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Ländliches Ambiente - und Roth ist stolz darauf. Und die Athleten kommen auch, weil‘s familiär zugeht.

Wie Roth zur Triathlon-Weltstadt wurde

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Das Sportereignis in Bayern, das die meisten Zuschauer anzieht? Kein Motorsportevent, kein Fußballspiel. Es ist der Langstrecken-Triathlon im fränkischen Roth, der diesen Sonntag wieder steigt. Wie es eine durchschnittliche Kleinstadt schaffte, zum Mythos zu werden.

Die eine Geschichte, die erklären könnte, wie Roth, eine durchschnittliche Kleinstadt in Mittelfranken, zum Weltbegriff im Triathlon werden konnte, gibt es nicht.

Es gibt viele Geschichten, und aus Felix Walchshöfer sprudeln sie nur so heraus.

Da wäre – passend zur Austragung 2017 an diesem Sonntag – die einer Beziehung. Sie geht so: Drei Zeitschriften hatten sich 2016 zusammengetan, eine Staffel gebildet und die Plätze für die drei Strecken (3800 Meter Schwimmen, 180 Kilometer Radfahren, 42,195 Kilometer laufen) über ein kleines Casting vergeben. Die Teilnehmer kannten sich bis zum Wettbewerb nicht. Und was passierte? Schwimmerin und Läufer verliebten sich ineinander. Sie haben sich im Büro von Triathlon-Geschäftsführer Felix Walchshöfer gemeldet. Frage: „Können wir diesen Samstag in Roth heiraten?“ Walchshöfer kontaktierte den Bürgermeister, und der sagte: „Diese Trauung übernehme ich gleich selbst.“ Wie die Verehelichung dann gefeiert wird? Am Sonntag starten die frisch Vermählten – ein jeder über die volle Distanz.

Oder diese Anekdote vom vorigen Jahr: Ein Hamburger und ein Bremer Teilnehmer waren im Nachbarort im Supermarkt einkaufen. Auf dem Parkplatz sprach sie eine Dame um die 70 an. „Ihr seid doch Triathleten. Wo übernachtet ihr?“ Die beiden Norddeutschen hatten sich auf einem der Campingplätze eingebucht. Die Dame fand, da könne man nicht ausreichend ausgeruht in den strapaziösen Wettkampf gehen. „Nichts da, ihr übernachtet bei mir.“ Felix Walchshöfer: „Sie hat die Triathleten vom Supermarktparkplatz weg verhaftet.“

Und noch eine dritte Geschichte, die aufzeigt, wie wirklich alle am Ort sich engagieren. Entlang der Strecke gibt es 17 „Stimmungsnester“, wie die Organisatoren sie nennen. Bespielt werden sie von den Vereinen, die auch was verkaufen und die Einnahmen für sich behalten dürfen. Erstmals mit dabei sein wird die türkische Gemeinde. Sie bietet das Süßgebäck Baklava an und Tee dazu, direkt vor ihrer Moschee.

Roth ist klein. 20 000 Einwohner. Nicht unschön mit einigen Fachwerkhäusern in der Fußgängerzone und einem Schloss, aber auch nicht spektakulär. Und dennoch ist Roth weltberühmt. Ein Markenname. Roth ist Triathlon. Wie sonst nur Hawaii. Man kann es nach Kontinenten aufteilen: In Amerika steht Hawaii für das Einmal-muss-ich-dabeigewesen-sein, in Europa ist es Roth.

Ausgebuchtin 40 Sekunden

Jahrzehntelang lebte der Ort davon, Garnisonstadt zu sein. Die Kaserne der Luftwaffe gibt es zwar immer noch, aber sie trägt die Region nicht mehr. Zuletzt diente sie als Unterkunft für Flüchtlinge. Schon Mitte der 80er begann das mit Roths zweitem Bekanntheits-Standbein: dem Triathlon. Anfangs für ein paar Freaks aus dem TSV Roth und dem SC Roth, die ein jeder eine Abteilung für diesen Ausdauer-Dreikampf unterhielten. Die Veranstaltung wurde schnell groß.

Wer in diesen Zeiten versucht, sich anzumelden, der braucht fast schon Lotto-Glück. „Wir sind innerhalb von 40 Sekunden ausgebucht“, verrät Carin Dennerlohr, die Marketingchefin. Die Internetanmeldung wird eine Woche nach dem Rennen freigeschaltet, beim letzten Mal waren 36 000 User gleichzeitig auf dem Server, hatten alles ausgefüllt, um nur noch den Absenden-Knopf zu drücken. Doch es gibt – in Einzelwettbewerb und Staffel – halt nur 5500 Startplätze. „Wir könnten zwanzig oder dreißig Mal ausverkaufen“, sagt Felix Walchshöfer. Teilnehmer haben auch schon angeregt, den Triathlon an zwei Wochenenden nacheinander zu veranstalten. Abgelehnt: Der Triathlon soll seine Besonderheit bewahren.

