour noch nicht sehr gut.

Ich auch nicht. Dazu kam: Ich wusste, es wird mein letzter Davis Cup, und wollte unbedingt gut spielen. Das ging dann so ein bisschen nach hinten los.

Wann geht es für Sie jetzt los mit der Saison?

Am 28. Dezember fliege ich nach Doha. Dann geht es weiter nach Sydney, dann nach Melbourne. Momentan ist es super. Ich kann verletzungsfrei trainieren, drei bis vier Stunden am Tag. Zwei, zweieinhalb Stunden Tennis, eine Stunde Kondition, Physio, Körperpflege. Das ist genau das Pensum, das ich brauche. Ich kann nicht mehr wie früher sechs Stunden am Tag ackern, von Montag bis Freitag. Das schafft mein Körper nicht mehr. Lieber mit 100 Prozent Qualität trainieren und dafür nicht mehr so lang.

Die Begleiterscheinungen, die Sie früher genervt haben, vom ewigen Taschenpacken bis zum Reisen, haben ihren Schrecken verloren?

Ja. Deshalb will ich mir die Zeit ja künftig auch einteilen und nicht mehr hektisch 30 Wochen im Jahr spielen. Sondern mir wirklich Pausen gönnen. Ich will 2017 die ersten zwei Monate richtig viel spielen und dann Anfang März wieder einen Urlaub einlegen. Indian Wells wahrscheinlich weglassen und danach Miami spielen. Und danach sind eh wieder zwei, drei Wochen Pause bis zur Sandplatzsaison.

Sehen Sie jetzt, wo Sie ausgebildeter Personal Trainer sind, auf diesem Gebiet Ihre berufliche Zukunft, wenn mit dem Tennis irgendwann Schluss ist?

Ich habe viele Gedanken im Kopf. Aber ob es jetzt wirklich das wird, weiß ich noch nicht.

Sind es eher Tennisjobs, die Sie interessieren.

Nicht nur.

Sie hätten aus Ihrer Karriere, mit all den Erfolgen und Brüchen, sicher einiges zu erzählen.

Absolut. Ich gebe das auch gerne weiter. Aber weiterhin 25, 30 Wochen auf der Tour zu reisen, das kann ich mir nicht vorstellen.

Das Gespräch führte Marc Beyer

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