Rittner lächelt
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Die Chefin: Barbara Rittner gibt im Frauen-Tennis den Ton an.

Barbara Rittner im Interview

Düstere Tennis-Zukunft in Deutschland? DTB-Chefin erklärt, was bei ihren Damen schief läuft

  • vonDaniel Müksch
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2021 läuft für das deutsche Tennis bisher durchwachsen. DTB-Frauen-Chefin Barbara Rittner (47) befürchtet, dass es im Laufe des Jahres sogar noch schlimmer kommen könnte.

Frau Rittner, Sie haben schwierige Phasen für die deutschen Damen vorhergesagt. Hätten Sie gedacht, dass sich Ihre seherischen Fähigkeiten schon Anfang 2021 bestätigen?
Das konnte man kommen sehen. Bei den Australian Open* sind verschiedene Umstände zusammengekommen. Etwa Pech bei der Auslosung oder die Quarantäne-Bedingungen. Mit dem Ergebnis, dass nur Mona Barthel die zweite Runde erreicht hat. Es kann passieren, dass wir im Laufe der kommenden Jahre bei einem Grand Slam* nur ein oder zwei Damen überhaupt im Hauptfeld haben. Warten wir es ab.
Angelique Kerber hatte in Australien mit der Quarantäne zu kämpfen. Auf der anderen Seite war Jennifer Brady in derselben Situation, stürmte aber bis ins Finale. Was hat sie besser gemacht?
Für Brady lief das Turnier fast perfekt. Sie hat beispielsweise bis zum Finale keine Spielerin aus den Top 20 schlagen müssen. Das soll ihre Leistung überhaupt nicht schmälern. Sie hat die Quarantäne mental hervorragend gemeistert und versucht, sich auf das Positive zu fokussieren und Negatives nicht an sich heran zu lassen. Angie hatte eine hervorragende Vorbereitung absolviert. Dann musste sie zwei Wochen im Hotelzimmer verbringen. Sie war und ist topfit. Ich hatte jedoch das Gefühl, dass sie sich kurz vor Turnierbeginn zu sehr unter Druck gesetzt und ihre Lockerheit verloren hat. Zudem steckt man mit 33 Jahren die Umstände körperlich nicht mehr so leicht weg, wie eine Brady mit Mitte Zwanzig.
Jennifer Brady wird vom Deutschen Michael Geserer trainiert. Ein bewusster Schritt, um ihre Komfortzone zu verlassen, sagt sie. Fehlt dem deutschen Nachwuchs dieser Mut?
Das darf man nicht pauschalisieren, aber teilweise trifft es wohl schon zu. Die Generation um Angelique Kerber, Andrea Petkovic oder Julia Görges hatte diesen Mut, sehr konsequent auch mal neue Wege zu gehen.
Im Gegensatz zu den Spielerinnen danach?
Wenn ich mir die Generation danach anschaue, so kann man mit etwas Abstand feststellen, daß sie an einem bestimmten Punkt nicht bereit waren diese neuen oder anderen Wege zu testen. Ich habe ihnen oft geraten: „Geht doch mal ins Ausland, probiert mal etwas Neues aus!“ Ich kann aber nur Vorschläge machen. Den Schritt muss die Spielerin von sich aus gehen. Ihnen fehlte das Durchhaltevermögen und die Leidensfähigkeit von der „goldenen Generation“ aus Kerber, Petkovic, Görges, wie ich sie wegen ihrer vielen Erfolge gerne nenne.
Was können wir von Kerber 2021 noch erwarten?
Sie hat weiter die Möglichkeit, um die großen Titel mitzuspielen. Sie braucht allerdings einige Matches, um sich wohl und sicher auf dem Platz zu fühlen. Kommt sie in einen Lauf von einigen gewonnen Begegnungen, kann Sie weiterhin jede Spielerin der Welt schlagen. Die Australian Open waren kein Gradmesser für die Leistungsfähigkeit von Angelique Kerber. Dazu muss sie erst wieder ihren Matchrhythmus finden.
Sie waren seit langer Zeit mal nicht vor Ort, sondern in München im TV-Studio.
Genau genommen das erste Mal seit exakt 30 Jahren. Seit 1991 war ich jedes Jahr vor Ort. Zunächst als Spielerin, ab 2005 dann als Teamchefin des DTB. Die Atmosphäre vor Ort in Melbourne hat mir sehr gefehlt. Wie auch die Sonne. Der deutsche Winter ist zwar ganz nett. Aber mit dem Januar in Australien kann er nicht mithalten. Dieses Privileg weiß ich jetzt noch mehr zu schätzen.
Kann Siegerin Naomi Osaka den Status einer Serena Williams erreichen?
Aktuell ist Naomi Osaka mit dem Trainer Wim Fissette an ihrer Seite gerade auf Hardcourt eine Klasse für sich. Trotzdem musste sie Matchbälle gegen Muguruza abwehren. Da hätte es früh für sie vorbei sein können. Es war kein Spaziergang. Hier spielt immer auch die Tagesform eine Rolle. Stand heute ist sie aber eine bessere Version von Serena Williams. Ob sie es über Jahre hinweg zeigen kann, das wird die Zeit zeigen.