Der von Roth ist ein Familienunternehmen. Der inzwischen verstorbene Vater von Felix Walchshöfer und seine Mutter waren die erste Generation, Alice Walchshöfer hat einen Schreibtischstuhl, auf dem „Queen Mum“ steht. Frontmann ist nun Felix, selbst Triathlet auf der Langdistanz. Auch seine Schwester Kathrin ist eingebunden. Die Familie wuppt die Organisation mit ein paar Angestellten. Und mit 7000 freiwilligen Helfern aus Ort und Region, die nach fünfjährigem Marsch durch die Genehmigungsinstanzen sogar ein Autobahnschild bekommen hat: „Triathlonregion Rothsee“.

„Die Bevölkerung steht voll hinter dem Triathlon“, sagt Felix Walchshöfer – und damit ist das Geheimnis schon erklärt. Der Stolz auf den Triathlon und die ausgewiesene Stellung, die man durch ihn erlangt hat, ist so stark, dass sich diese normale Kleinstadt mit all ihren Sorgen und Streitereien für eine Woche im Juli vereint, alle Einschränkungen durch Straßensperren und Parkverbote hinnimmt und eine Willkommenskultur entwickelt, die beispiellos ist.

Jedes Jahr erlebt Roth sein Woodstock (nicht nur wegen der Camper). Die große weite Welt kommt zu Besuch. „40 Prozent Ausländeranteil, Teilnehmer aus 71 Nationen“, das sind die Eckdaten. Begeisterung dafür in allen Schichten und Altersklassen. Die Schulklassen warten dieses Jahr mit Anfeuerungsschildern in den Sprachen aller Länder auf, 2016 hatten sie Flaggen gemalt. Und die Ecclesia-Kirche bietet – die ganze Woche über – einen Kindergarten für den Nachwuchs von Triathlon-Gästen an. Gratis. „Was wir machen, das geht nur auf dem Land“, meint Walchshöfer. Die Entscheidungswege sind kurz, die Eigeninitiative ist ausgeprägt, „oft wird irgendwas gerichtet, ohne dass wir erfahren, dass es kaputt gegangen wäre“.

Zudem erlebte er einen besonderen Solidarisierungseffekt, als Roth den „Ironman“-Status verlor. „Ironman“ ist ein Synonym für die Langdistanz geworden (3,8 km – 180 km – Marathon), aber eigentlich der Name der veranstaltenden Gruppe. Früher konnte man sich auf Roth für das Prunkstück von Ironman, die Weltmeisterschaft auf Hawaii, qualifizieren. Doch es kam zum Zerwürfnis zwischen Ironman und Roth, die US-amerikanische Dachorganisation, inzwischen im Besitz der chinesischen Wanda-Group, etablierte in Deutschland mit Frankfurt eine Konkurrenz zu Roth.

Roth konterte, indem es was Eigenes aufbaute. Prädikat: Challenge – Herausforderung. Anfangs wurden von Roth aus weltweit 46 Wettbewerbe der Challenge-Serie organisiert. Vor eineinhalb Jahren sind die Walchhöfers aber raus. Es war zu viel geworden für ein Familienunternehmen. Man ist weiterhin Challenge-Mitglied, kümmert sich aber nur noch um die Organisation des Rother Triathlons. 15 Mal war man ein Ironman-Triathlon, nach der Trennung sagten die Menschen in Roth trotzig: „Den Amis zeigen wir’s.“

„Wir sind derBratwurst-Triathlon“

„Der Ironman in Frankfurt ist der Champagner-Triathlon, wir sind der Bratwurst-Triathlon“, sagt Walchshöfer. Damit punktet er eben: mit dem Konzept der kleinen Stadt, die alles gibt. Er hat ein Kontingent für Starter aus dem Landkreis eingerichtet, Behinderte müssen keine Teilnahmegebühr entrichten, und der Finisher, der die letzten Meter die Familie dabeihaben will, darf das kostenlos tun. Bei Ironman kostet das 100 Dollar extra.

