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Vivaldi im Zebra-Kostüm

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- Calgary - Fast sah es so aus, als habe er auf die Frage gewartet. In wohlgesetzten Worten hatte Stephane Lambiel beschrieben, wie er sich nach dem Gewinn seines zweiten Weltmeistertitels fühle ("sehr stolz, sehr glücklich"), und dass dieser zweite noch wertvoller als der erste sei. Bisweilen lächelte er verträumt, doch als die bewusste Frage kam, schlich sich ein etwas härterer Zug in sein Gesicht.

"Stephane, vor einem Jahr haben Sie den Titel zum erstenmal gewonnen, jetzt zum zweitenmal, was haben Sie im nächsten Jahr vor? Weltmeister zu werden und Jewgeni Pluschenko zu besiegen?"

Lambiel zögerte keine Sekunde. "Das hab ich doch letztes Jahr in Moskau schon getan. Ich war Erster in der Qualifikation, Erster im Kurzprogramm, und danach hat Pluschenko aufgegeben. Also habe ich ihn besiegt."

Das hätte der Russe fraglos anders gesehen. Der hatte vor einem Monat in Turin mit riesigem Vorsprung Gold gewonnen, hatte es aber vorgezogen, auf den Start bei der WM zu verzichten. Obwohl man ja nie weiß, wie sich die Dinge bei unterschiedlichen Konstellationen entwickeln, deutet vieles darauf hin, dass er in Calgary nicht so überlegen gewonnen hätte. Wenn überhaupt. Rund 9000 Zuschauer fühlten sich prächtig unterhalten, und allein der Zweikampf zwischen Lambiel und dem kernigen Franzosen Brian Joubert war das Eintrittsgeld wert.

Das ist nicht ganz fair: In der Schweiz haben sie doch schon Federer

Joubert hatte vorgelegt, mit der Hilfe einer alten Liebe, der Kür des Jahres 2004. Nachdem er sich in seiner neuen nie wohlgefühlt hatte, legte er sie nach Olympia zu den Akten, und die Entscheidung zahlte sich aus. Angetrieben von den wummernden Bässen der Filmmusik "Matrix" zeigte sich endlich wieder der echte Joubert.

Bis zum letzten Läufer der Konkurrenz führte der Franzose, bis zum Auftritt von Stephane Lambiel. Normalerweise mag der Schweizer solche Konstellationen nicht, aber er sagt, in diesem Fall habe ihn das noch stärker motiviert: "Das war eine pikante Situation. Für die anderen und auch für mich."

Und was Matrix für Joubert, das ist Vivaldi für Lambiel. Manchmal meint man ja, dessen berühmte Vierjahreszeiten nicht mehr hören zu können, weil sie im Eiskunstlauf gar zu gern gespielt werden. Aber Lambiels eigenwilliger, fantasievoller Stil, die ausdrucksstarken Schrittpassagen und spektakulären Pirouetten passen perfekt zu Vivaldi. Und dem alten Meister hätte vermutlich sogar das bunte Zebra-Kostüm des Schweizers gefallen, hinten orange, vorn schwarz-weiß, an den Ärmeln blau. Ein Kostüm wie kein zweites, und Ausdruck dessen, was Lambiel will: Persönlichkeit zeigen, anders sein.

Er leistete sich zwei kurze Momente der Unsicherheit, beim dreifachen Axel zu Beginn und wenig später nach einer unsauberen Landung beim Rittberger, aber der Rest, darunter zwei vierfache Toeloops, hatte weltmeisterlichen Glanz. In den letzten 30 Sekunden beim Crescendo und Furioso der Geigen gab es keinen Zweifel mehr, wer den Titel gewinnen würde.

Titel Nummer zwei wird Lambiels Popularität daheim einen Monat nach der in Turin gewonnenen Silbermedaille weiter steigern. Irgendwie ist das nicht fair. Da haben sie in der Schweiz schon den Federer, der traumschön Tennis spielt und zudem sämtliche Sympathiewertungen gewinnt, und nun auch noch den Lambiel, obwohl der im Umgang schon komplizierter ist. Im vergangenen Jahr hatte Federer in einer schriftlichen Botschaft gratuliert, und sie hätten sicher nichts dagegen, bis auf weiteres jedes Jahr im März dasselbe zu tun.

Und was ist mit Pluschenko? Brian Joubert sagt: "Ich bin mir sicher, dass Jewgeni weiter macht. Und das wird dann ein guter Kampf." Mit welchem Abstand sich deutsche Läufer daran beteiligen werden? Hmmm. Silvio Smalun fiel in Calgary nach einer Kür mit groben Fehlern noch auf Platz 20 zurück. Das Ende passte nicht zum Anfang und auch nicht zum Rest seiner bisher besten Saison. Ob er weitermachen wird, weiß er noch nicht. Und wie es mit Stefan Lindemann weitergehen wird, ist auch ungewiss. An dieser Stelle besser keine Prognosen.

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