So wie ein Djokovic, Federer oder Nadal bei den Herren.
Diese Spieler haben über knapp zwei Jahrzehnte extrem fokussiert für ihren Sport gelebt. Dass eine Osaka in einigen Jahren sagt: „Das war‘s für mich. Fünf Grand-Slam-Titel reichen mir. Jetzt kümmere ich mich um andere Dinge im Leben“, würde ich nicht ausschließen.
Kerber hat ebenfalls mit Wim Fissette zusammen gearbeitet. Mit dem Belgier Wimbledon gewonnen. War die Trennung ein Fehler?
Das kann ich nicht beurteilen. Aber beide Seiten werden ihre Gründe gehabt haben. Wim Fissette ist sicher ein hervorragender Coach, aber auch ein eigener Charakter. In Interviews betont er nun, dass er mit Naomi Osaka zum ersten Mal mit einem Weltstar zusammen arbeitet. Sorry – er hat Angie Kerber, Viktoria Azarenka und Kim Clijsters trainiert. Alle standen an der Spitze der Weltrangliste und haben Grand Slams gewonnen. Eine Aussage, die man diskutieren kann.
Osaka leuchtet über den Platz hinaus.
Absolut. Ihre Haltung finde ich großartig. Denn das muss man auch aushalten können. Der einfachere Weg ist es, sich nur auf den Sport zu konzentrieren und sich aus gesellschaftlichen Debatten herauszuhalten. So macht man sich nicht angreifbar. Osaka wählt bewusst einen anderen Weg und steht für ihre Überzeugungen ein. Das finde ich bemerkenswert.
Sie betonen immer wieder, dass zu viele Ablenkungen auf Talente einprasseln. Wie sozialen Medien. Aber stören diese den Nachwuchs in den USA oder Australien nicht genauso?Sie betonen immer wieder, dass zu viele Ablenkungen auf Talente einprasseln. Wie sozialen Medien. Aber stören diese den Nachwuchs in den USA oder Australien nicht genauso?
Der einen Mentalität schadet es aber mehr als der anderen. Ich glaube, wir Deutsche sind am besten, wenn wir ganz fokussiert auf ein Ziel hinarbeiten. US-Talente gehen mit diesen Ablenkungen lockerer um und verlieren nicht so leicht den Fokus. Ich beobachte bei unseren Trainingswochen immer wieder, wie oft Spielerinnen am Handy hängen. Diese Abhängigkeit finde ich bedenklich.
Was in Ihrer Karriere noch ganz anders war.
Ja. Und darüber bin ich sehr froh. Das ist unglaublich anstrengend und entzieht viel Kraft. Auf Instagram und Co. wird alles bewertet und kommentiert. Wie du aussiehst. Was du anhast. Wie du spielst. Die jungen Frauen werden anonym beschimpft. Damit kann nicht jede umgehen. Vielen Spielerinnen sage ich immer wieder: „Lies gar nichts, pack das Handy auch mal länger weg und konzentriere dich dann nur auf dich und dein Tennis.“ Dieser Zug ist jedoch schon abgefahren.
Alexander Zverev* ist in seine Komfortzone zurückgekehrt und vertraut wieder ganz auf seine Familie.
Schon, wobei er sich auch immer wieder Einflüsse von außen ins Team geholt hat. Sei es mit Ivan Lendl oder David Ferrer, der ja hauptsächlich wegen der Corona*-Pandemie nicht mehr als sein Coach arbeiten wollte. Eigentlich hat die Kombination sehr gut gepasst. Vielleicht finden die Beiden ja noch einmal zusammen. Ich glaube, da ist er schon offen. Oder er findet eine andere Lösung.
Zum Beispiel Boris Becker?
Das wäre ganz sicher eine interessante Zusammenarbeit. Aber so eine Entscheidung ist nicht ohne. Sie muss in die aktuelle Lebensplanung der Betroffenen passen. Das macht man entweder ganz oder gar nicht. Für beide Seiten muss es der perfekte Zeitpunkt sein.
Wird Zverev 2021 ein Grand-Slam-Turnier gewinnen?
Ob er in diesem Jahr eins gewinnt, weiß ich nicht. Dafür muss viel zusammen passen. Ich bin mir aber ganz sicher, dass er in seiner Karriere noch ein Grand-Slam-Turnier gewinnt. Er hat die Klasse, den Fleiss und die Einstellung. Ewig spielen Djokovic, Federer und Nadal auch nicht mehr. Spätestens dann sollte es soweit sein.
Der strahlende Superstar: Naomi Osaka mit dem Siegerpokal von Melbourne.

Das Interview wurde geführt von Daniel Müksch. *tz.de ist ein Angebot von IPPEN.MEDIA.

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