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Das Versprechen von Wimbledon

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- Wimbledon - Die All England Championships 2006 sind Geschichte; Roger Federers Siegersakko ist auf dem Weg ins Museum, der Meister selbst auf dem Weg in den Urlaub, und das Gras an der Grundlinie darf wieder wachsen. Es schwebt bisweilen ein Hauch von Melancholie über dem Ende eines Turniers, und das spürt man nirgendwo so sehr wie in Wimbledon.

 Dem Champion werden zum Abschied Girlanden geflochten, und je öfter er den Titel schon gewonnen hat, desto üppiger fällt die Girlande aus. Auch diesmal sind viele schöne Blumen dabei, denn wie könnte es anders sein, wenn der Sieger selbst sagt, das sei das beste Turnier seiner Karriere gewesen. Aber zwischen englischen Landrosen leuchten ein paar knallrote Chilischoten, das Symbol für den Beitrag von Rafael Nadal.

Federer war stolz auf Titel Nummer vier und die Art, wie er ihn gewonnen hatte; der Verlust eines einzigen Satzes in sieben Spielen spricht Bände. Aber er war vor allem ungeheuer erleichtert. "Ich bin mir der Bedeutung dieses Spiels sehr bewusst", gab er zu. "Wenn ich es verloren hätte, wäre das ein harter Schlag gewesen. Er gewinnt Paris und Wimbledon nacheinander - und ich bin zweimal nur im Finale." Hätte er zum fünften Mal in diesem Jahr gegen den Spanier verloren, wäre er nur noch auf dem Papier die Nummer eins gewesen.

Erleichterung war allerdings nicht nur beim Sieger zu erkennen. Londons Blätterwelt, von der alten "Times" bis hin zum Boulevard, feierte den vierten Sieg des Champions. Seit dem ersten Mal preisen sie Federer in hymnischen Sätzen für seine Kunst. Sie preisen ihn wie einst Pete Sampras, doch es ist nicht zu übersehen, dass ihnen Federer mit seiner liebenswerten Art näher steht als der spröde Amerikaner. Sampras hat 14 Grand-Slam-Titel gewonnen, davon sieben in Wimbledon. Federer hat jetzt acht insgesamt und vier in Wimbledon. Altes mit Neuem zu vergleichen, hat nicht viel Sinn, aber jetzt ist offensichtlich, dass es einen Maßstab für Federers Siege gibt - Rafael Nadal.

Der Spanier glaubt fest daran, dass er nicht nur im Sandkasten von Paris der Beste sein kann, sondern selbst auf Wimbledons Rasen. Hätte er schon den zweiten Satz im Tiebreak gewonnen, wäre die Geschichte des Finales vielleicht eine ganz andere geworden, aber so war dieses Spiel vor allem eines: die Bestätigung einer wunderbaren Rivalität, die die Welt des Tennis mächtig in Bewegung bringt. Nadal lässt gewöhnlich keine Gelegenheit aus, Federers Klasse zu loben. Aber er hat meist auch einen Nachsatz parat, in dem er sich selbstbewusst präsentiert. "Roger ist unglaublich", verkündete er nach dem Finale, "zurzeit ist er der Beste. Aber was in Zukunft ist, werden wir sehen."

Ob auf Rasen oder Sand, das spielt vermutlich bald keine Rolle mehr. Die Entscheidung fällt nicht am Boden, sondern im Kopf. "Ich glaube gegen Roger immer daran, dass ich gewinnen kann", sagt Nadal. "Wenn das die anderen auch tun würden, hätte er vielleicht manchmal größere Probleme."

Er ist wirklich ein bemerkenswerter Typ. Fürchtet sich vor nichts und niemandem, aber respektiert die Geschichte seines Sports und der Legenden. Als Federer mit dem Pokal in der Hand die traditionelle Ehrenrunde drehte, blieb Nadal nicht lange stehen und marschierte ebenfalls los. Winkte ins Publikum, ließ sich feiern und machte den Eindruck, als sei er längst in den heiligen Hallen des Tennis zu Haus. Keine Frage: Auf diesem Centre Court, der dem Champion vier Jahre lang fast allein gehörte, ist für beide Platz.

Diesmal war es ein Versprechen; nur zwei Sätze lang spielten sie auf einem Niveau. Im nächsten Jahr wird der Centre Court nicht mehr derselbe sein; die Kräne für den Abriss des alten Daches rollen bald an. Aber man hat schon jetzt eine Vision, wer die beiden sein werden, die dort im nächsten Jahr unter freiem Himmel spielen.

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