Es hat Roth nicht geschadet, kein Ironman zu sein. 15 Ironman-Triathlons steht der nunmehr 17. Challenge gegenüber. Roth ist die Weltrekordstrecke, es kommen all die großen Stars (wie 2016 Jan Frodeno), heuer wird der Frauen-Rekord angegriffen. Obwohl die Preisgelder nicht exorbitant sind: Insgesamt 73 000 Euro sind im Topf, die Sieger bekommen je 15 000.

Natürlich wird auch in Roth Geld verdient. Man hat das eruiert: Ein Starter wird von im Schnitt 5,6 Personen begleitet, und die Australier und Israelis, die starke Startergruppen stellen, kommen nicht nur für eine Übernachtung. Nürnberg, Ingolstadt und Erlangen sind um diese Zeit ausgebucht. Und es reisen auch Triathleten an, die nicht starten. Einfach, weil man sich trifft. „Rockfans fahren zum Festival nach Wacken“, sagt Carin Dennerlohr, „Triathleten kommen in Roth zusammen.“ Manche auch mit der Absicht, sich am Tag nach dem Rennen einen Startplatz fürs nächste Jahr zu sichern. 1000 werden so vergeben.

An der Strecke werden 260 000 Zuschauer gezählt. „Damit sind wir das größte One-day-Event im Sport in Bayern“, hat Carin Dennerlohr ausgerechnet. 200 Polizisten genügen, um alles zu regeln. „Vergleichen Sie das mal mit dem Fußball“, fordert Felix Walchshöfer auf.

Er hat noch eine Zahl: 7 Millionen Euro. Das ist die Wertschöpfung, die die Region durch die Triathleten außerhalb der Triathlon-Woche verzeichnet. Sobald das Wetter gut wird, kommen die Radfahrer zum Trainieren. „Bei uns werden die Leute nicht angehupt, es sind nicht viele Autos unterwegs, und die Straßen werden gepflegt.“ Der Asphalt ist schnell – auch daher die Traumzeiten, die unter denen von Frankfurt und Hawaii liegen.

Die Triathlon-Freundlichkeit äußert sich auch in diesem Rother Spezifikum: Normal wäre, dass der Zielraum sich leert, wenn die Entscheidungen gefallen sind. Im Triathlon-Park von Roth, in dem der Zielbogen ganzjährig steht wie ein Denkmal, ist es um 22 Uhr am vollsten. Dann, wenn die ankommen, die den schwersten Kampf hatten: einen, der nicht über acht, sondern 15 Stunden geht.

Wie jener Teilnehmer aus New York, der 2001 nach Nine-Eleven bei den Aufräumarbeiten eingesetzt war. Der nächtelang in einer Halle neben Leichenteilen schlafen musste, in eine Lebenskrise geriet und mit Triathlon aus ihr herausfand. Er ist schon ein paar Mal in Roth gewesen, den Marathon absolviert er in seiner schweren Originalausrüstung. Er braucht lange – aber er ist ein Held.

Und nun hat Felix Walchshöfer eine weitere einmalige Roth-Geschichte erzählt.

Warum Roth so schnell ist

2016: Jan Frodeno in 7 Stunden 35 Minuten und 39 Sekunden. 2011: Chrissie Wellington (Großbritannien) in 8:18:13 (womit sie bei den Männern auf Platz fünf gekommen wäre) – das sind die Rekordzeiten von Roth und zugleich die Weltrekordzeiten. Von der Schweizerin Daniela Ryf wird heuer ein Angriff auf die Bestmarke der Frauen erwartet. Was macht die Strecke von Roth so schnell? 

Schwimmen: 3,8 km im Main-Donau-Kanal. Ideal. Kein Dreieckskurs wie in einem See, es geht immer klar geradeaus. „Schwimmen ist die einzige Angstdisziplin im Triathlon“, sagt Chef-Organisator Felix Walchshöfer. „Aber im Kanal kann man einfach ein paar Meter zur Seite schwimmen, schon ist man am Ufer.“ Anders als auf Hawaii ist nicht mit Ozean- Wellengang zu rechnen.

Radfahren: „Wir haben ungefähr so viele Höhenmeter wie Frankfurt“, so Walchshöfer. Nämlich 1200 auf die 180 Kilometer. Am bekanntesten ist die zweimal zu befahrende Steigung am Solarer Berg. „Unsere Strecke hat wenig Kurven, die Fahrer müssen nicht so oft wieder neu antreten.“ Der Asphalt hat gute Rolleigenschaften. 

Laufen: Die Strecke wurde für 2017 geändert. Es ist nun eine vier Mal zu bewältigende Pendelstrecke. Dadurch wird die Kreisstadt Roth mit Schloss Ratibor besser ins Bild gesetzt. 2016 übertrugen weltweit 187 Sender.

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