Der Vulkan tarnt sich als Eisberg

- Melbourne - Den Coolen spielt er immer noch gern. Sonnenbrille in die Haare geschoben, Hände in den Hosentaschen versenkt saß er bei der Pressekonferenz und berichtete über den Stand der Dinge. Eher geschäftsmäßig, wie ein Buchhalter seiner Leistung. Selbst als er sagte, er sei sehr glücklich und es sei ihm ein Stein vom Herzen gefallen nach dem Sieg gegen Juan Ignacio Chela (7:6, 6:3, 6:3), leistete er sich kaum den Hauch eines Lächelns. Aber die wahre, die gefühlte Antwort hatte er auf dem Platz gegeben. Mit ausgelassenen Freudensprüngen nach dem letzten Ball und mit leuchtenden Augen wie ein Kind unterm Weihnachtsbaum.

Keine Frage, der Anlass ist ein besonderer. Mit dem 300. Sieg seiner Profikarriere steht Nicolas Kiefer zum erstenmal seit einer kleinen Ewigkeit von sechs Jahren wieder im Viertelfinale eines Grand-Slam-Turniers. Viermal hatte er das bisher geschafft, 1997 in Wimbledon, 1998 und 2000 in Melbourne und 2000 auch in New York. Nun also knüpfte Kiefer an die alten Zeiten an. Allerdings übte er sich zunächst in selbstkritischer Zurückhaltung.

Es gebe zur Zeit viele gute Dinge in seinem Spiel, befand Kiefer. Aber von seiner besten Form sei er immer noch weit entfernt. Ja, so hat er das tatsächlich gesagt, obwohl die Vorstellung gegen Chela recht eindrucksvoll gewesen ist. Aber jetzt wirds ernst, und es stellt sich die Frage: Kann er schaffen, woran er zu Beginn seiner Karriere viermal gescheitert ist? Zieht er mit 28 zum ersten Mal ins Halbfinale eines Grand-Slam-Turniers ein?

Die Chancen stehen nicht schlecht, denn sein morgiger Gegner wird keiner aus der Elite der Top 10 sein, sondern der Franzose Sébastien Grosjean, Nummer 28 der Weltrangliste zur Zeit und damit drei Positionen schlechter platziert als Kiefer. Zudem wäre Melbourne der passende Ort für neue Dimensionen. Hier hat Kiefer 1995 den Junioren-Titel bei den Australian Open gewonnen, hier hat er sich im Jahr darauf mit 18 zum erstenmal für ein Grand-Slam-Turnier qualifiziert, und hier machte er zwei seiner vier Viertelfinalspiele.

Auf die Frage, warum so viel Zeit seither vergangen ist, wüsste er sicher keine überzeugende Antwort. Bis auf die Tatsache, dass er in entscheidenden Momenten seiner Karriere immer wieder mit Verletzungen zu kämpfen hatte. Das ist auch im Moment wieder so, denn der lädierte linke Knöchel braucht nach wie vor jeden Tag Behandlung. "Das war echt ’ne schlimme Sache", sagt Kiefers neuer Coach Sascha Nensel, 35. Die beiden kennen sich aus gemeinsamen Bundesliga-Zeiten beim HTV Hannover, zuletzt war Nensel beim Niedersächsischen Tennisverband (NTV) als Nachwuchstrainer angestellt.

Kiefer ist voll des Lobes über die ersten Wochen der gemeinsamen Arbeit. "Es ist unglaublich, wie gut er mich immer wieder puschen, motivieren kann." Auf den ersten Blick macht Nensel nicht den Eindruck eines temperamentvollen Menschen, aber es ist gut möglich, dass dieser Eindruck täuscht. In seiner Zeit als Spieler galt er als leicht reizbar, wofür auch eine Geschichte steht, über die er nicht so gern redet. Nachdem er 1992 bei einem Bundesligaspiel einem Schiedsrichter einen Ball an den Kopf geschossen und den Mann verletzt hatte, war er ein halbes Jahr gesperrt worden.

Der Neue weiß also, wie schwer es ist, die Balance zwischen Leidenschaft und realistischem Anspruch zu finden, und das kann eine Hilfe sein. Denn für einen, der so richtig cool wirken will, brodelt es nicht wenig in Nicolas Kiefer; irgendwie ist er wie ein Vulkan, der sich mit einer weißen Kappe und künstlicher Kälte als Eisberg tarnt. Aber der Berg bewegt sich. "Egal, was passiert", sagt er, "es geht nach vorn. Wenn ich gewinnen will, darf ich mich nicht nach hinten fallen lassen und den Ball irgendwo rumschubsen. Ich muss was riskieren, aber ich nehme die Herausforderung an." Gegen Chela hat er das getan.

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