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Tiefrote Perspektiven

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- Calgary - Für den besten Moment des Abends gab es keine Punkte. Auf dem Weg zur Siegerehrung machten Maria Petrowa und Alexej Tichonow in der Mitte der Eisfläche halt, und bevor sie sich verbeugten, hob Tichonow die Partnerin mit leichter Hand hoch und drehte sich mit ihr im Kreis.

Auf die bekannt zärtlichen Gesten dieses überaus netten Menschen wird der Paarlauf in Zukunft verzichten müssen; mit Platz drei hinter den Chinesen Quing Pang/Jian Tong und Dan Zhang/Hao Zhang verabschiedeten sich die Russen vom großen Sport. Den kanadischen Zuschauern hätte es sehr gefallen, wenn die mit dem Weltmeistertitel belohnt worden wären, doch trotz der besten Kür des Abends fehlten ihnen knapp drei Punkte.

Tichonow fühlte sich dennoch wie ein Sieger. Für ihn sei die Bronzemedaille Gold wert, sagte er; sie hätten sich mit einer besonderen Vorstellung verabschieden wollen, das sei ihnen gelungen. Glückliche Sieger und glückliche Dritte, - dazwischen die Genossin Dan Zhang mit einem sehr schmalen, verschlossenen Gesicht. Die Olympia-Zweiten, über Turin hinaus bekannt geworden durch Dans brutalen Sturz, hatten nach dem Kurzprogramm in Führung gelegen. Doch ein Sturz von Partner Hao entschied die Angelegenheit zugunsten der einfühlsamer und ausdrucksstärker laufenden Landsleute.

Zum vierten Mal in Folge ließen Chinesen und Russen bei einer WM auf dem Podium für die anderen keinen Platz, und zum erstenmal belegte die neue Macht China die Plätze eins und zwei. Auf der Tribüne saßen Xue Shen und Hongbo Zhao, die vor sechs Jahren in Nagano den ersten Paarlauf-Titel für China gewonnen hatten und die sich nach den Olympischen Spielen eine Auszeit gönnen. Die haben bisher noch nichts von einem möglichen Rücktritt erwähnt, was für den Rest der Welt im nächsten Winter tiefrote Perspektiven verheißt.

Doch jetzt ist erstmal Schluss mit dem frostigen Winter 2005/2006, und bei kaum einem Paar ist die Erleichterung darüber größer als bei den deutschen Meistern Aljona Sawtschenko und Robin Szolkowy. "Ich bin froh, dass endlich alles vorbei ist", sagte Sawtschenko, als sie die erste Enttäuschung über ihre Kür mit drei groben Fehlern und Platz sechs überwunden hatte; Platz sechs wie in Turin.

Klein und verletzlich wirkte sie in diesem Moment. Dem letzten einer aufreibenden Saison, die mit so großen Hoffnungen begonnen hatte. Als das Paar Mitte Januar bei der EM in Lyon auf Platz zwei landete, sprach Trainer Ingo Steuer schon davon, die beiden könnten zu Legenden werden. Nun, ja. Robin Szolkowy, der im Gegensatz zu seinem Trainer und der Partnerin ein ausgesprochen ruhiger, unaufgeregter Zeitgenosse ist, fasst die Entwicklung so zusammen: "Bis zur EM haben wir unser Soll mit doppeltem Plus erfüllt. Aber danach ging's in den Keller. Leider haben wir es nicht geschafft, ein einziges fehlerfreies Programm zu laufen."

Aljona Sawtschenkos Missverständnis mit der Bundeswehr

Die Nachricht von der Stasi-Vergangenheit Steuers und alles, was daraus entstanden ist, hat auch die Läufer in eine Ecke gedrängt, in der es in den vergangenen Wochen keine neutrale, ruhige Position mehr gab. "Es war alles sooo schwer", sagt Sawtschenko. Sie folgte Steuer in eine Wagenburg, in der der Kontakt zur Außenwelt über den Grundsatz geregelt war: Wer nicht für uns ist, muss gegen uns sein.

Letztes Beispiel einer Kette von Fehldeutungen und mangelnder Kommunikation: Anfang März machte die Meldung die Runde, die Läuferin habe es abgelehnt, zur sozialen Absicherung in eine Sportfördergruppe der Bundeswehr zu wechseln.

Begründung: Sie sei als Eiskunstläuferin aus der Ukraine nach Deutschland gekommen und nicht als Soldat. "Natürlich wollte ich zur Bundeswehr", versichert Sawtschenko. In einem psychologischen Test sei sie gefragt worden, ob sie sich vorstellen könne, eine Waffe in die Hand zu nehmen, und da habe sie eben gesagt, sie sei nicht gekommen, um Soldat zu sein. Da fragt man sich natürlich, ob sich nicht irgend jemand hätte finden lassen, der Sawtschenko auf die Tücken einer solchen Befragung vorbereiten kann.

Wie es mit dem Paar und Ingo Steuer weitergehen wird, hängt von den Gesprächen des Trainers mit der Deutschen Eislauf-Union ab; zuletzt herrschte Funkstille, und wenn geredet wurde, dann war Steuers Anwältin dabei. Robin Szolkowy sagt: "Es ist wichtig, dass alles wieder so wird wie früher. Aber ich bin Optimist." Wenigstens einer; das ist schon mal ein Anfang.

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